Carlo van de Weijer leitet an der Technischen Universität von Eindhoven das neugegründete „Eindhoven Artificial Intelligence Systems Institute (EAISI), das sich unter anderem mit dem Autonomen Fahren und den Möglichkeiten beschäftigt, den Verkehr und unseren Alltag mithilfe Künstlicher Intelligenz zu optimieren. Der Maschinenbauingenieur war früher unter anderem für Siemens und TomTom tätig. Heute berät der 55-Jährige Ministerien und Industrieunternehmen auf der ganzen Welt in Fragen zur Zukunft der Mobilität – und meldet sich in Kolumnen wie dieser regelmäßig zu solchen Themen zu Wort. Zusammen mit seinem Kollegen, Professor Maarten Steinbuch von der TU Eindhoven hat er zudem ein Buch über die Zukunft der Mobilität verfasst.

Carlo van de Weijer
Carlo van de Weijer Der Ingenieur ist Direktor des Eindhoven Artificial Intelligence Systems Institute (EAISI).

Kürzlich stellte der Wissenschaftliche Rat für Regierungspolitik (WRR) fest, dass die Niederlande auf die Folgen der künstlichen Intelligenz (KI) nicht gut vorbereitet sind. In seinem Bericht „Challenge AI, The New Systems Technology“ fordert der Rat eine Regulierung der Technologie und der Daten, ihrer Nutzung und der sozialen Auswirkungen. Und das zu Recht. In einigen Jahrzehnten werden Maschinen über ein größeres Denkvermögen verfügen als Menschen. Wenn Maschinen mithilfe künstlicher Intelligenz dann anfangen, selbst zu denken und zu entscheiden, ist zu hoffen, dass sie eine Reihe von Geboten einhalten werden.

KI hält auch Einzug in die Mobilität. Und die Probleme, auf die der WRR hinweist, sind auch hier im Spiel. Die phantasievollste KI-Erscheinung in der Mobilität ist das vollautonom fahrende Auto. Es ist potenziell viel sicherer und komfortabler, aber es gibt heikle Haftungsfragen, wenn es zu einem Unfall kommt. Sollte der Mensch immer in der Lage sein, das System zu übersteuern? Und was wäre nötig, damit ein selbstfahrendes Auto die Gesetze auch flexibel auslegen kann, wenn es nötig ist? Das ist etwas, was wir als Menschen im täglichen Verkehr jede Minute tun – gerade im Dienste der Sicherheit.

Intelligente Maschinen brauchen einen ethischen Rahmen

Eines Tages, als ich mit 120 km/h auf der Autobahn durch die Ardennen fuhr, regelte der intelligente Tempomat meines Autos plötzlich die Fahrgeschwindigkeit abrupt auf 70 km/h herunter – weil der Straßendienst vergessen hatten, eine Geschwindigkeitsbegrenzung nach Beendigung der Arbeiten wieder zu entfernen. Zum Glück konnte ich mit einem Tritt auf das Fahrpedal die Bremsung aufheben und mich über das Tempolimit hinwegsetzen. Dennoch sollten wir nicht zulassen, dass  extrem intelligente Maschinen genauso wie wir flexibel die Regeln auslegen – ohne dass wir ihnen zuvor einen ethischen oder moralischen Rahmen setzen. Das könnte sonst zu dystopischen Zuständen führen, in denen Maschinen ungewollt Menschen und vielleicht sogar die Menschheit gefährden.

Aber die KI-Problematik in der Mobilität geht weit über das selbstfahrende Auto hinaus.

Verkehrsmanagement by Google?

Was wäre beispielsweise, wenn Google oder TomTom das komplette Verkehrsmanagement von den Straßenbehörden übernehmen würden? Was, wenn die großen Tech-Giganten eines Tages die gesamte Planung des öffentlichen Nahverkehrs übernähmen, sobald die Menschen ihre Mobilität ausschließlich über deren Dienste organisieren? Was ist, wenn diese Plattformen nach einer freundlichen, kostenlosen Anfangsphase beginnen würden, ihre Monopole zu missbrauchen?

Die Autoshow IAA in Frankfurt zeigt es: Das Smartphone wird zum Herrscher im Auto – und damit drohen, Audi, Daimler und Co. den direkten Zugang zum Kunden zu verlieren. Das bedeutet nicht den Untergang der Branche, aber schwächt ihre Position, mit neuen Mobilitätsdiensten gutes Geld zu verdienen. Denn, richtig, Daten sind das neue Öl. Ein Kommentar. Digitalisierung

Und wer würde überhaupt die Verfügbarkeit der Dienste und deren Sicherheit garantieren? Mietwagendienste wie Uber sind inzwischen in vielen großen Städten beliebter als das klassische Taxi. Aber wer kann die Fahrer dieser Autos verpflichten, wie im staatlich regulierten Taxiverkehr zum Beispiel die Mitnahme von Blindenhunden und Rollstühlen zu akzeptieren, damit ein bedeutender Teil der Gesellschaft nicht von den Transporten ausgeschlossen wird?

KI-Koalition in den Niederlanden

Künstliche Intelligenz wird die Mobilität besser, sicherer und komfortabler machen. Aber diese Systeme brauchen dazu einen ethischen und moralischen Rahmen. Um den zu setzen, haben sich in den Niederlanden Unternehmen und Forschungsinstitute zu einer KI-Koalition zusammengeschlossen. Sie haben Anfang des Jahres 276 Millionen Euro aus dem EU-Wachstumsfonds erhalten, um die niederländische Position auf internationaler Ebene zu stärken. Der erste Teil davon geht wohlweislich an die so genannten Elsa-Labors, in denen ethische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte der KI behandelt werden. Und wie bei der Mobilität wird KI auch in anderen Bereichen helfen, Kurs auf die Zukunft zu nehmen. Aber wir sollten auch immer in der Lage sein, das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen.

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