Wenn Holger Schwab auf seinen Dienstwagen zu sprechen kommt, weicht die Sorgenfalte schnell einem entspannten Lächeln. Über 30.000 Kilometer hat der Deutschland-Chef des französischen Zulieferers Valeo in den letzten neun Monaten in seinem neuen Dienstwagen vollelektrisch abgespult. Sein Fazit ist so simpel wie entwaffnend: „Es ist überhaupt kein Problem, mit einem Elektroauto durchs Land zu kommen.“ Die viel zitierte Reichweitenangst hält Schwab schlicht für eine „mentale Barriere“.
Doch so aufgeräumt der Manager wirkt, so stürmisch ist die Großwetterlage, in der er navigieren muss. Nicht mit seinem Elektroauto, sondern als Spitzenmanager eines Unternehmer, das praktisch alle Fahrzeughersteller mit Teilen beliefert. Und das in Zeiten gewaltiger Umbrüche – und mit einem Unternehmen, das in Deutschland produziert. „Zum Jahresende ist jetzt die Unsicherheit eher größer als in den Vorjahren noch“, räumt Schwab ein. Die Automobilbranche erlebt keine bloße Delle, sondern einen „strukturellen Abstieg“, wie Schwab offen einräumt.

Der Diplom-Kaufmann und IT-Spezialist steht seit April 2024 an der Spitze von Valeo Deutschland. Zusätzlich verantwortet er die europäische Power Drive-Unit von Valeo. Dem französischen Automobilzulieferer ist er seit 1993 verbunden. Unter anderem führte er das Joint Venture Valeo Siemens eAutomotive bis zur vollständigen Integration in Valeo. Fotos: Valeo
Er zitiert dabei zustimmend VDI-Präsident Lutz Leibinger, der Deutschland unlängst im „freien Fall“ sah. Schwab: „Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Das ist nicht mal eine Delle, die wir sehen. Das ist ein struktureller Abstieg“. Hohe Energiekosten, teures Personal und ein Wust an Bürokratie machen den deutschen Standort schwer verdaulich. Schwab wird deutlich: Wäre er heute ein Start-up und hätte die Wahl, würde er wohl sagen: „Tschüss Leute. So sieht es aus“.
„Es fehlt an Planungssicherheit“
Was dem Valeo-Manager zusätzlich das Leben schwer macht, ist das politische Hin und Her. Erst hieß es volle Kraft auf Elektroautos bis 2035 – jetzt werden wieder Hintertüren für Verbrenner und E-Fuels diskutiert. „Ein bisschen Vertrauen müssen wir haben. Aber das gibt noch keine Planungssicherheit“, kritisiert Schwab. Für einen Zulieferer, der Werke auslasten müsse, sei die aktuelle Situation ein Albtraum. „Wir können unseren Mitarbeitern nicht sagen: Ihr geht jetzt mal zwei Jahre in Urlaub“, so Schwab.
Als etablierter Player kann Valeo aber natürlich nicht einfach die Koffer packen. Stattdessen setzt Schwab auf eine „Local for Local“-Strategie. Man produziert dort, wo die Autos gebaut werden – in Europa. Denn die eigentliche Bedrohung durch die neue Konkurrenz aus Fernost sieht Schwab weniger in der Technologie oder dem Know-how, sondern schlicht auf dem Preisschild.
„Können wir mithalten? Ich glaube schon“, sagt er mit Blick auf die Innovationskraft der europäischen Autoindustrie. „Der einzige Punkt, wo wir nicht mithalten können, ist das Pricing“, gibt er zu. Wenn ein chinesisches Modell 15.000 Euro günstiger auf den Hof rollt, hilft auch das schönste Spaltmaß wenig. Zölle hält er dennoch für den falschen Weg, er fordert stattdessen gleiche Wettbewerbsbedingungen – ein „Level Playing Field“. Das es aktuell aber nicht gebe.

Zusammen mit Mahle hat Valeo die elektrisch erregte Synchronmaschine entwickelt, die ohne Magnete und Seltene Erden auskommt. 2027 soll er in ersten Elektroautos zum Einsatz kommen. Bis zu 350 kW Antriebsleistung lassen sich damit hocheffizient darstellen. Von Valeo stammen die Steuerung des Motors und der Inverter. Foto: Mahle
Den Kopf in den Sand zu stecken, ist Schwabs Sache jedoch nicht. Seine Antwort auf die „China Speed“-Herausforderung ist europäische Ingenieurskunst, nur eben schneller und integrierter. Valeo hat deshalb die alten Silos eingerissen: Die Ingenieure für Hochvolttechnik und die Experten für klassische Antriebe arbeiten im Konzern längst zusammen. Das Ziel sind Systeme, die so effizient und clever sind, dass sie den Kostennachteil durch Leistung wettmachen.
Der Elektromotor der Zukunft
Dabei hilft Technik, die man fast schon als Befreiungsschlag bezeichnen kann. Ein Highlight aus der Pipeline, das Schwab mit sichtlichem Stolz erwähnt, ist der gemeinsam mit Mahle entwickelte bürstenlose und „magnetfreie E-Motor“ (EESM). Das klingt sperrig, ist aber eine kleine Revolution: Die Maschine kommt komplett ohne die teuren und politisch heiklen Seltenen Erden aus China aus und reduziert den CO2-Fußabdruck in der Produktion um gut 40 Prozent.

Mit Hilfe von KI erzeugt der laserbasierte Sensor ein dreidimensionales Bild der Fahrzeugumgebung – bei hoher Geschwindigkeit und bis zu Entfernungen von 300 Metern bei Objekten mit hoher Reflektivität. Das ermöglicht ein hochautomatisiertes Fahren auf Level 3.
Technisch ist das System ein Leckerbissen: Statt Permanentmagneten nutzt der Motor eine kontaktlose, induktive Übertragung, um das Magnetfeld zu erzeugen. Das Ergebnis ist eine verschleißfreie Dauerläufer-Qualität mit Leistungsspitzen von bis zu 350 Kilowatt, die vor allem in den oberen Fahrzeugklassen den Unterschied machen soll. 2028 geht das Ganze bei einem europäischen Hersteller in Serie. „Da kommt in Zukunft keiner dran vorbei“, ist sich Schwab sicher.
Überhaupt denkt Valeo das E-Auto neu – nämlich vom Netz her. Bidirektionales Laden ist bei den neuen On-Board-Chargern der Franzosen bereits Standard. Das Auto wird zum Puffer für das Stromnetz, zumindest wenn die Regulierung endlich nachzieht. Denn aktuell ist die deutsche Bürokratie oft noch das größere Hindernis als die Technik: Wer einen Parkplatz in eine Ladesäule verwandeln will, warte gut und gerne ein Jahr auf Genehmigungen.
Autopilot bitte nur mit Laser
Auch beim Thema autonomes Fahren hat Schwab eine klare Meinung – und die dürfte Elon Musk nicht gefallen. Während Tesla versucht, das Auto allein mit Kameras durch den Verkehr zu lotsen, hält Schwab echtes Level-3-Fahren ohne LiDAR-Sensoren für unmöglich. Das menschliche Auge mag reichen, aber ein Computer braucht Redundanz. Valeos Antwort ist der SCALA 3, ein Laserscanner aus Bietigheim-Bissingen, der selbst bei Nacht und Nebel 200 Meter weit sieht und Hindernisse zentimetergenau erfasst. Sicherheit ist für den Zulieferer nicht verhandelbar, Kostendruck hin oder her.
Am Ende des Gesprächs bleibt der Eindruck: Hier redet keiner die Krise weg, aber er lässt sich von ihr auch nicht lähmen. Deutschland habe phänomenale Ingenieure und Innovationskraft. Man müsse sich nur wieder trauen, diese PS auch auf die Straße zu bringen – und vielleicht einfach mal losfahren, ohne Angst vor der nächsten Ladesäule. Solange der Strom dort nicht 90 Cent kostet, sei das nämlich gar kein Problem. Schwab: „Wir zahlen, wenn wir daheim laden, 30 Cent, 35 Cent. Das ist ok. Aber Stromkosten, die am Schnelllader um den Faktor 3 oder 4 höher ausfallen, sind nicht zu rechtfertigen“, ärgert sich Schwab.
Hohe Energiekosten, teures Personal und ein Wust an Bürokratie. Wer mal einen Fuß in so einen Konzern oder in einen größeren Mittelständer gesetzt hat, der weiß wie massiv deren interne Bürokratie ist. Dann traut man sich keine Entscheidungen zu fällen, man hat Unmengen an Personal und Führungskräften die nichts entscheiden wollen oder können. Hohe Energiekosten kriegt man mit schlauen Verträgen und Direktabnahme, eigener Erzeugung usw. auch runter. Der Standort ist nicht so schlecht, aber man sucht dauernd Ausreden, weil die Firmen selber sind nicht schuld. Aber man braucht auch Bürokratieabbau, man muss der Gewerkschaft klar machen das hochautomatisierte Firmen in Deutschland zu verhindern schlecht ist und Abwanderung noch mehr Arbeitsplätze kostet.