Boah, ist das dick, Mann: Schon der erste Blick auf das vollgefederte Mountainbike vom Typ Xduro FullFatSix 10.0, das uns der Hersteller Haibike freundlicherweise vor die Haustür gestellt hat, sorgt für offene Münder. Ist das noch ein Fahrrad mit elektrischer Trittunterstützung – oder nicht eher schon ein Moped mit muskulärer Anschubhilfe?

Die fetten Reifen im Format 26 mal 4 Zoll, die an beiden Achsen montiert sind, lassen jedenfalls Erinnerungen an Zeiten aufkommen, in denen sich der Autor noch mit einem Mofa von Moto Guzzi durch die Lande bewegte. Und die Leistungsdaten des Elektromotors sind auch nicht ohne: Mit bis zu 80 Newtonmeter Drehmoment kann die 250 Watt-Maschine von Yamaha das Kettenblatt antreiben, lässt uns der Beipackzettel des Lieferanten wissen. Der Vierzylinder-Boxermotor eines VW Käfers 1302 hatte vor 50 Jahren nicht viel mehr Schub zu bieten.

Haibike XDURO FullFatSix 10.0
Ein vollgefedertes e-MTB mit vier Zoll breiten Schlappen und 120 Millimeter Federweg, einem kräftigen Elektromotor von Yamaha mit 80 Newtonmeter Drehmoment und einem Akku, der 500 Wattstunden Strom speichert – das versprich eine Menge Fahrspaß im Gelände.

Voll fett: Die Redewendung aus der Jugendsprache der Jahrhundertwende passt jedenfalls gut zu dem Haibike – auch wenn sich der Tester fragt, wozu ein solches e-Bike-Monster gut sein soll. Das Bulls E-Stream EVO AM4, das er seit geraumer Zeit im Alltag nutzt, schlägt sich im Gelände auch ganz passabel, obwohl die Reifen an Vorder- und Hinterachse nur 2,8 Zoll breit sind. Und der Brose-Motor ist genauso stark, stemmt sogar ein Drehmoment von bis zu 90 Newtonmeter auf das Kettenblatt.

Wozu Fatbikes mit Jumbo-Schlappen?

Haibike selbst spricht von einem „Traktionswunder“, von einem e-Bike, das auch auf Schnee, Sand, Schlamm und Geröll aufgrund der größeren Auflagefläche der Reifen ein entspannteres Fahren erlaube als mit einem herkömmlichen Mountainbike. „e-Fatbikes bügeln jeden Untergrund glatt, so dass Du komfortabel über jedes Hindernis hinweg rollst“, heißt es auf der Website der Fahrradmarke.

Na ja, Schnee ist in nächster Zeit keiner zu erwarten. Aber Sand und Geröll gibt es in der Wahner Heide, im Siebengebirge und im Bergischen Land mehr als genug. Und mit dem Bullsbike stand auch gleich ein Vergleichsobjekt zur Verfügung. Also rauf auf den Sattel und raus ins Gelände.

Rein in die Sandgrube
Auf losem Untergrund ist das FullFatSix in seinem Element, zahlt sich der Grip der breiten Reifen in Fahrstabilität und Komfort aus. Foto: Rother

„Fett“ sind beide Bikes: Das FullFatsix stemmt 24,8 Kilo auf die Waage, das Evo-Stream AM4 23,5 Kilogramm. Und für beide braucht es dicke Geldbörsen: 4999 Euro kostet das Haibike XXL, das Bulls sogar noch 500 Euro mehr.

Was gibt es dafür? Zwei bärenstarke, laufruhige Motoren neuester Bauart, der beim Haibike von einem Akku mit 500 Wattstunden (Wh) Speicherkapazität mit Strom gefüttert wird. Beim Bulls fasst der in den Rahmen integrierte Akku sogar 750 Wh – das reicht für ausgedehnte Touren selbst in der höchsten Unterstützungsstufe. Wer es intelligent anstellt und den Elektromotor nur an Steigungen einsetzt, schafft bis zu 100 Kilometer mit einer Akkuladung.

Ein E-Motor verleiht dem Radler im Gelände Flügel. Doch man fliegt auch schneller aus dem Sattel. Ein Fahrtraining soll davor schützen. Lohnt sich das? E-Bikes

Der neue Yamaha-Motor mit der Typenbezeichnung PW-X2 hilft dabei mit vier Sensoren und einem Automatik-Modus. Anhand der Daten über Geschwindigkeit, Trittfrequenz, Pedalkraft und Neigung erkennt das System die Fahrsituation und steuert so viel Kraft bei, wie der Fahrer (m/w/d) gerade benötigt. Dazu wechselt er automatisch zwischen den Unterstützungs-Modi Eco, Standard und High. Wer noch mehr Power benötigt, schaltet die Automatik aus und die Stufe Extra High Power dazu. Statt 70 stehen dann 80 Newtonmeter Drehmoment zur Verfügung. Damit nimmt man leicht jede Steigung – zumindest im Mittelgebirge.

Jede Menge Extra-Power
80 Newtonmeter Drehmoment stellt der Yamaha-Motor zur Verfügung, wenn die Automatik ab- und die höchste Unterstützungsstufe zugeschaltet ist. Foto: Rother

Der Brose-Motor vom Typ MagS im Bulls verfügt noch nicht über diese Automatik. Aber an Leistung herrscht auch hier kein Mangel. Und die Kraft gibt die Maschine auch in der höchsten Unterstützungsstufe beinahe lautlos auf die Kette, wo der Yamaha schon deutlich hörbar schnurrt. Beide Motoren unterstützen die Beine zwar nur bis zu einer Fahrgeschwindigkeit von 25 km/h. Aber die Unterstützung endet nicht abrupt, sondern allmählich. Wer kräftig mittritt, kann auf gut ausgebauten Forststraßen so Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 30 km/h darstellen.

Und wie schlagen sich die Bikes im Gelände?

Um es kurz zu machen: Das hängt davon ab, wo man sich gerade bewegt. Beides sind Allround-Mountainbikes, aufgrund der langen Radstände eher gedacht für lange Touren als für scharfe Trails mit engen Kehren und über felsige Gründe. Dort kommen die Komfort-Fahrwerke schnell an ihre Grenzen. Die „fetten“ Reifen gereichen dem Fat-Bike hier mehr zum Nachteil als die vergleichsweise schmalen dem pechschwarzen „Bullen“. Sprünge über Astwurzeln hinweg beherrschen beide – aber die Flüge sind nur von kurzer Dauer. Immerhin: Die Federgabeln von RockShox (Haibike) und Fox (Bulls) stecken einiges weg, wie wir auf dem legendären „Ho-Chi-Minh“-Pfad durch den Lohmarer Wald feststellen.

Brose gegen Yamaha
Beide Elektromotoren schieben kräftig an, der aus Japan manchmal schneller, als dem Fahrer lieb sein kann. Das sorgt schon mal für durchdrehende Hinterräder. Bild: Rother

Dort gibt es auch einen Hohlweg mit sandigem Grund sowie eine schöne Senke, die mit lockerem Sand gefüllt ist. Die Ballonreifen des FullFatSix sind hier in ihrem Element: Bergab halten sie stabil die Spur, bergauf haben sie so viel Grip, dass das Bike schnell wieder Geschwindigkeit aufnimmt. Das Bulls tut sich hier spürbar schwerer. In tiefem Sand lenkt es sich deutlich weniger präzise. Und es braucht einen sensiblen Krafteinsatz, um wieder Fahrt aufzunehmen. Einen Höllenspaß machen trotzdem beide auf dem verwinkelten Trail.

Auf festem Waldboden und auf Schotter schlägt sich wiederum das Bike mit der eher konventionellen Reifenbreite besser. Es läuft aufgrund des geringeren Rollwiderstands flinker und geschmeidiger. Und dank des exzellent abgestimmten Fahrwerks auch nicht unkomfortabel, zumal die Reifen hier ohne Schlauch und auch gut mit niedrigeren Luftdrücken auskommen. Die „Jumbo Jims“ von Schwalbe am Fatbike sind natürlich eine Klasse für sich. In schnellen Kurven bieten sie spürbar mehr Seitenhalt. Das erlaubt es immerhin, sie mit größerer Schräglage zu durchfahren. Mit den „Nobby Nics“ am Bulls ist hier die Gefahr größer, hinten auszubrechen.

Qual der Wahl
In der Wahner Heide bei Köln gibt es jede Mengen Sandflächen, in denen sich der Tester austoben konnte. Mit schmalen Reifen waren manche Passagen unfahrbar. Foto: Rother

Welches Bike siegt im direkten Vergleich?

Nach insgesamt 300 Test-Kilometern ist zumindest für den Autor die Sache klar. Mit dem e-Fatbike sorgt man deutlich stärker für Aufsehen, für aufgerissene Augen bei Fußgängern – und Stirnrunzeln bei anderen Bikern. Aber im Gelände bieten die dicken Reifen viel zu selten Vorteile – es sei denn, es liegt regelmäßig ordentlich Schnee am Einsatzort des Mountainbikes. Oder man wohnt am Rande von Sanddünen. Auf Waldwegen und auf asphaltierten Pisten jedoch ist man damit wegen des höheren Rollwiderstands und des damit einher gehenden höheren Energieverbrauchs eher im Nachteil. Und wenn es eng wird, hätte man lieber ein wendigeres Bike unter dem Sattel. Ein e-Bike wie das Bulls. Oder ein Xduro von Haibike mit schmalen Rädern. Zum gleichen Preis. Und mit einem Akku, der wie beim Bulls in den Rahmen integriert ist. Sieht vielleicht nicht voll fett aus, dafür aber ganz cool.

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