Das wird ein heißer Test … Noch liegt zwar ein zarter Morgendunst über dem Staffelsee im bayerischen Murnau. Doch die Wetter-App hat auch an diesem Spätsommertag noch mal mehr als 30 Grad im Schatten angekündigt; allzu viel Schatten ist aber nicht zu erwarten. Glücklicherweise folgt der heutige Ausflug in die Berge keinen gewöhnlichen Regeln. Denn dicht an der Hüfte sitzt eine Neuheit der vollelektrischen Mobilität: ein Exoskelett des chinesischen Herstellers Hypershell. Das Topmodell „X Ultra S“ zum Preis von 1999 Euro verspricht damit Superkräfte für jedermann.

Zwei kleine Motoren in der Größe von Bierdeckeln ruhen dazu gleich neben den Hosentaschen. Die Fahrt mit dem Mountainbike führt zunächst knapp 20 Kilometer in Richtung Ohlstadt, bevor der steile Aufstieg auf den Heimgarten wartet. Der Assistent an der Hüfte soll den Weg dorthin grundlegend beflügeln.

E-Bike der anderen Art
Das Exoskelett schiebt mit leichtem Surren nicht wie ein klassisches E-Bike über die Kurbel, sondern zieht direkt am Bein.
E-Bike der anderen Art
Das Exoskelett schiebt mit leichtem Surren nicht wie ein klassisches E-Bike über die Kurbel, sondern zieht direkt am Bein.

Die Vorbereitung dauert lediglich knapp drei Minuten. Ein dick gepolsterter Hüftgurt umschließt den Körper und rastet mit einem lauten Klicken ein. Zwei Karbon-Streben verbinden den Motor mit den Oberschenkeln. Mit bequemen Gurten kann der Freizeitsportler die Konstruktion straff oberhalb der Knie fixieren. Per Smartphone-App gibt’s einfache Anleitungen dazu. Und neben kleinen Tasten am Motor lassen sich so die verschiedenen Betriebsmodi des knapp zwei Kilogramm leichten Geräts steuern.

Ki überprüft den Fahrstil und passt den Schub an

Auf geht’s im Fahrradmodus: Schon der erste Tritt in die Pedale des Mountainbikes aktiviert den Antrieb. Das Exoskelett schiebt dabei mit leichtem Surren nicht wie ein klassisches E-Bike über die Kurbel, sondern zieht direkt am Bein. Zunächst wirkt dieser Taktgeber noch leicht asynchron zur eigenen Trittfrequenz. Doch nach nicht einmal einem Kilometer passt sich der hilfreiche Zug am Oberschenkel perfekt an den individuellen Rhythmus an. Die Sensorik hat mit KI den Fahrstil analysiert und synchronisiert den Schub.

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So funktioniert ein Exoskelett

Das Exoskelett Hypershell X Ultra S nutzt 22 integrierte Sensoren. Die erfassen in Echtzeit die Gangart, das anliegende Gelände und den aktuellen Gelenkwinkel. Der Ingenieur und Firmengründer Kelvin Sun entwickelte dafür den KI-Algorithmus „HyperIntuition“. Ein Motorsteuerchip wandelt die Sensordaten kontinuierlich in exakt dosierte Kraft um. Das System erreicht laut TÜV Rheinland eine Gangsynchronisation von 97,5 Prozent bei einer Reaktionszeit von lediglich 0,3 Sekunden. Die körperliche Entlastung ist messbar: Der Sauerstoffverbrauch sinkt unter Last um bis zu 39 Prozent, die Herzfrequenz um bis zu 43 Prozent. Der Akku liefert im Eco-Modus Energie für fünf Stunden am Berg.

Kies und Schotter knirschen unter den dicken Reifen und überdecken jedes andere Geräusch. Die sanfte Moor- und Seenlandschaft heizt sich jetzt rasch auf, aber der Rücken bleibt dank noch trocken.
Dabei ist noch gar nicht die volle Power aktiviert. Im „Eco“-Modus arbeitet das System dezent im Hintergrund und liefert lediglich kontinuierlich künstlichen Rückenwind.

Vier verschiedene Unterstufen regulieren diese sanfte Unterstützung. Kurz vor Ohlstadt geht es erstmals bergauf. Also ab in den „Hyper“-Modus. Sofort erhöht sich das Tempo spürbar, obwohl die Trittfrequenz identisch bleibt. Die Oberschenkelmuskulatur bleibt locker.

Das Gerät unterstützt Radfahrer so auf einer Strecke von bis zu 65 Kilometern. Wer für das nächste Bergrennen trainieren will, kann aber sogar einen zusätzlichen Widerstand anstatt der Motorhilfe aktivieren. Der Reporter gehört ganz sicher nicht dazu …

Biomechanik erfordert Eingewöhnung

Am Fuß des Heimgartens wird das Rad abgestellt. Der Aufstieg auf knapp 1600 Meter beginnt. Die App schaltet dazu in den Wandermodus – und ist sofort gefordert. Der Weg führt sofort steil bergauf durch den Bergwald. Über Wurzeln und Geröll zeigt das Exoskelett eine völlig neue Charakteristik. Der Motor zieht jetzt nicht mehr gleichmäßig im Kreis, sondern liefert kurze, kräftige Impulse. Diese Kraftschübe erfolgen exakt im Moment, in dem sich auch die Hüfte beugt. Der spürbare Anschub gleicht einer unterstützenden Hand, die beim Aufstieg sanft nach vorn treibt.

Exoskelett
Im Laufschritt zu Berge
Über Wurzeln und Geröll zeigt das Exoskelett eine völlig neue Charakteristik. Der Motor zieht jetzt nicht mehr gleichmäßig im Kreis, sondern liefert kurze, kräftige Impulse. Diese Kraftschübe erfolgen exakt im Moment, in dem sich auch die Hüfte beugt.

Der elektromechanische Eingriff in die Biomechanik erfordert aber auch hier eine kurze Eingewöhnung. Enge Tritte, tiefe Schritte und kurze Drehungen fordern die Technik heraus. Wird das Knie einmal stark gebeugt, können die Sensoren für den Bruchteil einer Sekunde den Kontakt zum Motor verlieren. Der Antrieb stockt, bevor er wieder kraftvoll einsetzt. Auch diese Aussetzer werden aber Höhenmeter für Höhenmeter weniger; die KI lernt den Tritt des Sportlers immer besser kennen. Zudem gleicht die Konstruktion gerade in unebenem Gelände asymmetrische Gangbilder aus. Das verleiht zusätzliche Stabilität – wäre wohl auch hilfreich für Hochbetagte im Alltag.

Exoskelette sind in der Industrie längst Alltag

Bei einer Bergtour bleibt aber Grundsportlichkeit trotz des elektronischen Helferleins eine zwingende Voraussetzung. Das Gerät verstärkt lediglich die vorhandene Kraft. Wie sehr, das offenbart ein abrupter Stopp der Motorhilfe per Tastendruck am Motor: Sofort drückt das volle Gewicht der Schwerkraft auf die Schenkel; der Wanderer gerät tüchtig ins Straucheln. Der Körper gewöhnt sich schließlich ganz ähnlich wie beim E-Bike extrem schnell an die künstliche Kraftreserve. Die Herzfrequenz bleibt auch in steilen Passagen spürbar niedriger als bei Touren ohne Motor.

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Preise & Wettbewerber

Die Preisspanne für das Hypershell-System liegt zwischen 999 und 1990 Euro. Konkurrenzprodukte drängen zunehmend auf den Markt. Der chinesische Anbieter Dnsys verkauft das Modell X1 für 774 Euro. Dieses Gerät wiegt nur 1,6 Kilogramm, arbeitet jedoch lauter und besitzt eine kürzere Akkulaufzeit. Arc’teryx plant mit dem System Skip MO/GO eine Lösung, die direkt in eine Wanderhose integriert ist. Diese soll knapp 5000 Euro kosten und ab 2027 verfügbar sein. Das Modell WIM-S von WiRobotics setzt auf ein extrem flaches Design, zeigt aber Schwächen beim Treppensteigen. Ascentiz bietet für 1499 Euro ein modulares System mit separaten Einheiten für Hüfte und Knie an. Bislang beschränken sich alle Freizeitgeräte ausschließlich auf die Beinkraft, eine Stützfunktion für den Oberkörper fehlt noch.

Die Idee der maschinellen Körpererweiterung stammt übrigens aus anderen Sektoren. In der Industrie entlasten Systeme wie das Modell Paexo von Ottobock bereits seit Jahren Monteure. Unternehmen wie Volkswagen, MAN und Airbus setzen diese Technik bei Überkopfarbeiten ein. In der Medizin helfen Konstruktionen wie ReWalk gelähmten Patienten bei den ersten eigenen Schritten. Diese klinischen Modelle wiegen jedoch oft Dutzende Kilo und kosten ein Vielfaches der rund 2000 Euro für das Hypershell-Gerät.

Besser als ein Wanderstock beim Abstieg

Moderne Freizeit-Exoskelette setzen hingegen auf extremen Leichtbau. Bergsteiger profitieren davon ebenso wie Berufsgruppen, die schweres Gepäck transportieren – Fotografen, Rettungssanitäterinnen oder Expeditionsteams etwa. Auch Personen mit beginnenden Mobilitätseinschränkungen können durch die aktive Unterstützung der Gelenke längere Strecken bewältigen.

Künstliche Hüfte 
Die Trittunterstützung, die das Exoskelett von Hypershell liefert, ist über ein Drehrad an der Hüfte in mehreren Stufen einstellbar.
Künstliche Hüfte
Die Trittunterstützung, die das Exoskelett von Hypershell liefert, ist über ein Drehrad an der Hüfte in mehreren Stufen einstellbar.

Kurz vor dem Gipfel zieht der Reporter die Hüftgurte noch einmal nach; das System hat sich selbst auf der ersten Etappe nach unten gezogen. Bei der anhaltend knackigen Steigung zeigt das Exoskelett seine größte Stärke und schiebt zuverlässig nach oben. Andere Wanderer bemerken die leichte Konstruktion kaum. Kein Mensch fragt nach den Gurten an Bein und Hüfte.

Beim langen Abstieg kommt der „Transparent“-Modus zum Einsatz, der die Motorkraft nahezu vollständig entkoppelt. In dieser Einstellung spürt der Körper lediglich das Eigengewicht des Geräts, der Antrieb bremst in steilen Passagen aber spürbar gegen den Schwung der Beine ab und stützt den Körper. So ähnlich wie klassische Wanderstöcke. Oft bleibt die Unterstützung beim Abstieg jedoch komplett deaktiviert, damit die Beine eigene Leistung erbringen. Zurück in Ohlstadt wartet das Mountainbike für die Rückfahrt. Das Exoskelett wandert derweil zusammengefaltet auf Rucksackgröße in das Gepäck. Bei der nächsten Radtour holt der Reporter es aber sicher wieder raus: Dann soll es mehr als 100 Kilometer bis zum Bodensee gehen.

Infokasten 2:

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