Die Entwicklung eines neuen Autos dauert in Europa zwischen drei und vier Jahre. Im Handel ist das Fahrzeug anschließend in der Regel acht Jahre lang verfügbar. Zur Hälfte des Lebenszyklus, also nach vier Jahren, gibt es üblicherweise ein Facelift – eine Modellpflege, um den Verkauf neu zu beleben. Mit neuen Stoßgängern, neuen Leuchten und Sitzbezügen versucht der Hersteller die Nachfrage zu stimulieren, das Fahrzeug neu erscheinen zu lassen.

Beim VW ID.4 ist ein solches Update eigentlich schon länger überfällig: Das Model kam immerhin schon im Frühjahr 2021 in den Handel – also vor mehr als fünf Jahren. Und der kleine „Bruder“ namens ID.3 hat seit der Markteinführung Ende 2019 schon zwei Modellpflegemaßnahmen erfahren. Seit der jüngsten trägt er deshalb den Zusatz „Neo“ im Namen.

Noch im Tarnkleid 
Was sofort positiv auffällt: VW hat dem ID.Tiguan wieder ordentliche Bügelgriffe statt fummeliger Griffmulden verpasst. Fotos: VW
Noch im Tarnkleid
Was sofort positiv auffällt: VW hat dem ID.Tiguan wieder ordentliche Bügelgriffe statt fummeliger Griffmulden verpasst. Fotos: VW

Der ID.4 bekommt erst jetzt ein Facelift – das so umfassend ausfällt, dass das Modell kaum mehr wiederzuerkennen ist und deshalb auch einen neuen Namen erhält: Tiguan. Um den Stromer von dem weiterhin angebotenen Modell mit Benzin-, Diesel- und Hybridantrieb zu unterscheiden, haben die Marketingstrategen allerdings ein ID davorgesetzt – die beiden Buchstaben stehen bei VW für „Intelligent Design“. Beim ID.5 haben sie sich hingegen eine Umbenennung gespart. Denn das Modell fliegt zum Jahresende wegen fortgesetzter Erfolglosigkeit aus dem Lieferprogramm.

Schluss mit der Seifenblase: Ein echter Geländewagen-Auftritt

Und was bietet der „komplett neu designte Nachfolger des ID.4, mit dem er angeblich nur noch das Dachblech gemein hat? Wir konnten den neuen ID. Tiguan bereits am Rande der ID.Polo-Präsentation völlig unmaskiert in Augenschein nehmen – und durften mit einem noch getarnten Prototypen auch schon einige Kilometer auf erste Testfahrt gehen.

Dass Volkswagen hier weit mehr als eine gewöhnliche Modellpflege auffährt, wird beim ersten Blick auf das Serienmodell überdeutlich. Die etwas rundliche, weichgespülte Crossover-Linie des bisherigen ID.4 weicht einem markanten, aufrechten SUV-Auftritt. Der 4.618 Millimeter lange ID. Tiguan folgt der neuen Marken-Designsprache „Pure Positive“ und wirkt deutlich präsenter und erwachsener als sein Vorgänger.

Rollendes Aquarium 
Die Frontpartie wird von einer horizontal gegliederten Querspange dominiert, die das Designteam „Aquarium“ nennt. Darin eingebettet liegen die LED-Scheinwerfer sowie – gegen Aufpreis – ein durchgehend illuminierter Lichtbalken samt leuchtendem VW-Logo.
Rollendes Aquarium
Die Frontpartie wird von einer horizontal gegliederten Querspange dominiert, die das Designteam „Aquarium“ nennt. Darin eingebettet liegen die LED-Scheinwerfer sowie – gegen Aufpreis – ein durchgehend illuminierter Lichtbalken samt leuchtendem VW-Logo.

Die Frontpartie wird von einer horizontal gegliederten Querspange dominiert, die das Designteam schmunzelnd „Aquarium“ nennt. Darin eingebettet liegen die LED-Scheinwerfer sowie – bei den höheren Ausstattungslinien serienmäßig – ein durchgehend illuminierter Lichtbalken samt leuchtendem VW-Logo. Trotz des steiler stehenden Gesichts glückt den Aerodynamikern ein Kunststück: Dank ausgefeilter Air Curtains in den Stoßfängern sinkt der cw-Wert von 0,27 auf 0,26. An den Flanken kehrt VW zudem zu handfesten, klassischen Bügeltürgriffen zurück und verabschiedet sich von den fummeligen Griffmulden. Am Heck ziehen sich Leuchten im plastischen 3D-Look, von den Schöpfern als „Whiskey-Gläser“ betitelt, über die gesamte Fahrzeugbreite und betonen gemeinsam mit dem kraftvollen Diffusor die satte Straßenlage.

Wohltat für die Sinne: Tasten und Wertigkeit im Innenraum

Die radikalste und zugleich erfreulichste Kehrtwende vollzieht Volkswagen im Interieur. Unter dem Leitgedanken „True Volkswagen“ räumen die Wolfsburger die viel kritisierten Sparmaßnahmen der frühen MEB-Jahre konsequent ab. Statt glanzloser Hartplastiklandschaften oder einfacher Textilauflagen ziert die Armaturentafel nun weich unterfüttertes Kunstleder aus recycelbarem TPO-Material, ergänzt um geschmackvoll illuminierte Dekorelemente.

Es war einmal 
Die sportliche Coupé-Version des ID.4 namens ID.5 streicht Volkswagen aus dem Lieferprogramm - die Nachfrage war zu gering.
Es war einmal
Die sportliche Coupé-Version des ID.4 namens ID.5 (rechts) streicht Volkswagen aus dem Lieferprogramm – die Nachfrage war zu gering.

Die eigentliche Revolution liegt jedoch in der Bedienung. Auf dem neu gestalteten Lenkrad sitzen wieder echte, präzise klickende physische Tasten statt der ungeliebten kapazitiven Touchflächen. Unterhalb des zentralen 15-Zoll-Infotainment-Touchscreens steuert eine feste Schalterleiste intuitiv die Klimatisierungsfunktionen. Für Lautstärke und Senderwechsel zieht wieder ein massiver Dreh-Drück-Regler in die Mittelkonsole ein. Selbst in der Fahrertür herrscht wieder automobile Vernunft: Die umständliche Umschalt-Taste für die Fensterheber ist Geschichte; vier vollwertige Schalter regeln nun wieder alle Seitenscheiben separat.

Am Steuer des Prototyps: Souverän und verbindlich

Auf unserer ersten kleinen Testrunde mit dem getarnten Prototypen bestätigte sich der positive Eindruck. Die Ingenieure haben das Fahrwerk spürbar nachgeschärft: Der ID. Tiguan liegt straff, aber nie unbarmherzig auf der Straße, schluckt Querfugen gelassen und hält Wind- sowie Abrollgeräusche souverän aus dem Passagierraum fern. Die Lenkung agiert angenehm direkt und frei von Antriebseinflüssen. In der Stadt profitiert der Hecktriebler zudem von einem verblüffend kleinen Wendekreis von nur 10,2 Metern.

Auf technischer Seite debütiert ein echtes One-Pedal-Driving, mit dem sich der Wagen rein über das Fahrpedal geschmeidig bis zum Stillstand verzögern lässt. Auch die Fahrerassistenz gewinnt an Reife: Der vernetzte Reiseassistent agiert nun noch vorausschauender und bremst das Fahrzeug im Stadtverkehr auf Wunsch sanft an roten Ampeln ab.

Antriebe und Ladetechnik: Vernunft vor Datenblatt-Akrobatik

Unter dem modifizierten Blech nutzt der ID. Tiguan die weiterentwickelte Plattform MEB+. Zur Markteinführung stehen drei Leistungsstufen zur Wahl: Den Einstieg markiert eine 140 kW (190 PS) starke Heckantriebsversion, die mit einem 58 kWh großen LFP-Akku gekoppelt ist, in 8,5 Sekunden auf Landstraßentempo beschleunigt und bis zu 450 Kilometer Reichweite nach WLTP schaffen soll.

Darüber rangiert der reichweitenstärkste Hecktriebler mit 210 kW (286 PS) und 77-kWh-NMC-Batterie, der den Sprint in 6,6 Sekunden absolviert und auf bis zu 600 Kilometer prognostiziert wird. Als Spitzenmodell fungiert die Allradvariante 4MOTION mit 220 kW (299 PS), die nach 6,3 Sekunden Tempo 100 erreicht und bis zu 560 Kilometer weit stromern soll. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei den beiden 77-kWh-Modellen bei abgeregelten 180 km/h, während das Basismodell bei 160 km/h eingebremst wird.

Feine Unterschiede
Stoßfänger mit einer aggressiveren Optik sowie größere Räder kennzeichnen die R-Version des neuen ID.Tiguan - hier links im Bild.
Feine Unterschiede
Stoßfänger mit einer aggressiveren Optik sowie größere Räder kennzeichnen die R-Version des neuen ID.Tiguan – hier links im Bild.

Manche Branchenbeobachter dürften monieren, dass maximale Gleichstrom-Ladeleistungen von 105 kW beim Basismodell und 165 kW bei den 77-kWh-Akkus im Modelljahr 2027 keine Rekorde mehr brechen. Im Alltagsbetrieb greift diese isolierte Kritik jedoch zu kurz: Entscheidend auf Reisen ist die Ladedauer, nicht der kurzzeitige Spitzenpeak auf dem Papier. Mit rund 26 Minuten für den kleinen und etwa 29 Minuten für den großen Akku, um den Speicher von 10 auf 80 Prozent zu füllen, bewegt sich der ID. Tiguan dank robuster Ladekurve und automatischer Batterievorkonditionierung absolut auf Höhe praxisgerechter Reisetauglichkeit.

Für den praktischen Nutzwert von Familien und Campern viel relevanter: Der ID. Tiguan wird zum vollwertigen Zugfahrzeug. Mit 1,8 Tonnen Anhängelast beim Basismodell und satten 2,0 Tonnen bei den beiden stärkeren Versionen lässt er kaum Wünsche offen. Über den neuen „PowerSocket“-Adapter am Ladeanschluss lassen sich obendrein elektrische Geräte wie E-Bikes oder Camping-Equipment direkt aus der Traktionsbatterie speisen.

Reifeprozess geglückt

Unser erster Eindruck: Mit dem ID. Tiguan korrigiert Volkswagen die Fehltritte der frühen Elektro-Offensive gründlich. Gebaut wird das E-SUV ab Anfang 2027 im Werk Emden, während der Verbrenner-Tiguan weiterhin in Wolfsburg vom Band läuft. Mit seiner überzeugenden Materialanmutung, der endlich wieder intuitiven Bedienphilosophie und seinen handfesten Alltagsqualitäten dürfte das Modell nicht nur enttäuschte ID.4-Fahrer versöhnen, sondern auch treue Verbrenner-Kunden ins elektrische Lager ziehen. Der ID. Tiguan wird damit genau zu dem, was der ID.4 von Beginn an hätte sein müssen: ein echter Volkswagen.

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