Vor einigen Jahren noch taten Fahrer von Elektroautos gut daran, sich die Taschen und das Smartphone voll zu stopfen. Mit Ladekarten und Lade-Apps aller möglichen Anbieter, um bei Reisen durch Deutschland oder gar durch Europa an möglichst viele Ladestationen Strom zapfen zu können. Es gab eine große Zahl von Ladepunktbetreibern – „Charge Point Operators“ oder CPOs – und eine wachsende Zahl von auf die Elektromobilität spezialisierte Mobilitätsanbieter (Mobility-Service-Providern oder MSPs). Aber nur wenige Anbieter die ihre Ladepunkte über Roaming-Verträge miteinander teilten.

Und heute? Kommt man mit drei oder vier Ladekarten oder -Apps ganz gut nicht nur durch Deutschland, sondern auch quer durch Europa. Unter Umständen reicht sogar nur eine. So es denn die richtige ist.

330.000 Ladepunkte für Elektroautos in Europa

Orientierung in dem Ladekarten- und Tarifdschungel – der immer noch herrscht – liefert seit zwei Jahren der große „E-Mobility-Excellence-Report“ der Unternehmensberatung P3 Automotive aus Stuttgart und der Datenspezialisten von Charging Radar und THEON Data aus München. Für die aktuelle europaweite Marktanalyse haben sich die Partnerunternehmen angesehen, welche Anbieter zum Stichtag 31. März Zugänge zu den meisten der inzwischen rund 330.000 Ladepunkte (darunter 36.000 Ladepunkte fürs DC-Schnellladen) zwischen Italien und Norwegen sowie zwischen Frankreich und Polen bieten – und mit welchen Anbietern Fahrer von Elektroautos am günstigsten stromern.

Gute Netzabdeckung
Shell ist längst nicht mehr nur ein Mineralölkonzern. Mit der Übernahme von New Motion und dem Aufbau eines eigenen Ladenetzes treiben die Niederländer unter dem Namen Shell Recharge die Energiewende kräftig voran. Foto: Shell Recharge
Gute Netzabdeckung
Shell ist längst nicht mehr nur ein Mineralölkonzern. Mit der Übernahme von New Motion und dem Aufbau eines eigenen Ladenetzes treiben die Niederländer unter dem Namen Shell Recharge die Energiewende kräftig voran. Foto: Shell Recharge

Analysiert wurden dafür die Tarifmodelle von freien Anbietern wie die (meist exklusiven) Angebote der Autohersteller – gestaffelt nach Fahr- und Ladeprofilen. Elektromobilisten, die im Jahr 30.000 Kilometer zurücklegen und häufig Schnellladestationen ansteuern, haben schließlich andere Bedürfnisse als Wenigfahrer mit einer halb so hohen Jahresfahrleistung oder „Laternenparker“ – Fahrer von Elektroautos, die sich nur wenige Kilometer rund um ihren Wohnort bewegen und über keine eigene Wallbox verfügen.

Wer bietet die beste Netzabdeckung?

Und natürlich hängt die Auswahl auch davon ab, wo man sich überwiegend bewegt – in Deutschland, Österreich und der Schweiz – oder auch darüber hinaus. In der so genannten DACH-Region mit zusammen rund 93.000 Ladepunkten ist der Energieversorger EnBW aus Stuttgart mit seinem Angebot mobility+ der „Platzhirsch“, dicht gefolgt von ShellRecharge – früher als „New Motion“ bekannt. Mit beiden Anbietern lassen sich hier über 70.000 Ladepunkte freischalten, davon über 55.000 in Deutschland.

Mindestens genauso gut fährt es sich mit den Ladediensten der Autohersteller: Audi, BMW, Mini, Hyundai, Kia und Mercedes bieten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Zugang zu jeweils mehr als 75.000 Ladepunkten, liegen also auf Augenhöhe mit EnBW und Shell. In Deutschland allein kommen alle Marken auf 57.700 Ladeanschlüsse. Allerdings lassen sich diese Dienste nur mit einem Fahrzeug des jeweiligen Herstellers nutzen.

Welche Anbieter decken die D-A-CH-Region am besten ab?

Wer bietet die günstigsten Konditionen?

Die Strompreise sind auch an den Ladesäulen in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen – insgesamt, aber nicht einheitlich: Manche Anbieter nehmen für die Kilowattstunde deutlich mehr als andere. Da lohnt es sich also durchaus, genauer hinzuschauen und entsprechend den Ladeanbieter zu wählen. Aber auch, über eine Vertragsbindung nachzudenken, statt Ad Hoc zu wählen und zu laden. Im Kostenvergleich schneidet der Active Tarif von BMW Charging/Mini Charging mit mittleren jährlichen Ladekosten von 1139 Euro am besten ab. Bei einer monatlichen Grundgebühr von 4,99 Euro laden Kunden einheitlich für 33 Cent für eine AC- und 39 Cent für eine DC-Kilowattstunde (kWh). Es kann jedoch eine Blockiergebühr in Höhe von 6 bis 20 Cent pro Minute anfallen, falls die Standzeit zu lange ausfällt.

Martin Roemheld leitet bei Volkswagen die E-MobilityServices, baut ein Ökosystem rund um das Elektroauto. Was erlebt er im Alltag, wovon träumt er? Ein Lade-Talk an der Stromtankstelle. E-Mobilität

Den zweiten Platz belegt Mercedes me-Charge mit dem L Tarif und durchschnittlichen Ladekosten von 1151 Euro pro Jahr. Auch Mercedes setzt auf eine Abrechnung pro kWh, unterscheidet sich durch höhere monatliche Gebühren (17,90 Euro) und niedrigere Preise für das Laden an Ionity-Stationen (35 gegenüber 79 Cent pro kWh). Auch hier ist mit Blockiergebühren zu rechnen. Der Tarif gilt ab Juni 2022 und ist ebenfalls nur für Kunden von Mercedes verfügbar.

Die besten freien Tarife für Wenigfahrer

Die besten freien Tarife für Wenigfahrer

Durchschnittliche jährliche Ladekosten bei frei zugänglichen Anbietern in Euro. Etwa 10 Prozent der Ladevorgänge finden hier bei IONITY statt.

Die besten Tarife für Wenigfahrer mit Vertragsbindung an den Fahrzeughersteller

Die besten Tarife für Wenigfahrer mit Vertragsbindung an den Fahrzeughersteller

Durchschnittliche jährliche Ladekosten in Euro.

Die besten Tarife für Vielfahrer bei frei zugänglichen Ladediensten

Die besten Tarife für Vielfahrer bei frei zugänglichen Ladediensten

Durchschnittliche jährlich Ladekosten in Euro.

Die besten Ladetarife für Vielfahrer mit Vertragsbindung an Autohersteller

Die besten Ladetarife für Vielfahrer mit Vertragsbindung an Autohersteller

Durchschnittliche jährlich Ladekosten in Euro.

Die besten Ladetarife freier Anbieter für Vielfahrer in Deutschland

Die besten Ladetarife freier Anbieter für Vielfahrer in Deutschland

Durchschnittliche jährlich Ladekosten in Euro.

Die besten Tarife mit Vertragsbindung an Fahrzeughersteller für Vielfahrer in Deutschland

Die besten Tarife mit Vertragsbindung an Fahrzeughersteller für Vielfahrer in Deutschland

Durchschnittliche jährlich Ladekosten in Euro.

Will man sich nicht an den Fahrzeughersteller binden, ist der Elli „Drive Highway“-Tarif des Volkswagen-Konzerns (der auch Fahrern von Elektroautos anderer Hersteller offensteht) eine gute Wahl. Zu rechnen ist nach der Studie hier mit durchschnittlichen jährlichen Kosten von 1248 Euro über alle Nutzerprofile hinweg und von 1968 Euro, wenn ein Vielfahrer im Jahr rund 30.000 Kilometer zurücklegt und relativ häufig Schnellladestationen von Ionity ansteuert. Empfehlenswert sind der Studie zufolge für Vielfahrer aber auch Maingau Energie, die E-Karte von UTA sowie der Viellader-Tarif von EnBW.

Wer bietet das beste Gesamtpaket fürs Elektroauto?

Und wer bietet nun das beste Gesamtpaket aus großer Netzabdeckung und günstigen Preisen? Das Prädikat „Testsieger unabhängige Anbieter“ für das beste Preis-Leistungs-Verhältnis ging in diesem Jahr an den EnBW Viellader Tarif, der mit 1577 Euro pro Jahr und der Note „gut“ bei den Durchschnittskosten die Analysten überzeugte und mit 57.500 Ladepunkten sogar die Bestnote „sehr gut“ erhält.

„Gut“ schneidet im Gesamturteil auch der Tarif Elli Drive Highway ab, der für seinen unschlagbaren Preis von 1248 Euro zudem noch das Prädikat „Günstigster Ladetarif unabhängige Anbieter“ erhielt. Seine mit 44.300 als „befriedigend“ abschneidenden Lademöglichkeiten schmälern das Paket nur wenig, lassen ihn damit auf Platz sieben in der Gesamtwertung landen.

Nicht berücksichtigt bei der Analyse wurde übrigens das Supercharger-Netzwerk von Tesla. Denn die rund 6.900 DC-Schnellladepunkte in den untersuchten Ländern können derzeit nur von Elektroautos der Marke Tesla genutzt werden. Eine Öffnung auch für Stromer anderer Marken wird allerdings vorbereitet – gut möglich, dass die Stationen im nächsten Report eine Rolle spielen könnten.

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3 Kommentare

  1. Avatar

    Danke für die Aufbereitung. Leider ist da in Spanien und Portugal noch ein Loch. Spanien kann über electromaps und chargemap (beide nicht erwähnt) ganz gut erschlossen werden. Portugal ist ein eigener Sonderfall. Keiner der gängigen Zugangsanbieter funktioniert da. Ich könnte da miio.pt empfehlen. Ebenso werden keine Anbieter aus der Schweiz genannt wie EVpass oder Move. Für den Anspruch D-A-CH ist das eher dünn. Sieht nach D-a-ch aus :-).
    Bei Interesse: Ich habe jüngst eine 20 tägige Tour Zürich Lissabon absolviert. Immerhin 5’428 elekttrisch km. Da sind jeweils auch die Ladeerlebnisse thematisiert.
    Details unter https://www.linkedin.com/pulse/von-z%C3%BCrich-nach-lissabon-und-retour-voll-elektrisch-j%C3%BCrgen-baumann/

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  2. Avatar

    Mit dem Fokus auf die Region D-A.CH ist das Ergebnis wenig europäisch.

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    • Franz W. Rother

      Die komplette Studie – die Sie downloaden können – ist schon europäisch angelegt. Mit Blick auf unsere Leser haben wir den Fokus allerdings auf die so genannten DACH-Region gerichtet.

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