Fernreisen mit dem Elektroauto? Raus aus dem gewohnten Revier – hin zu Zielen, die jenseits der Reichweite des eigenen Stromers liegen und den einen oder anderen Ladestopp an einer Elektro-Tankstelle erfordern?

Viele Elektromobilisten scheuen das immer noch. Zu groß ist immer noch die Reichweitenangst, ist ihre Sorge, unterwegs irgendwo mit leerem Akku liegenzubleiben. Weil die rettende Anschlussstelle nicht mehr erreicht wurde oder die vom Navigationssystem empfohlene Ladesäule nicht so funktioniert, wie vom Betreiber versprochen. Das Netz ist voll von Berichten über derartige Horrortrips, auch in seriösen Tageszeitungen werden „Elektro-Irrfahrten“ in Reportagen gerne lustvoll inszeniert: Da passen Elektroauto und Ladesäule „nicht zusammen“, Lade-Apps funktionieren nicht, weil der Ladeplatz in einem Funkloch steht, so dass keine Verbindung zum Provider aufgebaut werden kann. Oder das Navigationssystem zeigt Ladesäulen an, die nicht funktionieren oder noch nicht existieren, so dass eine Reise eines Ehepaars von Freiburg ins Ferienhaus nach Montpellier mit einem nagelneuen VW ID3 in Summe 26 Stunden dauerte.

Schnell zum nächsten Schnelllader

App-Entwickler Felix Geibel
Der Ingenieur ist bei Mercedes für die Entwicklung des Elektroantriebs des EQB verantwortlich. Privat fährt der Familienvater einen Hyundai Ioniq Elektro. Foto: Privat

Mit der neuen Smartphone-App „Charging Time“ wären die Freiburger möglicherweise deutlich schneller ans Ziel gekommen. Und deutlich stressärmer. Denn die App zeigt europaweit zuverlässig alle Schnelllader entlang der Route an, gefiltert nach Anzahl und Ladeleistung und an Autobahnen auch in der richtigen Fahrtrichtung. Angezeigt wird zudem die Entfernung zum nächsten Ladestopp, die maximale Entfernung zwischen zwei alternativen Lademöglichkeiten sowie die Services, die am Ladepark geboten werden.

Reichweitenangst sollte es damit nicht mehr geben – und fällt eine Station aus irgendwelchen Gründen aus, ist mit ein paar Fingertipps blitzschnell eine Lade-Alternative für das Elektroauto gefunden.

Entwickelt hat die smarte Lade-App Felix Geibel. Der Vater von vier Kindern und Ingenieur bei Daimler in Stuttgart fährt seit über zwei Jahren ein Elektromobil. Nicht etwa einen Mercedes EQC, wie man es vom Projektleiter Elektroantrieb bei Mercedes erwarten könnte. Nein, Geibel fährt einen schon etwas älteren Hyundai Ioniq: „Das war damals das Beste, was zu vertretbaren Preisen auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu finden war.“ Verlassen mochte sich Geibel aber nicht auf die spärlichen Informationen, die das in die Jahre gekommene Navigationssystem seines koreanischen Elektroautos über die Lademöglichkeiten entlang der Strecke lieferte: Egal, wie gut er die Fahrt geplant hatte – es kam immer anders. Vor allem, wenn er seine Kinder dabei hatte.

Strom fürs E-Auto – und Futter für die Insassen

„Wir hatten noch 30 Minuten bis zum Ladestopp, den ich mir am Vorabend herausgesucht hatte – da ertönte es von hinten: „Papa, ich habe Hunger!“ „Kannst Du noch eine halbe Stunde aushalten?“ „Nein!“ Die Touren mit seinem Elektroauto konnte Geibel noch so gut geplant haben – es kam immer anders. „Irgendjemand kriegte Hunger, irgendwer musste auf die Toilette.“

Charging Time-App
Kein Grund für Reichweitenangst
Die Charging Time-App zeigt abgestimmt auf die maximale Ladeleistung des Elektroautos sämtliche Lademöglichkeiten entlang der Route an – und die Gastronomie-Angebote am Ladeplatz oder in der Nähe davon.

Was macht man da? Na klar, man sucht einen alternativen Ladeplatz. Idealerweise mit Toilette oder einer Möglichkeit, Getränke oder Speisen zu erwerben. Das Navi im Hyundai Ioniq Elektro half da nicht viel. „Ich musste anhalten und mit verschiedenen Apps hin und her hantieren bis ich den nächsten passenden Ladestopp gefunden hatte“, erzählt Geibel.

Das müsste eigentlich besser gehen, dachte sich der Ingenieur – und machte sich an die Entwicklung seiner eigenen Lade-App. „Ich hatte schnell ein klares Bild davon was ich brauchte.“ Und was er suchte, war ohnehin klar: Zuverlässige Informationen über die Ladestation und das Angebot dort.

Entwicklung der App nach Feierabend

Ein Jahr dauerte die Entwicklung der App in den Abendstunden und an den Wochenenden – neben dem Fulltime-Job bei Daimler und der Arbeit am Elektroantrieb für den neuen Mercedes EQB. „Technisch war das Berechnen des Abstands der Ladestation zu einer Route und der passenden Seite der Route (Fahrrichtung oder Gegenrichtung) die größte Herausforderung“, berichtet der Ingenieur. „Da habe ich eine Menge Hirnschmalz reingesteckt.“

Hyundai Ioniq Elektrik
Das Elektroauto war für Geibel „das Beste, was damals zu vertretbaren Preisen auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu finden war.“ Foto: Hyundai

Es hat sich ausgezahlt, wie wir in den vergangenen Wochen bei Tests mit der „Charging Time“-App unter anderem auf Touren vom Rheinland in den südlichen Schwarzwald festgestellt haben: Die App reagiert sehr schnell und lässt sich nicht nur leicht bedienen, sondern zeigt auch sehr zuverlässig die nächste Ladestation an – abgestimmt auf die maximale Ladeleistung des Elektroautos. Mehrmals pro Sekunde aktualisiert die App die Position, so dass die Entfernung zum „rettenden“ Ladestopp sehr zuverlässig angezeigt wird.

„Planung der Ladepausen fürs Elektroauto braucht Flexibilität“

Wünschen würde man sich nur eine direkte Verbindung mit dem Elektroauto, um auch den aktuellen Ladestand des Akkus bei der Auswahl der Ladestation und Fahrstrecke berücksichtigen zu können – die Ladeplaner von Tesla, auch von Renault und beim Mercedes EQS bieten dergleichen an. Und seit dem Software-Update zum Jahreswechsel erstellt auch die Online-Routenberechnung im Navigationssystem eines VW ID.3, ID.4 und ID.5 für lange Strecken eine Multistopp-Routenplanung, die Verkehrs- und Streckendaten ebenso wie den SOC (State-of-Charge, zu deutsch: Ladestand) der Batterie berücksichtigt – und sich obendrein an der Ladeleistung der Säulen und ihrer Belegung orientiert.

ChargingTime 1.01
Seit Dezember kann die App für das Apple-Handy kostenlos bei iTunes heruntergeladen werden.

Das kann die kostenlose „Charging Time-App“ ohne direkte Verbindung zum Bordcomputer nicht bieten. Geibel vermisst die Funktionalität nicht: „Meine persönliche Erfahrung ist, dass man bei der Planung der Ladepausen auch Flexibilität braucht. Vielleicht bin ich müde und möchte 20 Minuten früher Pause machen. Vielleicht führt mich die automatische Planung auch an eine Raststätte mit einem dürftigen Speisenangebot – zehn Kilometer vorher aber hätte ich einen Autohof mit drei Fastfood-Restaurants ansteuern können. Mein Ansatz ist: Ich weiß besser als das Auto, was ich brauche und wo ich meine Ladepause verbringen möchte.“

Und eine SoC-gestützte Ladeplanung? Braucht es auch nicht, argumentiert Geibel. „Das können die guten Elektroautos selbst“ – oder man nutze die App „A better Routeplanner“ (ABRP). „Meine App will bewusst nicht das Gleiche machen, sondern dem Nutzer einfach die Informationen schnell und gut aufbereitet anzeigen – um dann selbst zu entscheiden.“

Und die Reichweite seines Elektroautos könne jeder nach einer gewissen Eingewöhnung selbst gut einschätzen. „Und wenn wie heute schon alle 17 Kilometer ein Ladestopp möglich ist, wird es nebensächlich, ob ich mit zehn, zwölf oder 18 Prozent SOC am Ladeplatz ankomme.“

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3 Kommentare

  1. Avatar

    Schade – (noch?) nicht für Android …

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      .. und ohne IOS 14.1 oder neuer läuft es auch nicht. 🙂

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      • Franz W. Rother

        Ich gebe die Klage an den Entwickler weiter.

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