„If you want to electrify the world, you need to electrify vehicles, but you also need to electrify everything else.“ Mit dieser klaren Philosophie begründet Rivian-Gründer und VW-Partner RJ Scaringe seinen neuesten Vorstoß in die Mobilität. Wer die Welt elektrifizieren wolle, dürfe nicht bei Autos aufhören – man müsse auch („also“) alles andere elektrifizieren. Aus diesem Gedanken leitet sich der Name des kalifornischen Spin-offs ALSO. ab, mit dem der US-amerikanische Elektroauto-Pionier nun auch frischen Wind in den Markt für Mikromobilität bringen will.

Die Wurzeln des Projekts reichen bis ins Jahr 2022 zurück, als es als geheimes „Skunkworks“-Projekt bei Rivian startete – zeitweise sogar unter Mitwirkung des Designstudios LoveFrom von Ex-Apple-Chefdesigner Jony Ive – das auch dem neuen Ferrari Luce Gestalt gab. Dass die Ausgründung nun als eigenständiges Start-up agiert, hat auch taktische Gründe: Stammkonzern Rivian steht aktuell unter erheblichem wirtschaftlichen Druck. Trotz des jüngst gestarteten Verkaufs des Hoffnungsträgers R2 musste der Hersteller erneut hunderte Stellen streichen und kämpft nach wie vor mit hohen Verlusten auf dem Weg zur Profitabilität.

Apple lässt grüßen 
Das Designstudios LoveFrom des früheren Ex-Apple-Chefdesigners Jony Ive hat an der Entwicklung des E-Bikes mitgeholfen.
Apple lässt grüßen
Das Designstudios LoveFrom des früheren Ex-Apple-Chefdesigners Jony Ive hat an der Entwicklung des E-Bikes mitgeholfen.

Um das Auto-Geschäft finanziell nicht zu belasten, wählte Scaringe die Ausgliederung des Geschäfts mit der Mikromobilität. Unter der Leitung von CEO Chris Yu und unterstützt von Risikokapitalgebern wie Greenoaks stieg die Bewertung von ALSO. rasch auf rund eine Milliarde US-Dollar. Rivian hält weiterhin eine Minderheitsbeteiligung, während Scaringe im Aufsichtsrat die strategische Ausrichtung mitgestaltet.

Der „Pedal-by-Wire“-Antrieb: Radeln ohne Kette

Das Erstlingswerk des Unternehmens hört auf den Namen TM-B – ein vollgefedertes, radikal modulares E-Bike, das mit einer neuartigen Software-Architektur und Batterietechnik aus dem Autobau antritt. Erste Tests, unter anderem vom deutschen E-MOUNTAINBIKE-Magazin, attestieren dem Fahrrad bereits eine erstaunliche Ausgereiftheit. Die ersten Exemplare der 4.500 US-Dollar teuren Launch Edition sollten eigentlich im Frühjahr 2026 ausgeliefert werden. Weltweite Bauteilengpässe verzögerten den Produktionshochlauf jedoch bis in den Sommer. Ende des Jahres soll die günstigere Basisvariante für 3.500 US-Dollar folgen.

In den USA ist das TM-B als Class 3 E-Bike klassifiziert – inklusive Tretunterstützung bis 45 km/h (28 mph) und Daumengas-Hebel. Für Europa plant ALSO. eine Anpassung an die EU-Regularien als Standard-Pedelec bis 25 km/h, um eine zulassungsfreie Nutzung auf Radwegen zu ermöglichen. Wann der Export startet, steht aber noch nicht fest.

Powerbank
Die nach Automobilstandards gefertigten, entnehmbaren Akkupacks sind in zwei Kapazitäten erhältlich, mit 538 und 808 Wattstunden für Reichweiten von bis zu 160 Kilometern. Geladen wird über ein extrem schnelles USB-C-System mit bis zu 240 Watt Leistung.
Powerbank
Die nach Automobilstandards gefertigten, entnehmbaren Akkupacks sind in zwei Kapazitäten erhältlich, mit 538 und 808 Wattstunden für Reichweiten von bis zu 160 Kilometern. Geladen wird über ein extrem schnelles USB-C-System mit bis zu 240 Watt Leistung.

Die technisch wohl spektakulärste Innovation des ALSO. TM-B liegt in seinem DreamRide System. Statt auf eine klassische Kette oder einen Zahnriemen zu setzen, kommt das Fahrrad völlig ohne mechanische Verbindung zwischen Pedalen und Hinterrad aus. Der Fahrer treibt beim Treten lediglich einen integrierten Generator an, der den erzeugten Strom direkt in den Akku einspeist. Den eigentlichen Vortrieb am Hinterrad übernimmt ein separat verbauter, rein softwaregesteuerter Elektromotor.

Bis zu 180 Newtonmeter Drehmoment

Über softwaredefinierte Übersetzungskurven stehen dem Fahrer verschiedene Betriebsmodi zur Verfügung. Im Auto-Modus hält die Steuerung die bevorzugte Trittfrequenz selbstständig konstant, während der Manual-Modus Gangwechsel auf Knopfdruck präzise simuliert. Mit einem gewaltigen Drehmoment von bis zu 180 Nm und Beschleunigungskräften von bis zu 0,3 G agiert der Antrieb extrem kraftvoll. Eine intelligente „Hill Flattening“-Funktion erkennt Steigungen automatisch und passt die Leistung so an, dass steile Anstiege mühelos wirken, während das System beim Bremsen über Rekuperation bis zu 25 Prozent der Energie zurückgewinnt.

Traumhaft
Der Fahrer treibt beim Treten einen integrierten Generator an, der den Strom in den danebenliegenden Akku einspeist. Den eigentlichen Vortrieb am Hinterrad übernimmt beim sogenannten DreamDrive-System ein softwaregesteuerter Elektromotor
Traumhaft
Der Fahrer treibt beim Treten einen integrierten Generator an, der den Strom in den danebenliegenden Akku einspeist. Den eigentlichen Vortrieb am Hinterrad übernimmt beim sogenannten DreamDrive-System ein softwaregesteuerter Elektromotor.

Auch beim Energiespeicher macht sich die direkte Verwandtschaft zum Mutterkonzern Rivian bemerkbar. Die nach strengen Automobilstandards gefertigten, entnehmbaren Akkupacks sind in zwei Kapazitäten erhältlich: Die Standard-Ausführung bietet 538 Wh für Reichweiten von knapp 100 Kilometern (60 Meilen), während die „Large“-Variante mit 808 Wh Speicherkapazität Reichweiten von bis zu 160 Kilometern (100 Meilen) ermöglichen soll.

Geladen wird der Akku über ein extrem schnelles USB-C-System mit bis zu 240 Watt Leistung. Ein cleveres Feature für den Alltag: Dank zweier integrierter USB-C-Anschlüsse lässt sich der entnommene Akku unterwegs auch als leistungsstarke Powerbank für Laptops, Drohnen oder Kameras nutzen.

Modulares Rahmensystem: Ein Bike für alle Fälle

Statt für unterschiedliche Einsatzzwecke verschiedene Fahrräder anzuschaffen, setzt ALSO. auf eine universelle, wandlungsfähige Plattform. Über einen werkzeuglosen Schnellverschluss am Oberrahmen (Modular Top Frame) lässt sich das TM-B innerhalb weniger Sekunden umbauen. So verwandelt es sich vom sportlichen Einsitzer (Solo) in ein praktisches Lastenrad (Utility) mit bis zu 35 Kilogramm Zuladung im Heck und 11 Kilogramm an der Front. Sogar der Umbau zum zweisitzigen Bench-Cruiser mit durchgehender Sitzbank ist problemlos möglich.

Für hohen Fahrkomfort sorgen 120 Millimeter Federweg an Front und Heck sowie breite 24-Zoll-Ballonreifen. Das Gesamtgewicht von 40 bis 43 Kilogramm mag auf den ersten Blick hoch wirken, verleiht dem E-Bike im Straßenverkehr jedoch eine außerordentlich satte und sichere Lage.

Heute Mountainbike, morgen Lastenrad 
Über einen werkzeuglosen Schnellverschluss am Oberrahmen (Modular Top Frame) lässt sich das TM-B in kürzester Zeit umbauen - vom sportlichen Einsitzer (Solo) in ein praktisches Lastenrad (Utility) mit bis zu 35 Kilogramm Zuladung im Heck. Fotos: ALSO.
Heute Mountainbike, morgen Lastenrad
Über einen werkzeuglosen Schnellverschluss am Oberrahmen (Modular Top Frame) lässt sich das TM-B in kürzester Zeit umbauen – vom sportlichen Einsitzer (Solo) in ein praktisches Lastenrad (Utility) mit bis zu 35 Kilogramm Zuladung im Heck. Fotos: ALSO.

Das aufgeräumte Cockpit wird von einem hochauflösenden 5-Zoll-Touchscreen-Display namens „Portal“ dominiert, das nahtlos mit der zugehörigen Smartphone-App vernetzt ist. Neben Navigation, Mediensteuerung und Over-the-Air-Updates punktet das Bike mit einem durchdachten Diebstahlschutz: Entfernt sich der Fahrer mit seinem Smartphone vom Fahrzeug, verriegeln sich Rahmen, Akku und Hinterrad automatisch. Versucht jemand das abgestellte Bike zu bewegen, schlägt das System Alarm und sendet Warnmeldungen samt Live-GPS-Standort an den Besitzer.

Auch wenn der genaue Termin für den Europastart noch aussteht, zeigt das ALSO. TM-B schon jetzt eindrucksvoll, dass das E-Bike – und das Fahrrad insgesamt – technologisch noch längst nicht ausentwickelt ist, wenn man mit der Expertise eines Autoherstellers daran geht. Die jüngste Entscheidung von Porsche, bei der Porsche eBike Performance GmbH in Ottobrunn den Stecker zu ziehen und die Entwicklung eines Premium-E-Bike-Antriebs auf der Basis von Fazua-Technologie einzustellen, müssen daher umso mehr bedauert werden.

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