Kaum ein Autohersteller kann wohl auf eine so lange und wechselhafte Geschichte zurückblicken wie „Morris Garages“ – kurz: MG. Gegründet 1923 vom Briten Cecil Kimber, bekannt geworden durch Erfolge im Motorsport, populär geworden nach dem Weltkrieg durch die Produktion sportlicher wie preiswerter Roadster und deren Export in alle Welt. Später erlebte die Sportwagenmarke heftige Turbulenzen, erst als Teil von „British Elend“, dann noch einmal in 1990er Jahren nach der Übernahme der Rover Group samt Mini und LandRover durch BMW. Nach nur sechs Jahren verscherbelten die Bayern MG Rover für angeblich 10 Pfund an einen britischen Investor. Aus Rover wurde Roewe – und samt der Kultmarke MG kurz darauf ein chinesisches Unternehmen. Erst als Teil der Nanjing Automobile Corporation (NAC), dann deren Verkauf wiederum ein Ableger der Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC). Obwohl die Produktion in Birmingham bereits 2006 wieder auflebte, verschwand die Marke Anfang fast gänzlich von Europas Straßen.

Doch jetzt ist die britische Traditionsmarke unter chinesischer Führung zurück und hat Großes vor – mit einem vollelektrischen SUV namens MG Marvel R Electric. „Advanced technology at a fair price“, setzt Matt Lei, der CEO von MG Motor Europe bei der Präsentation des neuen Topmodells als oberste Maxime. Wir durften bereits im Neuen probesitzen und uns selbst ein Bild davon verschaffen.

MG Marvel R
Über den Dächern von Wien Zum Superhelden taugt der Marvel R

Nach der erfolgreichen Markteinführung des kompakten B-SUV Modells namens ZS und seines großen Hybrid-Bruders EHS 2019 folgt mit dem 4,67 Meter langen Marvel R Electric das zweite C-SUV Modell auf den europäischen Markt. Dabei steht das erste ausschließlich als Elektroauto erhältliche Modell für die neue Vollstromer-Strategie von MG.

Der MG Marvel verspricht gute Technik zu fairen Preisen.

Gerade bei den deutschen Premiummarken lässt sich schnell mal ein Tag im Internet-Konfigurator verbringen, dabei stoßen die angebotenen preiswerten Basismodelle in immer höhere Preisregionen vor. Nicht so bei MG: Lediglich drei Ausstattungslinien und zwei Antriebskonzepte stehen hier zur Auswahl:

Die heckgetriebenen Varianten „Comfort“ und „Luxury“ bieten bei 132 kW (180 PS) Spitzenleistung eine Reichweite von 402 km nach WLTP. Wer es etwas sportlicher mag, ist mit der 200 km/h schnellen Top-Version „Performance“ besser aufgestellt. Hier sorgen insgesamt drei Elektromotoren (davon zwei an der Vorderachse) für eine Systemleistung von 212 kW (288 PS) bei einer Reichweite von 370 km. Die Batterie ist hier wie da die gleiche – der Lithium-Ionen-Akku speichert jeweils 70 Kilowattstunden. Die maximale Ladeleistung beträgt in Wechselstrom 11 kW, an einem DC-Schnelllader 125 kW. Das kann ein VW.ID4 nicht besser.

Ein riesiges Panoramaglasdach, ein zentraler 19,4-Zoll-Touchscreen, Apple CarPlay und die elektrische Heckklappe sind bereits ab der Einstiegsversion „Comfort“ an Bord. Sportsitze in Echtleder, 19- statt der serienmäßigen 18-Zoll Felgen und 360-Grad Kameras gibt es ab der „Luxury“-Ausstattung. Das Top-Modell „Performance“ bietet neben der höheren Leistung unter anderem auch ein Bose-Soundsystem. Auch bei den Assistenzsystemen hat MG nachgelegt: Neben den aus früheren Modelle bekannten zwölf Helfern stehen dem Fahrer nun auch eine Müdigkeitserkennung und ein Spurhalteassistent zur Seite. Außerdem soll ab Herbst eine Sprachsteuerung die Bedienung aller wichtigen Funktionen erleichtern.

Tesla und Ford lassen grüßen
Wie im Model S von Tesla und dem Mustang Mach E von Ford werden die zentralen Funktionen des Elektroautos über einen 19,4 Zoll großen Touchscreen gesteuert. Für den Fahrer gibt es zusätzlich ein klassisches Cockpit. Foto: MG Motor

Das Interieur besticht durch hochwertige Materialien und eine saubere Verarbeitung. Zudem sorgt das großflächige Panoramaglasdach für ein luftiges und offenes Raumgefühl. Auch am Außenkleid finden sich hochwertige Elemente wie eine Carbon-Lippe an der Front und versenkbare Türgriffe. Die Designsprache steht eindeutig für MGs rein elektrische Zukunft. Durch den fehlenden Kühlergrill ist der MG Marvel R auch sofort als Elektroauto zu erkennen.

Überraschend großzügig sind die Platzverhältnisse im Fond: Die Rückbank bietet auch bei 1,90 Meter Körpergröße noch ausreichend Kopf- und Beinfreiheit. Leider ist der Kofferraum aber mit seinen 357 Litern Fassungsvermögen eher in der Golf-Klasse angesiedelt. Dazu kommt eine durch das Batteriepack hohe Ladekante, die das Be- und Entladen deutlich erschwert. Wer viel Wert auf Stauraum legt, ist mit den Modellen Comfort und Luxury besser bedient: die beiden Hecktriebler verfügen über einen zusätzlichen „Frunk“ vorne mit 150 Litern.

Bei den Händlern stehen soll der Neue ab Herbst zu Preisen zwischen 40.000 und 50.000 Euro – Vorbestellungen werden ab sofort angenommen.

Ist das erst der Anfang?

Mit aktuell neun Fertigungsstätten (davon sechs in China und drei weiteren im asiatischen Raum) liegt die Stärke der Marke aktuell noch auf den asiatischen Märkten, doch soll die Präsenz in Europa in den kommenden Monaten deutlich ausgebaut werden. Mit rund 50 Händlern in Deutschland und 25 weiteren in Österreich entsteht ein dichtes Händlernetz.

Die aktuelle SUV-Modellpalette lässt bisher leider nur wenig Spielraum für Puristen und Nostalgiker. Mit dem MG5 Electric geht bald auch der weltweit erste Elektro-Kombi an den Start. Von sportlichen Roadstern hingegen fehlt bisher leider jede Spur. 2024 steht allerdings der 100. Geburtstag der Marke an. Vielleicht kommt dann ja noch etwas.

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