Es ist nur ein kleiner Schritt für die Mobilität, aber ein großer für Maserati. Denn wenn die Italiener in diesen Tagen zu Preisen ab 71.210 Euro den neuen Maserati Ghibli Hybrid an den Start bringen, beginnt auch bei ihnen die Ära des Akku-Autos – selbst wenn die Batterie gerade mal 0,3 Kilowattstunden (kWh) speichern kann, lediglich einen Riemenstartergenerator sowie einen elektrischen Verdichter antreibt – und der Ghibli als Mildhybrid keinen Meter vollelektrisch fahren kann. 

Doch Corrado Nizzola lässt sich die Bedeutung dieses Modells nicht klein reden. Erstens, weil das 48-Volt-System des Autos mit dem Wechsel auf einen Vierzylinder und 25 Prozent weniger Verbrauch die Vernunft bedient ohne das Vergnügen zu mildern. Auch weil der Ghibli trotzdem besser klingt und leidenschaftlicher wirkt als jede Mercedes E-Klasse oder jeder Fünfer von BMW.

Maserati feiert den Beginn einer neuen Ära

Und zweitens, weil das der Beginn einer neuen Ära sei und der Funke bald überspringen werde, sagt der Ingenieur mit dem Brustton der Überzeugung eines Mannes, der weiß, was da noch kommt. Schließlich sitzt Nizzola mit einer Truppe von gut 30 Spezialisten im nagelneuen „Innovation Lab“ von Maserati, das die Italiener vor fünf Jahren für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag am westlichen Stadtrand von Modena aus dem Boden gestampft haben. Hier wollen sie beweisen, dass die 1914 unter dem Dreizack gegründete und seitdem immer wieder abgeschriebene Marke Maserati im neuformierten Stellantis-Konzern von FiatChrysler und PSA doch noch eine Zukunft hat.

Maserati MC20 Batterie
Im Zeichen des Dreizacks
Von jedem Modell wird es künftig auch eine vollelektrische Variante geben. Foto: Maserati

Nur zwei Räume hinter Nizzolas Büros im „Innovation Lab“ befinden sich die Garagen, aus denen sich an diesem Nachmittag – für Maserati-Verhältnisse – gespenstisch leise zahlreiche Erlkönige rollen. Statt des üblichen Brüllens von sechs oder acht Zylindern ist diesmal nur ein leises Surren zu hören. Dafür schießen die getarnten Vorserienautos um so schneller über die Via Sallustio hinaus in die Hügel des Apennin. „Jeden künftigen Maserati wird es auch als rein elektrisches Auto geben“, verkündet Nizzola mit einem breiten Grinsen. Stolz stolz er die Ausfahrt der stromernden Prototypen. 

Los gehen soll es mit der Energiewende bei Maserati schon in diesem Jahr. Und zwar nicht mit dem neuen Supersportwagen  MC 20, mit dem Maserati Jagd macht auf McLaren und Aston Martin – selbst wenn der natürlich auch irgendwann unter Strom stehen soll. Nicht umsonst haben sie dafür gerade mit reichlich Formel-1-Know-how ein paar Büros weiter den Flur hinunter einen einzigartigen V6-Benziner entwickelt. Sondern den Anfang machen – ebenfalls noch dieses Jahr – die Nachfolger von Gran Turismo und Gran Cabrio. Zwei elegante Viersitzer für die große Reise, die sich in der alten Welt mit dem Achter BMW und dem Mercedes AMG GT-Roadster messen. Danach kommen dann MC20 und der kleine Geländewagen Grecale, der gegen einen vollelektrischen Porsche Macan und den BMW iX3 antreten soll. 

Maserati nimmt Porsche als Maßstab

Wenn Nizzola seine kommenden Modelle mit denen der Konkurrenz setzen soll, dann fällt ihm aktuell nur eine Marke ein. Und nein, das ist nicht Tesla. Denn die mögen zwar stark und schnell sein, bringen ihre volle Leistung aber in seinen Augen nur für eine viel zu kurze Zeit: „Unsere Kunden wollen aber zumindest theoretisch auch auf eine Rennstrecke können und über längere Strecken schnell fahren“, sagt der Ingenieur und rechtfertigt damit die Entscheidung für ein 800-Volt-System, das die Maserati-Modelle auf Augenhöhe mit einem Porsche Taycan bringen wird. Außerdem bekommt jedes Elektroauto von Maserati mindestens zwei, manche sogar drei Motoren, kündigt er an.

Prototyp des Maserati MC20
Sportwagen der Extraklasse im Tarnkleid
Prototyp des neuen Maserati MC20 auf Erprobungsfahrt: Noch mit V6-Benziner unter der Motorhaube. Die Elektroversion kommt später. Foto: Maserati

Auf Augenhöhe mit Porsche – das gilt nicht nur für die Spannung, sondern auch für den Speed: „Unsere Autos sind immer die schnellsten im Segment. Das ist bei den Verbrennern so und das wird auch bei den elektrischen Varianten der Fall sein“, stellt er in Aussicht. Ein Tempolimit von 180 oder 200 km/h wie bei Mercedes und Audi kommt für ihn deshalb nicht infrage. Und streng genommen sei Tempo 250 noch zu wenig. Den gleichen Anspruch hat er auch beim Laden: In fünf Minuten für 130 Kilometer Reichweite Strom aufnehmen – und den Akku zu 100 Prozent im weniger als 15 Minuten laden – das sind Nizzolas Zielvorgaben. 

Maserati könnte Elektro-Speerspitze sein

Die Marke Maserati, die lange im Schatten von Ferrari zu versauern drohte, könnte mit der Strategie zur elektrischen Speerspitze im Stellantis-Konzern werden. Und Nizzolas 30-Mann-Team wäre damit der Kern einer 120 Köpfe zählenden Truppe im Konzern, die eine neue Elektro-Architektur ausarbeiten. Dass es bislang noch nicht für eine Maserati-eigene Plattform gereicht hat, ficht den Ingenieur an: „Wir waren so früh im Boot, dass auch die konventionellen Plattformen ohne große Kompromisse elektrifiziert werden können“, sagt Nizzola. Ausreichend Platz auch für größere Akkus sei jedenfalls vorhanden. Und wenn der Strom erst einmal fließe, könne die eigene Plattform ja noch kommen. So groß, wie das neue Innovation Lab wirkt, ist dort sicherlich noch Platz für ein weiteres Projekt 

Milde Hybridisierung auf der einen und voll elektrische Antriebe auf der anderen Seite: In Nizzolas Augen ist das für Maserati der beste Weg in die Zukunft und alles andere nur ein fauler Kompromiss. Insbesondere dem Plug-In-Hybrid erteilt er eine Absage: Das ist nicht Fisch und nicht Fleisch und sein Erfolg nur den Subventionen geschuldet.“ Für Maserati jedenfalls sei das keine Option. „Wer unsere Autos mit einem Verbrenner fährt, der will ihn auch hören. Und wer elektrisch fahren will, der muss keine vier, sechs oder acht Zylinder mehr mit sich herumschleppen.“

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