Der Markt für Elektromobilität durchlebt aktuell eine Phase der Konsolidierung, doch bei ABB e-Mobility sieht man darin nicht nur Herausforderungen, sondern vor allem neue strategische Chancen. Im Gespräch mit Michael Bültmann, Geschäftsführer Deutschland von ABB e-Mobility, wird deutlich: Die Strategie setzt auf ein ganzheitliches Ökosystem und wegweisende technologische Innovationen für alle Leistungsklassen.
Trotz einer Phase, in der die Dynamik zeitweise abflachte, spürt Bültmann einen neuen Aufwind für die Elektromobilität. „Elektromobilität bekommt einen neuen Schub“, so der CEO. Zwar gebe es in den USA – und hier insbesondere im Umfeld der Regierung – eine gewisse politische Zurückhaltung, doch auf der Arbeitsebene sowie bei Unternehmen und privaten Kunden sei das Interesse an der Technologie ungebrochen.
Technologische Innovationen: Die neue OM-Produktserie
Um das Ziel eines effizienten, ganzheitlichen Ökosystems zu erreichen, hat ABB e-Mobility auf der Fachmesse Power2Drive in München kürzlich zwei neue Produktfamilien vorgestellt, die gezielt auf die ökonomischen Anforderungen von Ladeinfrastruktur-Betreibern ausgerichtet sind.

Der Jurist führt seit Februar 2024 das Deutschland-Geschäft von ABB e-Mobility, des weltweit aktiven Anbieters von Hochleistungs-Ladeinfrastruktur. Zuvor war er zehn Jahre lang Geschäftsführer des Geodatendienstes HERE Technology, der von Nokia gegründet und 2015 von den deutschen Autoherstellern Audi, BMW und Mercedes-Benz übernommen wurde.
- OM M-Series (Modular & Skalierbar): Die M-Serie verfolgt einen modular aufgebauten Split-System-Ansatz. Sie entkoppelt Leistungselektronik und Ladepunkte (Dispensern), was eine flexible Konfiguration für verschiedene Einsatzszenarien ermöglicht – vom öffentlichen Schnellladenetz bis hin zu gewerblichen Flottendepots. Die Skalierbarkeit von 200 kW auf bis zu 1,2 MW in 400-kW-Schritten erlaubt es Betreibern, ihre Infrastruktur exakt mit der realen Nachfrage mitwachsen zu lassen, ohne Vorabinvestitionen in Überkapazitäten tätigen zu müssen.
- OM X-Series (Megawatt-Scale): Für anspruchsvollste Anwendungen – etwa Logistikzentren und öffentliche Korridore mit Megawatt-Ladebedarf – führt ABB die X-Serie ein. Diese setzt auf ein durchgängig flüssigkeitsgekühltes System, das von der Leistungselektronik bis zum Ladekabel reicht. Mit einer Umwandlungseffizienz von über 98 Prozent im Dauerbetrieb und der Fähigkeit, Standorte von 800 kW bis auf 10 MW und mehr zu skalieren, adressiert ABB damit den Bedarf für hochperformante, kontinuierliche Ladezyklen – etwa im Nutzfahrzeuggeschäft.
Vom reinen Ladepunkt zum Ökosystem
Die neuen Produkte sind integraler Bestandteil der strategischen Neuausrichtung von ABB. „Wir kommen in eine Phase, in der nicht mehr nur die Ladestation und das Elektroauto betrachtet werden, sondern das Gesamtsystem“, erklärt Bültmann.

Die neue ABB OM M-Serie unterstützt bis zu 24 Ladepunkte, die Ladeleistung lässt sich dabei je nach Nutzung von 200 kW auf bis zu 1,2 MW skalieren. Die Anlage kann so mit der Nachfrage mitwachsen, ohne den Flächenbedarf zu sprengen. Foto: ABB.
Dabei profitieren Kunden von der dynamischen Lastverteilung: Die OM-Systeme betrachten die installierte Gesamtleistung als geteilte Ressource, die intelligent auf die verschiedenen Anschlusspunkte verteilt wird. Dies optimiert nicht nur die Auslastung, sondern verbessert auch die Wirtschaftlichkeit des Standorts massiv.
Bidirektionales Laden als Schlüssel zum Erfolg
Zusätzlich unterstreicht Bültmann die Relevanz des bidirektionalen Ladens als handfesten Business-Case. ABB setzt dabei nach seinen Angaben auf Individualisierbarkeit und Systemoffenheit. Das bidirektionale Laden sei für den Konzern kein bloßes technisches Experiment, sondern ein zentraler Baustein der Energieeffizienz, der zudem aktiv zur Dekarbonisierung beiträgt und Betreibern neue Flexibilität in der Energievermarktung bietet.
Bültmann weist darauf hin, dass die Strategie weniger durch regulatorische Vorgaben getrieben sei als durch wirtschaftliche Logik. „Es ist kein politisches Thema, sondern letztlich eine Business-Entscheidung, weil es Sinn macht“, stellt er klar. Mit den neuen OM-Serien stellt ABB sicher, dass Kunden investitionssicher in einen Markt einsteigen können, der sich zunehmend von der reinen Ladekapazität hin zur effizienten Energieabgabe entwickelt.