Um den Range Rover Electric als Stromer zu identifizieren, muss man schon genau hinsehen. Während andere Hersteller ihren Elektro-SUV als ostentatives Technologie-Statement inszenieren, setzt Range Rover bewusst auf Zurückhaltung. „Keine Experimente“ lautet das Motto. Alles andere würde die anspruchsvolle Kundschaft auch nicht goutieren.
„Wir sind keine Firma, die auf Biegen und Brechen Verkaufsvolumen generiert“, sagt Range-Rover-Chef Martin Limpert. „Range Rover first and Electric second“, lautet die Leitlinie. Deshalb fallen die optischen Änderungen auch überschaubar aus. Aerodynamisch optimiert sind Kühlergrill und Räder, hinzu kommt ein angepasster Unterboden. Silhouette, hohe Sitzposition und reduziertes Interieur bleiben im Wesentlichen unverändert. Die Botschaft ist klar: Elektrifizierung soll die Marke nicht verändern, sondern ihre klassischen Stärken – Ruhe, Souveränität und mühelose Fortbewegung – verstärken.

Silhouette, hohe Sitzposition und reduziertes Interieur bleiben beim Range Rover Electric im Wesentlichen unverändert.
Technisch ist dieser konservative Auftritt von langer Hand vorbereitet. Basis bleibt die flexible modulare Längsarchitektur MLA-Flex, auf der auch Verbrenner und Plug-in-Hybride des großen Range Rover basieren. Bereits bei ihrer Entwicklung vor rund elf Jahren wurde die Plattform auf verschiedene Antriebsarten ausgelegt. Der Preis für diese Flexibilität: Der Range Rover Electric besitzt keinen Frunk.
Elektro-Power wie ein V8
Dafür können in Solihull Modelle mit kurzem und langem Radstand gebaut werden; Verbrenner, Plug-in-Hybride und Elektroversionen laufen dort auf derselben Fertigungslinie. Beim Fahrwerk gibt es ebenfalls keine Abstriche: Der elektrische Range Rover erhält eine Zweikammer-Luftfederung mit adaptiver Dämpfung.
Die beiden von Jaguar Land Rover selbst entwickelten permanentmagnetischen Elektromotoren leisten jeweils bis zu 260 kW/354 PS. Im Topmodell EV550 stehen bis zu 405 kW (550 PS) Systemleistung und 850 Newtonmeter Drehmoment bereit. Im EV450 sind es immerhin 331 kW oder 450 PS. Range Rover beeilt sich festzustellen, dass der stärkere der beiden Stromer auf V8-Niveau agiert. Damit beschleunigt der Range Rover Electric EV550 mit kurzem Radstand (SWB) in 4,5 Sekunden von null auf 100 km/h; von 80 auf 120 km/h vergehen lediglich 2,7 Sekunden.

Über die Anhängelast des Range Rover Electric von 2,5 Tonnen werden sich auch Pferde- und Bootsbesitzer freuen.
JLR setzt bewusst auf zwei statt vier Motoren, da zusätzliche Maschinen Gewicht, Bauraum und Energiebedarf erhöhen würden, ohne einen echten Alltagsnutzen zu bringen. Ein Range Rover, der eine Panzerwende vollführt, sorgt eher für Stirnrunzeln als für Beifallstürme. Der Stromverbrauch beträgt beim Range Rover SWB EV450 23,0 kWh/100 km, beim SWB EV550 23,2 kWh/100 km und beim viersitzigen EV550 mit langem Radstand fließen im Schnitt 23,4 kWh/100 km durch die Leitungen. Das hohe Gewicht fordert Tribut.
118,5 kWh großer Akku für 600 Kilometer Reichweite
Die Batterie wiegt immerhin etwas mehr als 700 Kilogramm und hat eine nutzbare Kapazität von 118,5 Kilowattstunden. Die 344 prismatischen Lithium-Ionen-Zellen sind in zwei übereinanderliegenden Ebenen angeordnet. Das System arbeitet mit 800 Volt und verfügt über Split-Charging. An 350-kW-DC-Schnellladestationen steigt der Ladestand unter Idealbedingungen in rund 22 Minuten von zehn auf 80 Prozent. Die WLTP-Reichweite liegt bei bis zu 600 Kilometern. Bei einem knapp fünf Meter langen Luxus-SUV entscheidet jedoch nicht allein die Größe des Akkus über die Reichweite. Das eigens entwickelte ThermAssist-Wärmemanagement soll den Energiebedarf für die Heizung um bis zu 40 Prozent senken und bis zu 40 Kilometer zusätzliche Reichweite ermöglichen.

Im Unterschied zum Verbrenner kann der Electric Wasserläufe auch ohne Zusatzausrüstung problemlos durchqueren.
Fotos: LandRover
Auch abseits der Straße soll der Electric ein echter Range Rover sein. Das Integrated Traction Management regelt die Drehzahl der Elektromotoren innerhalb von 50 Millisekunden und soll Schlupf bis zu 100-mal schneller ausgleichen als ein vergleichbares Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Im Zusammenspiel mit Intelligent Driveline Dynamics und dem neuen Single-Pedal-Modus lässt sich das enorme Drehmoment sehr fein dosieren.
Entspanntes Vergnügen auf Schotter und Sand
Der Wagen kann an Steigungen von bis zu 33 Grad anfahren und in Bewegung Neigungen von bis zu 45 Grad bewältigen. Die Wattiefe beträgt 900 Millimeter. Die erste Testfahrt zeigt, dass das Maßnahmenpaket greift. Der Electric lässt sich intuitiv bewegen, da die Entwickler die Gaspedalkennlinie so abgestimmt haben, dass das enorme Drehmoment nicht zu abrupt einsetzt. So werden auch Felsen, Schotter und Sand zum entspannten Vergnügen, nicht zur Herausforderung an die Fußmotorik.

Der Electric lässt sich intuitiv bewegen, da die Entwickler die Gaspedalkennlinie so abgestimmt haben, dass das enorme Drehmoment nicht zu abrupt einsetzt. Kameras informieren den Fahrer dabei über die Beschaffenheit des Untergrunds.
Zu den bekannten Fahrmodi Eco, Normal und Dynamic kommen Offroad-Programme wie Auto, Snow, Mud, Rock Crawl, Sand und Wade Mode hinzu. Mithilfe der Luftfederung lässt sich die Karosserie im Gelände je nach Stufe um 35 oder 60 Millimeter anheben. Zusätzliche Reserven stehen bereit, wenn das Fahrzeug festzufahren droht. Damit steigt die Wattiefe im Falle des Falles auf 960 Millimeter. Aber auch auf dem Asphalt schlägt sich das elektrische Flaggschiff gut.
Preise beginnen bei 163.500 Euro
Was auffällt, ist, wie leise es in der Fahrgastzelle zugeht. Laut Range Rover liegt der Geräuschpegel sieben Dezibel unter dem des keineswegs lauten V8-Modells. Das sind Welten. Range Rover verzichtet beim Electric auf einen aktiven Querstabilisator und das Fahrwerk ist komfortabel abgestimmt. Die Karosserie wippt etwas nach. Das passt zum betont komfortorientierten Charakter des Luxus-SUVs. Wie beim „konventionellen“ Range Rover hilft in der Stadt die Hinterachslenkung, die die Räder um bis zu 7,3 Grad einschlägt. Über die Anhängelast von 2,5 Tonnen werden sich auch Pferde- und Bootsbesitzer freuen.
Offenbar kommt das konservative Konzept an. Und das nicht nur bei aktuellen Range-Rover-Fahrern. Laut dem britischen Autobauer haben weltweit bereits 77.000 Menschen ihr Interesse am neuen Topmodell angemeldet. Etwa 70 Prozent kommen von anderen Marken. Bleibt der Preis: In Deutschland startet der EV450 bei 163.500 Euro, für den EV550 werden mindestens 180.100 Euro fällig. Angeboten werden Varianten mit kurzem und – je nach Markt – langem Radstand sowie die bekannten Ausstattungslinien SE, HSE und Autobiography bis hin zu SV, SV Ultra und SV Black; zusätzlich gibt es eine First Edition.