Die Energiewende in Deutschland kommt voran. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesystem (ISE) hat jüngst zum fünften Mal seine Studie über die Gestehungskosten von Strom aus Erneuerbaren Energien vorgelegt. Das Ergebnis: Es ist mittlerweile billiger, Strom durch Photovoltaik oder Windkraft zu produzieren als mit konventionellen, mit Erdgas oder Kohle betriebenen Kraftwerken. Paradoxerweise ändert sich die Situation für den Verbraucher nicht: Die Strompreise in Deutschland bleiben trotzdem die höchsten in Europa.

Was die Fraunhofer-Studie sagt

Im Prinzip sind die Ergebnisse der Fraunhofer-Studie eine gute Nachricht. „Windkraftwerke und Solarkraftwerke in Deutschland besitzen nun deutlich geringere Stromgestehungskosten als konventionelle Kraftwerke. Durch die steigenden Kosten für CO2- Zertifikate ist selbst der Betrieb von bestehenden konventionellen Anlagen, betrieben mit Kohle und Gas, in den kommenden Jahren immer weniger wettbewerbsfähig“, erläutert ISE-Wissenschaftler Christoph Kost. Er zeichnet für die Studie verantwortlich. Stromgestehungskosten sind die Kosten, die anfallen, wenn eine andere Energieform in elektrischen Strom umgewandelt wird.

Solarpark Herzogenrath
Preisgünstiger Strom im Überfluss – bei Sonnenschein
Je nach Sonneneinstrahlung und Bauart produzieren PV-Anlagen Strom zu Kosten zwischen 3,12 und 11,01 Cent. Foto: EWV

Mit anderen Worten: Mit erneuerbaren Energien Strom zu produzieren, wird billiger. So sind die Gestehungskosten für Photovoltaik-Strom gegenüber der letzten ISE-Studie von 2018 erneut gesunken: Je nach Sonneneinstrahlung und Bauart fallen nun zwischen 3,12 und 11,01 Cent pro Kilowattstunde an. Die einzelne PV-Anlage kostet je nach Typ zwischen 530 und 1600 Euro pro Kilowattstunde Spitzenleistung.

Was Wind- und Sonnenstrom kosten

Bei der Windkraft führen die sinkenden Anlagenkosten gerade bei Onshore-, also Windkraftwerken an Land, zu Gestehungskosten zwischen 3, 94 und 8 Cent pro Kilowattstunde. Das macht sie zu den zweitgünstigsten Energieerzeugern. Offshore-Anlagen sind deutlich teuer. Ihre Kosten bewegen sich zwischen 7,23 und 12,13 Cent pro Kilowattstunde, obwohl sie länger mit Vollast laufen als Windanlagen an Land. Der Grund: Es ist teurer, sie zu finanzieren, aufzustellen und zu betreiben.

Verbundsysteme aus Photovoltaik und Batteriespeichern beanspruchen einen wachsenden Teil des Strommarkts. Bei ihnen liegen die Gestehungskosten zwischen 5,24 und 19,72 Cent pro Kilowattstunde. Wegen der verschiedenen Batteriesysteme ist hier das Preisspektrum sehr breit. Zum Vergleich: Neue konventionelle Kraftwerke wären wegen der CO2-Bepreisung etwa so teuer wie Offshore-Windkraftwerke: Hier lägen die Gestehungskosten nicht unter 7,5 Cent pro Kilowattstunde.

Wie sich die Stromkosten in Deutschland zusammensetzen

Bei den Verbrauchern kommt von den sinkenden Kosten nichts an. Das liegt an der hohen Belastung des Strompreises mit Steuern und Abgaben. Rund die Hälfte des Preises für unseren Haushaltsstrom verursacht der Staat.

Erneuerbare sind die günstigsten Stromquellen
Durchschnittliche Stromgestehungskosten nach Energiequellen in Deutschland. Grafik: Fraunhofer ISE

Laut der Preisvergleichsseite stromauskunft.de zahlen wir im Bundesdurchschnitt aktuell 34,72 Cent pro Kilowattstunde bei unserem Grundversorger. Wenn wir uns den günstigsten Alternativanbieter aussuchen,  zahlen wir bis zu zehn Cent weniger. Im Bundesdurchschnitt liegt dieser Preis dann bei 26,82 Cent. Die Kilowattstunde ist bei Anbietern von Ökostrom geringfügig teurer. Beim günstigsten Anbieter kostet sie 26,85 Cent. ZUr Einordnung: Ein Musterhaushalt mit zwei Personen verbraucht im Jahr rund 3.500 kWh Strom, eine vierköpfige Familie 5.000 Kilowattstunden. Das Elektroauto kommt obendrauf.

Allerdings variieren die tatsächlichen Preise je nach Region und Tarif. Das gilt auf für die einzelnen Komponenten. Die durchschnittliche Zusammensetzung selbst sieht dann so aus:

Bestandteil                                   Prozentualer Anteil                         Anteil in kWh

Steuern, Umlagen,

Abgaben                                       30, 6%                                   9, 82              

EEG-Umlage                                21,0 %                                    6, 76              

Beschaffung, Vertrieb,

Marge                                            24 .9%                                   7, 97              

Netzentgelte                                 22, 3%                                   7, 14              

(Quelle: https://www.stromauskunft.de)

Was der Ladestrom für E-Autos kostet

Laut Umweltbundesamt ist der Verkehrssektor der Bereich mit dem geringsten Anteil an Erneuerbaren Energiequellen. Der lag im vergangenen Jahr bei 7,3 Prozent. Das sind 44,1 Milliarden Kilowattstunden. Von diesen kamen 5,4 Milliarden kWh aus erneuerbaren Energien. Im Prinzip kostet die Kilowattstunde für Nutzer von E-Autos genauso viel wie der Haushaltsstrom.

So verbraucht ein Nissan Leaf auf 100 Kilometer zwischen 15 und 17 kWh. Bei einem Durchschnittspreis von 34,72 cent pro kWh kosten 100 Kilometer Fahrstrecke also zwischen 5,21 und 5,9 Euro.

Jedoch hängt der zu zahlenden Preis von mehreren Faktoren ab. Das sind neben dem Fahrzeugtyp etwa das Abrechnungsmodell, die Ladeleistung am gewählten Ladepunkt und die gefahrenen Kilometer.

Warum deutscher Strom der teuerste Strom Europas ist

In der öffentlichen Debatte wird gerne die EEG-Umlage aus Ursache ausgemacht, die im Jahr 2000 von der rot-grünen Bundesregierung eingeführt wurde, um die Energiewende zu finanzieren. Sie stieg von 0,19 Cent im ersten Jahr auf mittlerweile 6,5 Cent pro Kilowattstunde. Die EEG-Umlage war sicher ein Grund dafür, dass die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien in den zurückliegenden Jahren in Deutschland so stark gewachsen ist – deren Anteil an der Stromerzeugung lag im ersten Halbjahr 2021 bei 42,7 Prozent. Ökostrom-Produzenten erhalten durch die Umlage von den Betreibern der Übertragungsnetze über 20 Jahre eine Vergütung für jede Kilowattstunde. Allerdings liegt der Börsenstrompreis, und somit der echte Marktwert des Stroms, deutlich niedriger.

Laden eines Elektroautos
Daheim lädt das Elektroauto immer am günstigsten
An der heimischen Wallbox kostet die Kilowattstunde Strom zum Laden des E-Mobils im Schnitt genau so viel wie Haushaltsstrom.

Die Netzbetreiber werden für die Differenz aus EEG-Mitteln entschädigt, damit sie nicht auf den Kosten sitzenbleiben. Zudem finanziert der Staat auch Netzeingriffe zum Ausgleich schwankender Einspeisungen aus EEG-Mitteln. Die EEG-Umlage wird jedes Jahr von den Übertragungsnetz-Betreibern neu kalkuliert. Häufig können sich Unternehmen mit hohem Stromverbrauch von der Umlage befreien lassen.

Welche Rolle die CO2-Bepreisung spielt

Ein weiterer Kostentreiber ist die CO2-Bepreisung. Sie wird spätestens ab 2023 Heizen und Autofahren, aber auch den Haushaltsstrom teurer machen. Der CO2-Preis soll die Kosten für den Ausbau regenerative Energien decken. Um die Verbraucher zu entlasten, will die Bundesregierung die EEG-Umlage senken und schließlich ganz abschaffen. Aber es bleibt fraglich, wie viel von dieser Senkung tatsächlich beim Verbraucher ankommt. Der Preis für eine Tonne CO2 soll anfangs 25 Euro betragen und bis 2025 auf 55 Euro steigen.

Laut einer Verivox-Untersuchung kostet die EEG-Umlage ab 2022 den Verbraucher 222 Euro im Jahr. Hinzu kommt die CO2-Bepreisung in Höhe von 194 Euro. Aber schon 2023 würde der CO2-Preis bei 227 Euro liegen und in den nächsten Jahren noch weiter steigen. Die EEG-Umlage ist dann nicht mehr der größte Kostentreiber – sofern es sie dann noch gibt: Alle großen Parteien haben im Bundestagswahlkampf angekündigt, die EEG-Umlage entweder komplett abschaffen oder reduzieren zu wollen.

Ausblick: Preis für Stromproduktion soll weiter sinken

Für die nächsten Jahre prognostiziert die Fraunhofer-Studie einen weiteren Rückgang der Gestehungskosten von Strom. Ab etwa 2030 könnte die Energieerzeugung aus einem kombinierten PV- und Batteriesystem günstiger sein als aus einem konventionellen Gaskraftwerk. Und bis 2040 sollen die Gestehungskosten von Strom aus Photovoltaik und Windkraft weiter sinken. Weitere technologische Verbesserungen dürften nach ihrer Auffassung dafür sorgen, dass die Kosten für PV-Anlagen auf Dächern auf 3,58 bis 6,77 Cent pro Kilowattstunde sinken werden, die für grössere Freiflächenanlagen auf 1,29 bis 3,51 Cent pro Kilowattstunde.

Aber aktuell sinkt laut Statistischem Bundesamt der Anteil der Erneuerbaren an der deutschen Stromerzeugung wieder. Als Grund nannten die Experten ein ungewöhnlich „windarmes“ Frühjahr. Das ließ die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern um 20,9 Prozent gegenüber 2020 wachsen. Somit stieg der Anteil der Energieerzeugung mit fossilen Brennstoffen auf 56 Prozent und liegt damit nun wieder über dem Stromanteil aus Erneuerbaren Energien: Wind und Sonne lassen sich nun mal nicht steuern.

Warum der Atomausstieg die Sache nicht besser macht

Das höchste Wachstum entfiel dabei auf den Strom aus Kohlekraftwerken. Deren Anteil könnte weiterhin hoch bleiben, denn mit der Stilllegung der letzten sechs deutschen Kernkraftwerke entfällt in absehbarer Zeit eine wichtige Komponente der so genannten Grundlast – also der Stromerzeugung, die nötig ist, um das Netz stabil zu halten und den Bedarf an Strom von privaten und gewerblichen Verbrauchern zu decken. Der Atomstrom – der im ersten Quartal 2021 immerhin noch 16,8 Milliarden Kilowattstunden, also 12,2 Prozent zur Gesamtstromerzeugung beisteuerte, müsste dann entweder aus Gas-Kraftwerken kommen – oder aus dem Ausland importiert werden.

Auch die EEG-Förderung von Windkraft hat ihre Schattenseiten. Sie läuft nach 20 Jahren aus. Das führt dazu, dass allein in Brandenburg bis Ende vergangenen Jahres 429 Windanlagen stillgelegt worden. Offenbar ist der Weiterbetrieb ohne Subventionen nicht profitabel. Bundesweit betrifft das in den nächsten Jahren mehrere tausend Windturbinen, die alle Anfang des Jahrhunderts errichtet wurden. Dass der Umstieg auf die erneuerbaren Energien gelingt, wird also auch davon abhängen, ob sich neben den unvermeidlichen Ersatzbauten auch genügend zusätzliche Anlagen errichten lassen. Denn der Strombedarf in Deutschland wächst weiter. Zudem muss sich an der regulatorischen Seite einiges ändern, bevor der billige Ökostrom Wirklichkeit wird.

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1 Kommentar

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    Die EEG-Umlage gleicht den Unterschied zwischen garantiertem Einspeisepreis für Erneuerbare und dem Marktpreis aus.
    Durch die CO2-Zertifikate wird die Stromerzeugung aus konventionellen Anlagen teurer. Der Marktpreis für Strom steigt also.
    Auch wenn die EEG-Umlage erst mit einem Jahr Verzögerung angepasst wird: Eigenlich müsste die EEG-Umlage sinken, wenn der Marktpreis für Strom steigt. Man kann also nicht EEG-Umlage und CO2-Preis aufeinanderrechnen, sondern müsste eigenlich die Beiden voneinander abziehen.
    Die teuersten Anlagen in der EEG (Solaranlagen mit über 40 Cent Enspeisevergütung) fallen sowieso gerade nacheinander heraus, weil die 20 Jahre rum sind. Wer heute dagegen eine Anlage aufs Dach baut, bekommt gerade mal noch 7 Cent – passt schon, die Anlagen sind ja auch viel billiger geworden. Für die EEG-Umlage heißt aber auch das:
    Börsenstrompreis August 2021: 8,27 Cent/kWh, Einspeisevergütung: 7 Cent. Die EEG-Umlage wird negativ (?!?).

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