Es soll sich mit 10 kWh Strom wenigstens 100 Kilometer weit kommen, seinen Akku in weniger als zehn Minuten wieder zu 80 Prozent auffüllen können – und am Ende seines Lebenszyklus‘ einen maximal zehn Tonnen großen CO2-Fußabdruck hinterlassen: Das sogenannte „Triple 10“-Konzeptauto von Shell setzt auch im Vergleich mit den neuesten elektrischen Kleinwagen aus Europa und China Maßstäbe.
Doch Shell will mit diesem Fahrzeug nicht primär in die Serienproduktion einsteigen. Das Projekt ist vielmehr ein wegweisendes Proof-of-Concept, das eine fundamentale Design-Philosophie für die nächste Generation von batterieelektrischen Fahrzeugen (BEVs) einläuten – und etablierten Fahrzeugherstellern Inspirationen liefern soll.
Immersive Kühlung statt Wasser-Glykol
Das Herzstück der technologischen Innovation ist das „Shell Recharge“-Thermalfluid. Während herkömmliche E-Autos auf wasserbasierte Kühlkreisläufe setzen, nutzt dieser Prototyp die direkte Immersionskühlung. Dabei wird der Akku direkt mit einer dielektrischen Flüssigkeit umspült, während Antriebskomponenten wie Motor und Leistungselektronik indirekt gekühlt werden.
Diese Umstellung auf eine vereinfachte Einkreis-Kühlung bringt nach Ansicht des Energiekonzerns entscheidende Vorteile:
- Gewicht und Kosten: Durch den Wegfall komplexer Rohrleitungen und schwerer Gehäuse sinkt das Fahrzeuggewicht auf rund eine Tonne. Gleichzeitig lassen sich die Kosten für das Batteriepaket um etwa 25 Prozent im Vergleich zu konventionellen Systemen senken.
- Effizienz: Der Prototyp erreicht eine Fahrökonomie von 10 km/kWh. Bei einer nutzbaren Akkukapazität von nur 32 kWh ermöglicht dies eine Reichweite von etwa 320 Kilometern. Das entspricht einer Steigerung der Energieeffizienz um über 30 Prozent gegenüber vielen aktuellen Elektroautos. Zur Einordnung: Der neue VW ID.Polo kommt mit einem 37 kWh großen Akku maximal 329 Kilometer, der neue Renault Twingo E-Tech in der Urban-Range-Version (mit 27,5 kWh-Akku) im besten Fall 262 Kilometer weit.
- Leistung: Dank der effizienten Kühlarchitektur konnte Empel Systems die Elektromotoren signifikant verkleinern, ohne Einbußen bei der hohen Leistungsdichte in Kauf nehmen zu müssen.
- Lade-Performance: Die wohl beeindruckendste Marke: Das Fahrzeug erhöht in 9 Minuten und 54 Sekunden den Ladestand seines leider nicht näher beschriebenen Akkus von 10 auf 80 Prozent.
Alltags-Tauglichkeit statt Laborwerte
Was das Shell-Konzept von vielen anderen Rekordfahrzeugen abhebt, ist die Kompatibilität mit bestehender Infrastruktur. Während aktuelle E-Autos für derart kurze Ladezeiten meist auf teure 300kW-Säulen angewiesen sind, erreicht das „Triple 10“-Auto diese Werte an einem Standard-175kW-Lader. Das bedeutet im Alltag eine Reichweitensteigerung von 24 Kilometer pro Minute – fast 90 Prozent mehr als bei typischen heutigen Elektroautos an derselben Ladesäule.

Das vollelektrische Konzeptauto von Shell ist nicht nur hocheffizient, sondern sieht auch ganz hübsch aus. Entwickelt wurde es in Großbritannien in Zusammenarbeit unter anderem mit RML (Akkutechnik) und Empel Systems (Elektromotor). Foto: Shell
Mit einer geschätzten Lebenszyklus-Bilanz von 10 Tonnen CO2-Equivalent ist das Fahrzeug nicht nur im Betrieb effizient. Durch den Einsatz recycelbarer Materialien, ein optimiertes Batteriedesign und die Auslegung auf 100 Prozent Grünstrom wird der CO2-Fußabdruck im Vergleich zu typischen BEVs auf dem europäischen Markt um etwa die Hälfte reduziert. Shell positioniert sich mit diesem Projekt als ganzheitlicher Player in der Elektromobilität. Unter der Marke „Shell Recharge“ werden nun Ladelösungen, Spezial-Fluide und Batterietechnologien gebündelt, um sowohl B2B- als auch B2C-Kunden ein komplettes Ökosystem anbieten zu können.
Eine lange Tradition der Effizienz
Und das „Triple 10“-Konzept ist keineswegs ein Zufallsprodukt. Das Unternehmen kann auf eine beeindruckende Historie in der Entwicklung ultra-effizienter Fahrzeugkonzepte zurückblicken: Schon 2016 sorgte Shell mit dem „Project M“ für Aufsehen – einem gemeinsam mit dem früheren Formel-1-Designer Gordon Murray entwickelten Prototypen eines (benzingetriebenen) Stadtautos, das auf die Herausforderungen urbaner Mobilität zugeschnitten war.
Und auch über die Zukunft des Straßengüterverkehrs macht sich der Energiekonzern Gedanken: Das „Starship“-Programm pusht seit 2018 die Grenzen der Effizienz im Gütertransport. Etwa durch die Entwicklung hochmoderner Hybrid-Lkw, die 2025 nochmals mit der neuen Immersions-Kühltechnologie verfeinert wurden. Diese Bemühungen finden ihren Ursprung in der legendären „Shell Eco-marathon“, einem globalen Wettbewerb, der seit mittlerweile über vier Jahrzehnten Studenten eine Plattform bietet, die weltweit energieeffizientesten Fahrzeuge zu konstruieren. Ein Lauf dazu findet dieser Tage (24. bis 28. Juni) auf dem Silesia-Ring in Polen statt – auch mit Teilnehmern aus Deutschland.