Wie es zur Net-Zero-Idee kam

Am 22. Juni 1988 war James Hansen, der Verwalter des Goddard-Instituts für Weltraumstudien der Nasa, zwar in einer prestigeträchtigen Position, aber außerhalb der akademischen Welt weitgehend unbekannt. Am Nachmittag des 23. Juni wurde er plötzlich zu einem der bekanntesten Klimaforscher der Welt, als er vor dem US-Kongress forensisch den Beweis erbrachte, dass sich das Erdklima erwärmt und dass der Mensch die Hauptursache dafür ist: „Der Treibhauseffekt ist nachgewiesen und er verändert jetzt unser Klima.“

Hätten wir damals auf Hansen gehört, hätten wir unsere Gesellschaftssysteme mit einer Rate von etwa zwei Prozent pro Jahr dekarbonisieren können. Wir hätten eine Chance von zwei zu drei gehabt, die Erwärmung auf höchstens 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Es wäre eine enorme Herausforderung gewesen, aber die Hauptaufgabe hätte damals einfach darin bestanden, die zunehmende Nutzung fossiler Brennstoffe zu stoppen und die künftigen Emissionen gleichmäßig zu verteilen.

Berstender Eisberg in Grönland
Die Erderwärmung ist seit 1988 forensisch bewiesen. Hätte man damals Maßnahmen ergriffen, wäre das Gesellschaftssystem leicht zu dekarbonisieren und die Erderwärmung zu begrenzen gewesen. Jetzt sind größere Anstrengungen nötig. Foto NOA/unsplash

Vier Jahre später gab es einen Hoffnungsschimmer, dass dies möglich sein würde. Beim sogenannten Erdgipfel, der Konferenz der Vereinten Nationen (UN) für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro, einigten sich alle Nationen darauf, die Konzentration von Treibhausgasen zu stabilisieren, um sicherzustellen, dass sie keine gefährlichen Störungen des Klimas verursachen. Auf dem Kyoto-Gipfel 1997 wurde versucht, dieses Ziel in die Praxis umzusetzen. Doch im Laufe der Jahre wurde die ursprüngliche Aufgabe, uns und unser Klima zu schützen, immer schwieriger, da die Nutzung fossiler Brennstoffe immer weiter zunahm.

Computermodelle wurden eine Art Wundermittel

Zu dieser Zeit wurden die ersten Computermodelle entwickelt, die die Treibhausgasemissionen mit den Auswirkungen auf verschiedene Wirtschaftsbereiche verbanden. Diese hybriden Klima- und Wirtschaftsmodelle sind als Integrierte Bewertungsmodelle (Integrated Assessment Models, IAM) bekannt. Sie ermöglichten es den Modellierern, die wirtschaftlichen Aktivitäten mit dem Klima zu verknüpfen, indem sie zum Beispiel untersuchten, wie Investitionen und neue Technologien zu Veränderungen bei den Treibhausgasemissionen führen könnten.

Sie schienen eine Art Wundermittel zu sein: Mit ihnen konnte man politische Maßnahmen am Computer ausprobieren, bevor man sie umsetzte, was der Menschheit kostspielige Experimente ersparte. Sie entwickelten sich schnell zu einer wichtigen Orientierungshilfe für die Klimapolitik. Eine Stellung, die sie bis heute innehaben.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind hochkomplex

Leider haben sie auch die Notwendigkeit beseitigt, grundlegend kritisch über den Klimawandel nachzudenken. Solche Modelle stellen die Gesellschaft als Netz von idealisierten, emotionslosen Käufern und Verkäufern dar und ignorieren somit, wie komplex die soziale und politische Realität ist, und sogar die Auswirkungen des Klimawandels selbst. Ihr unausgesprochenes Versprechen lautet, dass marktbasierte Ansätze immer funktionieren. Das wiederum hatte zur Folge, dass sich die Diskussionen über politische Maßnahmen auf die für Politiker bequemsten beschränkten: schrittweise Änderungen von Gesetzen und Steuern.

„Im Laufe der Jahre wurde die ursprüngliche Aufgabe, uns und unser Klima zu schützen, immer schwieriger, da die Nutzung fossiler Brennstoffe immer weiter zunahm.“

Zu der Zeit, als sie entwickelt wurden, bemühte man sich, die USA zu Klimamaßnahmen zu bewegen, indem man ihnen erlaubte, die Kohlenstoffsenken ihrer Wälder anzurechnen. Die USA argumentierten, dass sie bei guter Bewirtschaftung ihrer Wälder in der Lage wären, eine große Menge Kohlenstoff in Bäumen und Böden zu speichern, und dass dies mit ihren Verpflichtungen zur Begrenzung der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verrechnet werden sollte. Am Ende setzten die USA sich weitgehend durch. Ironischerweise waren die Zugeständnisse umsonst, da der US-Senat das Kyoto-Abkommen nie ratifiziert hat.

Im dritten Teil erfahren Sie, was CCS und BECCS leisten können – und was nicht.

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