Das dreirädrige Elektromobil Twike ist ein ungewöhnliches Produkt, daher erstaunt es wenig, dass auch die Firma dahinter alles andere als normal ist. Ihr Geschäftsführer Martin Möscheid vergleicht sie im Gespräch mit Unkraut: „Nicht totzukriegen.“
Wir treffen uns im Hauptsitz von Twike im malerisch gelegenen Rosenthal zwischen Marburg und Kassel, 90 Autominuten von der Frankfurter Innenstadt entfernt. In der unteren Etage setzen wir uns an einen einfachen Biertisch, um uns herum Werkbänke, im hinteren Teil des Gebäudes sind Handwerker zugange.
„Wir bekommen zwei Hebebühnen, die in den Boden eingelassen werden“, erklärt Möscheid und bittet, den Krach zu entschuldigen. Hier soll in den kommenden zwölf Monaten die Fertigung des Twike 5 beginnen. Regale gibt es schon, ein paar Werkzeuge auch – aber ansonsten wirkt es nicht allzu sehr so, wie man sich einen Fahrzeugbauer landläufig vorstellt.
Dabei wurden hier schon einmal Twikes zusammengebaut, nur kamen die nicht aus Rosenthal.
Schweizer Ursprung
1986 hatten ein paar junge Schweizer die Idee, auf der Expo im kanadischen Vancouver ihr Projekt 50/50 zu präsentieren: 50 km/h Höchstgeschwindigkeit für zwei Personen auf ebener Strecke bei maximal 50 Kilogramm Gewicht war ihre selbstgewählte Vorgabe, der Name ist verkürzt aus Twin und Bike.

Das X-Prize-Twike hat einen Ehrenplatz am Firmensitz von Twike im hessischen Rosenthal, wo gerade das Nachfolgemodell entsteht. 2010 hatte das Unternehmen mit dem Twike 4 bei dem Wettbewerb in den USA den dritten Platz eingefahren.
Das Twike 1 bekam den Functionality Award für die beste ergonomische Gestaltung. Es war das einzige teilnehmende Fahrzeug ohne Verbrennungsmotor. Bei dem Wettbewerb International Human Powered Vehicle Speed Championship 1986 gewann Twike in der Kategorie der alltagstauglichen Fahrzeuge.
So ganz klappte es damals nicht mit der praktischen Nutzbarkeit – ohne Hilfsmotor war das Vehikel noch immer zu schwer zu bewegen. Das Gründerteam gab jedoch nicht auf.
Knapp am X Prize vorbei
Zehn Jahre später sollte das Twike 3 mit einer professionalisierten Produktion und dem Kapital einer eigens gegründeten AG die Elektromobilität auf drei Rädern neu definieren. Allerdings gab es zunächst nur knapp 200 ausgelieferte Twikes.
Deren Besitzer einte das gute Gefühl, einem exklusiven Club anzugehören. Auch Martin Möscheid war darunter. Mit seinem Bruder beschloss er 1998, einen deutschen Ableger namens Fine Mobile GmbH zu gründen, um Twikes zu verkaufen und zu reparieren.

Martin Möscheid gibt den Traum vom perfekten Twike nicht auf. 1998 stieg er in das Dreirad-Geschäft mit einem Servicebetrieb ein. Inzwischen leitet er Entwicklung und Produktion des innovativen Leichtfahrzeugs. Bilder: Martin Wolf/Golem.de
Währenddessen ging in der Schweiz die Entwicklung der nächsten Twikes zunächst gut voran, doch im Jahr 2002 geriet das Unternehmen in finanzielle Schieflage. Aus der Konkursmasse erlangten die Deutschen rund um Martin Möscheid die Rechte am Namen und Design sowie jede Menge Ersatzteile.
Aus diesen entstanden in der Rosenthaler Werkstatt noch einige Twike 3, auch die Unterstützung der Twike-Gemeinde mit Reparaturen und Komponenten übernahmen die Brüder exklusiv.
Ausgerechnet das Klima verursacht Probleme
Für das Twike 4 planten die Rosenthaler einen doppelten Befreiungsschlag: Sie würden 2010 am Wettbwerb X Prize in den USA teilnehmen und so die Bekanntheit der Marke sprunghaft steigern. Im besten Falle gewännen sie auch einen Teil des ausgelobten Preisgeldes von 10 Millionen US-Dollar und hätten damit ein finanzielles Polster für die Serienproduktion.
Zumindest teilweise gelang der tollkühne Plan. Bei einem Ausweichmanöver ähnlich dem berühmten Elchtest fuhr Martin Möscheids Bruder ein eigens für den Wettbewerb entwickeltes Twike 4 im ersten Anlauf zu schnell in die Schikane und geriet ins Schlingern. Er riss einen der Pylone der Absperrung um, während eines der drei Räder vom Boden abhob.

In Rosenthal stehen noch einige Vorgängermodelle, hier zwei Exemplare des Twike 3. Seit 1996 wurden von dem zweisitzigen, 2,65 Meter langen Dreirad mit 3 kW Antriebsleistung bereits über tausend Exemplare gebaut und verkauft.
Der Grund war ein winziges Detail, das die Brüder nicht bedacht hatten: Das Twike beschleunigt mit einer selbstzentrierenden Zweiwegewippe unter dem Zeigefinger, ähnlich dem Feuerknopf bei einem Joystick. Lässt man die Wippe los, rollt das Gefährt, bei Druck nach unten rekuperiert es. Die Wippe am Wettbewerbs-Twike war in einen Holzgriff eingepasst worden. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit in Michigan quoll dieser leicht auf und verklemmte beim Loslassen den Mechanismus. Das Twike fuhr weiter beschleunigend in den Parcours.
Siegertreppchen knapp verpasst
Beim entscheidenden nächsten Durchlauf half Möscheids Bruder ein wenig nach und drückte die Wippe zurück in die Neutralposition. Sie bestanden die Prüfung, aber für den Hauptgewinn reichte es am Ende doch nicht, wie Martin Möscheid erzählt. „Zum Schluss [gab es] ein Rennen mit fünf Fahrzeugen. Von diesen fünf Fahrzeugen haben wir dann den dritten Platz gemacht. Schade, es gab kein Geld, aber es gab zumindest das, was wir uns vorher vorgenommen haben. Wir wollten auf dem Siegertreppchen stehen.“
In all den Jahren seit den ursprünglichen Schweizer Twikes hatte sich jedoch wenig an der Grundkonstruktion getan. Im Gegensatz dazu gab es in der Welt der Elektromobilität rasante Fortschritte auf nahezu allen Gebieten. Relevant für Twike waren besonders die Motor- und Akkutechnologie. Statt das klassische Twike 4 weiterzuentwickeln, entschloss man sich daher zum Neustart.
Zum zweiten Teil geht es hier.