Mercedes-Benz hat den Spaß an der Elektromobilität ein wenig verloren. Die EQ-Strategie zündete nicht, Mercedes EQS und EQE sind mehr oder minder Ladenhüter. Der Konzern pausiert deshalb ab September die Produktion der beiden elektrischen Flaggschiffe für den US-Markt und stoppt die Annahme neuer Bestellungen. Auch die vollelektrische Variante des G-Modells fällt bei den Kunden durch – die Fans des kantigen Geländewagen bevorzugen weiterhin den Dieselmotor. Die Folge: Im ersten Halbjahr verkaufte Mercedes knapp 19 Prozent weniger Autos mit Batterieantrieb als im Jahr davor, der Anteil der Stromer am Gesamtabsatz sank darüber auf nur noch 8,4 Prozent.
Wer schuld an der Misere hat, ist noch nicht geklärt. War Konzernchef Ola Källenius zu forsch mit seiner „Electric Only“-Strategie? War der Vertrieb zu zurückhaltend, das Prizing der E-Autos zu ambitioniert? Oder hat die technische Entwicklung wichtige Trends wie etwa der zu hohen Ladeleistungen und kurzen Ladepausen zu lange ignoriert?

Die nagelneue Mittelklasse-Stromers zeigt noch die Designsprache von Mercedes EQE und EQS. Das „Gesicht der Zukunft“, den chromumrandeten und illuminierten Kühlergrill darf erst der der neue vollelektrische GLC tragen. Foto: Mercedes-Benz
In Stuttgart sind sie nun wohl zum dem Schluss gekommen, dass auch die Designabteilung von Mercedes-Benz zumindest eine Mitverantwortung trägt. Designchef Gordon Wagener räumte kürzlich mit Blick auf den EQS Fehler ein. Mit Rücksicht auf Aerodynamik und Reichweite hatte das Luxusmodell eine niedrige Dachlinie sowie eine weiche und rundliche Form erhalten, die manche Kritiker mit einem Stück Seife verglichen. „Vielleicht hätten wir ihn anders vermarkten sollen, mehr wie einen futuristischen CLS, ein S-Klasse Coupé oder etwas Ähnliches“, gestand der Chief Design Officer des Autobauers im Gespräch mit dem britischen Magazin „Autocar“.
Grill nach Vorbilder aus den 1960er Jahren
Mit dem neuen vollelektrischen GLC, der am 7. September auf der IAA Mobility in München seine Weltpremiere erlebt und im Frühjahr 2026 in den Handel kommt, beginnt Mercedes deshalb nun eine neue Ära des Designs. „Inspiriert von der der Vergangenheit und kreiert für die Zukunft“, wie es in der Pressemitteilung blumig heißt. Vorausgegangen ist offenbar ein Besuch von Wagener und seinem Design-Team im Mercedes-Museum. Denn das neue Mittelklasse-SUV mit EQ-Technologie wird einen „ikonischen“ Kühlergrill mit dickem Chromrand tragen – so wie der legendäre „Strich Acht“ aus den 1960er-Jahren oder die S-Klasse der Baureihe W108 aus der gleichen Mercedes-Glanzzeit.
Zusammen mit einer Gitterstruktur in Rauchglas-Optik und einer integrierten Konturbeleuchtung soll der von der Verbrenner-Zeit inspirierte Kühlergrill für hohe Aufmerksamkeit im Straßenverkehr sorgen und dem vollelektrischen Mittelklasse-SUV aus Bremen ein hohes Prestige geben. Warum die „neue Ära des ikonischen Mercedes-Benz-Designs“ (Pressetext) allerdings erst mit dem GLC eingeläutet wird und nicht schon mit der nagelneuen Mittelklasse-Limousine CLA, bleibt allerdings ein Rätsel. Zumal beide Modelle auf der gleichen, MB.EA genannten neue Plattform sitzen – und, was die Stückzahlen anbetrifft, sicher eine ähnliche Bedeutung für die „Electric Only“-Strategie des Konzernchefs besitzen.
Und andere Autohersteller haben die Chrom-Ära längst hinter sich gelassen – und aus Gründen des Umweltschutzes das giftige Material aus dem Lieferprogramm gestrichen.