Bis zur Weltpremiere des neuen Jaguar Type 01 müssen wir uns noch ein wenig gedulden: Erst am 6. Oktober fallen auf der New York Motor Show die letzten Hüllen von dem Elektroauto, mit dem die britische Traditionsmarke ein komplett neues Kapitel aufschlägt – und mit dem viele Stammkunden noch fremdeln. Ähnlich wie beim neuen vollelektrischen Ferrari Luce.
Der 4,20 Meter lange Prototyp des viersitzenden Gran Turismo fährt am kommenden Wochenende im Rahmen der Monterey Car Week (16. August) beim Schönheitswettbewerb Pebble Beach Concours in Kalifornien mit einer neuen Folierung vor. Kollegen durften den 735 kW oder 1.000 PS starken Luxus-Stromer auch bereits einige Kilometer auf einer Rennstrecke in Großbritannien erleben. Nun gibt Jaguar erstmals auch den Blick in den völlig ungetarnten Innenraum des Fahrzeugs frei, der zum Jahresende zu Preisen von angeblich über 150.000 Euro in den Handel kommt.

Der Swallow Sidecar („SS“) von 1935 stand am Anfang der Jaguar-Historie, mit dem Type 01 die Traditionsmarke ein neues Kapitel auf.
Längsachse statt Horizontal-Einerlei: Eine dramatische Architektur
Jaguar bricht im Innenraum des Type 01 radikal mit etablierten Gestaltungsregeln der Automobilindustrie. Anstelle der traditionell horizontal aufgebauten Armaturentafeln dominiert eine markante, durchgehende Mittelkonsole die Gesamtlänge des Cockpits. Sie zieht sich übergangslos von der Instrumententafel bis in den Fond durch. Dadurch entsteht keine klassische Passagierkabine, sondern eine klare Unterteilung in vier individuelle, intime Räume – ein mutiges Konzeptfahrzeug-Element, das konsequent in die Serie übertragen wurde.

Die durchgehende Mittelkonsole teilt den elegant eingerichteten Fahrgastraum des Jaguar Type 01 in vier individuelle Räume.
Diese architektonische Ausrichtung hebt die gestreckte Linienführung der Karosserie hervor. Durchgehende Linienstrukturen verbinden die lange Motorhaube optisch mit dem schlanken Armaturenbrett und verwischen die Grenzen zwischen Interieur und Exterieur. Der Fahrer nimmt in einer tiefen, passgenau umschließenden GT-Sitzposition Platz, die ein hohes Maß an Souveränität und direkte Fahrzeugintegration vermittelt.
Travertin, Messing und Manufakturstoffe: Luxus neu definiert
Die Materialauswahl des Type 01 verdeutlicht die neue Designphilosophie der Marke. Statt auf traditionelles Wurzelholz oder kühle Carbonflächen setzt das Designteam um Chief Interior Designer Thomas Holden auf unerwartete, organische Texturen. Die Farbwelt spiegelt die kühle, zeitlose Ästhetik des Natursteins Travertin wider, ergänzt durch die feine Haptik edler Manufakturtextilien.
Entlang der zentralen Mittelkonsole und über die Türbrüstungen zieht sich ein edles Spangendesign mit messinginspiriertem Finish. Dieses Akzentband erstreckt sich durch den gesamten Innenraum und wird an prägnanten Stellen vom ikonischen Jaguar „Leaper“ – der springenden Raubkatze – geziert. Das Ergebnis ist eine hochmoderne, haptisch erfahrbare Luxusumgebung, die sich bewusst vom sterilen Tech-Look vieler Mitbewerber abhebt.
„Unsere ganzheitliche Designphilosophie“, erklärt Chief Interior Designer Thomas Holden, „überträgt die starke äußere Präsenz des Fahrzeugs in eine unverwechselbare Innenarchitektur. Im Gegensatz zur traditionell horizontalen Gestaltung von Innenräumen betonen wir durch die Mittelkonsole eine markante Längsachse – ein architektonisches Statement, das vier individuelle Räume schafft.“
„Shy Tech“: Technologie nur bei Bedarf
In puncto Digitalisierung erliegt Jaguar nicht der Versuchung, das Cockpit mit riesigen, permanent leuchtenden Monitorwänden zu pflastern. Stattdessen folgt der Type 01 dem Grundsatz der „Shy Tech“: Digitale Schnittstellen und Infotainmentsysteme sind nahtlos in die Raumarchitektur integriert und treten erst dann sichtbar in Erscheinung, wenn sie tatsächlich benötigt werden.

Auch beim Blick von oben auf Fronthaube und Cockpit zeigt sich der puristische Charakter des elektrischen Gran Turismo. Fotos: Jaguar.
Ein besonderes Highlight ist auch das digitale ClearSight-Rückspiegeldisplay: Es sitzt zentral am untersten Rand der Windschutzscheibe auf exakt derselben Sichthöhe wie die Außenspiegel. Diese ergonomische Anordnung reduziert Blickwege und entlastet den Fahrer bei hohen Geschwindigkeiten. Verborgene Ablagen, unsichtbare Schnittstellen und unerwartete Farbakzente unterstreichen den puristischen Charakter. Rawdon Glover, der Managing Director Jaguar, ist – erwartungsgemäß – schwer angetan von dem Fahrzeug. „Der Jaguar Type 01 ist das erste Serienfahrzeug, das unserer neuen kreativen Philosophie folgt. Aus jedem Blickwinkel unverwechselbar – und das gilt auch für das Interieur. Mit dem Type 01 wollten wir jede Fahrt zu einem besonderen Moment machen: durch sein Fahrgefühl, sein Erscheinungsbild und die Emotionen, die er auslöst.“
Ein mutiges Manifest für den Neuanfang
Jaguar riskiert alles – und genau das macht den Type 01 so faszinierend. Der Abschied vom Massen-Premium-Segment hin zur ultimativen Luxusmanufaktur ist ein Wagnis, das Traditionalisten vor den Kopf stoßen mag. Doch der Blick in den Innenraum zeigt: Hier entsteht kein beliebiges Elektroauto mit auswechselbarem Touchscreen-Cockpit, sondern ein automobiles Kunstwerk mit starker Haltung. Die Konzentration auf Längsarchitektur, erlesene Naturmaterialien wie Travertin und dezent integrierte „Shy Tech“ unterscheidet den Type 01 wohltuend vom Einheitsbrei der Luxus-Stromer. Wenn die Fahrleistungen des 1.000-PS-Antriebs halten, was das Design verspricht, könnte Jaguar mit dieser Radikalität das spektakulärste Comeback der Automobilgeschichte gelingen.