Ein kurzes Zwischenhoch noch – dann wird es wieder kalt in Deutschland. In den Alpen ist kürzlich bereits Schnee gefallen, aber auch im Flachland waren die Temperaturen am Morgen zeitweise nur noch einstellig. Doch das ist kein Grund, das Fahrrad einzumotten. Viele, die sich im Sommer ein E-Bike zugelegt haben, möchten es auch in der anbrechenden „dunklen Jahreszeit“ nicht missen. Sei es, weil sie ihr Immunsystem mit viel Bewegung im Freien stärken wollen. Sei es, weil sie lieber zur Arbeit radeln statt sich in öffentlichen Verkehrsmitteln der Gefahr auszusetzen, sich den Corona-Virus einzufangen.

Gegen Wind und Wetter kann sich der Mensch da leichter schützen: Mit warmen Jacken und regenfesten Hosen, mit Handschuhen, festem Schuhwerk und einer Unterziehmütze oder Sturmhaube unter dem Helm. Aber auch den E-Bike setzt der Wetterumschwung zu: Niedrige Temperaturen drücken die Leistungsfähigkeit der Akkus. Der Grund liegt bei den Ionen des Lithium-Ionen-Akkus. Sie bewegen sich in einem dickflüssigen Elektrolyt. Mit einsetzender Kälte wird dieses immer zähflüssiger und die Ionen haben Schwierigkeiten, es zu durchdringen. E‑Biker sind deshalb oft verwundert, warum der Energieverbrauch des Pedelec im Winter manchmal doppelt so hoch sein kann wie unter Idealbedingungen – und sie kräftiger als sonst treten müssen, um das Ziel zu erreichen. Was also ist zu tun? Anbei ein paar Tipps.

1. Hochwertige Akkus verwenden

Die verwendeten Materialien sind von Hersteller zu Hersteller verschieden. Das trifft insbesondere auf die verwendete Elektrolyt-Lösung zu. Die Zusammensetzung ist ein gut gehütetes Geheimnis. Bei günstigen Akkus kann die Elektrolyt-Flüssigkeit schneller zähflüssig werden und somit mehr Leistung einbüßen. Zusätzlich haben günstige Akku-Modelle, z. B. an Baumarkt- und Discounter-Rädern, eine schlechtere Isolierung, was zu einem höheren Energieverlust führt.

2. Nicht an Unterstützung sparen

Ständig nur im Eco-Modus zu radeln, tut dem Akku im Winter nicht gut. „Ähnlich wie der Mensch muss der Akku im Winter arbeiten, damit er leistungsfähig ist. Deshalb je nach Untergrund angepasst fahren und lieber eine hohe Unterstützungsstufe nutzen“, meint Anja Knaus vom E‑Bike-Hersteller Flyer. In einem hohen Unterstützungsmodus sorgt der Entnahmestrom für die Selbsterwärmung des Akkus. Ein Auskühlen und damit eine Leistungseinbuße wird verhindert.

3. Akku drinnen auf Temperatur bringen

Der Akku arbeitet am liebsten in einem Temperaturbereich von zehn bis 25 Grad. Deshalb sollte er bei Zimmertemperatur gelagert und erst kurz vor Fahrtantritt eingesetzt werden. Das erhöht die Reichweite.

Mäntelchen für den Fahrrad-Akku
Spezielle Cover können helfen, größere Reichweiten zu erzielen. Ist der Akku in den Rahmen integriert, kann man sich den Überzieher sparen: Er ist dann schon geschützt. Foto: pd-f

4. Akku draußen warm anziehen

„Wärme speichert der Akku länger, wenn man ihn kurz vor dem Start in ein spezielles Cover einpackt. Das Cover spart somit Entladungsenergie und hilft, größere Reichweiten zu erzielen“, sagt Philipp Elsner-Krause von Fahrer Berlin. Das wärmende Cover hat noch einen nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt: Zusätzlich bietet es einen Stoß- und Kratzschutz. „Das ist nicht zu vernachlässigen“, so Elsner-Krause.

5. Laden nur bei Zimmertemperatur

Beim Laden muss die Außentemperatur stimmen, damit der Stromspeicher vollständig und richtig aufgeladen werden kann und keinen Schaden nimmt. Das Aufladen sollte deshalb erst beginnen, wenn der Akku Zimmertemperatur erreicht hat. „Nach der Fahrt in der Kälte lieber ein paar Stunden mit dem Aufladen warten“, meint Harald Troost von Koga. Diese Maßnahme ist nicht übertrieben, denn moderne Akku-Systeme lassen Ladevorgänge erst bei entsprechenden Umgebungstemperaturen zu. Vorsichtshalber einen Blick in die Bedienungsanleitung werfen. Außerdem sollte der Akku nicht komplett leergefahren werden, wie es bei den alten Nickel-Cadmium-Akkus nötig gewesen ist, sondern noch eine Restladung von etwa zehn Prozent aufweisen. „Das steigert die Lebenserwartung um einiges“, weiß Troost.

6. Zweit-Akku kann sich lohnen

Für alle, die keine Zeit für lange Ladezeiten haben oder auch längere Strecken zurücklegen, lohnt sich die Anschaffung eines zweiten Akkus. „Bei vielen unserer Modelle setzen wir bereits auf eine Zwei-Akku-Lösung. Das erweitert die Reichweite deutlich, nicht nur im Winter“, so Heiko Müller von Riese & Müller. Wer den Ersatz-Akku in der Tasche mitnimmt, sollte zusätzlich darauf achten, dass der Akku isoliert transportiert wird und so seine Temperatur behält. „Spezielle E‑Bike-Taschen haben ein isoliertes Fach. Ansonsten den Akku zum Beispiel in eine Jacke einwickeln und neben einer Thermoskanne transportieren“, rät Peter Wöstmann vom Taschenspezialisten Ortlieb.

7. Akku nicht in der Kälte lassen

Bei kalten Temperaturen darf der Akku nicht zu lange ungenutzt in der Kälte bleiben. „Deshalb bei längeren Mittagspausen oder während der Arbeitszeit den Akku immer mit hinein nehmen. Sonst wird die Unterstützung auf der Rückfahrt schnell knapp“, warnt Alexander Kraft von HP Velotechnik. Das Verhalten kenne man ja auch von anderen Elektrogeräten. „Wichtig: Nicht den Zweit-Akku vergessen“, sagt Alexander Kraft, dessen Unternehmen den Doppel-Akku schon seit fünf Jahren auch für die direkte Montage am Rahmen anbietet.

8. Fahrrad richtig schmieren

Reibung killt die Reichweite. Neben dem passenden Reifendruck sollte auch der Antriebsstrang regelmäßig kontrolliert werden. „Die Kraft, die vom Mittelmotor auf das Hinterrad verloren geht, kann nicht in Vortrieb umgewandelt werden. Ein sauberer und gut geschmierter Antrieb ist daher essenziell, um die Reichweite zu erhöhen“, rät Stefan Stiener von Velotraum. Die Kette sollte deshalb mit einem trockenen Tuch nach der Tour gereinigt und etwas Öl wieder aufgetragen werden. Alternativ bietet sich ein E‑Bike mit Riemenantrieb an.

Motor-Mäntelchen
Im Unterschied zum Akku hat der Antrieb mit der Kälte keine Probleme. Den Schutz kann man sich sparen. Foto: Pressedienst Fahrrad

9. Den Motor nicht abdecken

Im Gegensatz zum Akku hat der Motor mit Kälte keine Probleme. „Der Einfluss von Kälte auf den Wirkungsgrad des Antriebes ist nicht spürbar“, erklärt Horst Schuster, Leiter Vertrieb und Marketing bei Brose Antriebstechnik und ergänzt: „Unsere Antriebe werden gemäß der DIN EN 79009 geprüft. Die Norm sieht Tests bis zu einer Minimaltemperatur von minus 25 Grad Celsius vor“. Das ist für die hiesigen Verhältnisse normalerweise mehr als ausreichend. Der Motor braucht also kein Extracover, um optimal arbeiten zu können. Der Energieverbrauch wird nicht beeinträchtigt.

10. Intube-Akkus haben Vorteile

Immer mehr E‑Bikes kommen mit in den Rahmen integrierten Akkus auf den Markt. Dadurch wird nicht nur optisch der Antrieb besser versteckt, sondern gerade im Winter sind die Intubes im Vorteil: „Der Akku im Rahmeninneren erwärmt sich im Betrieb schneller und ist besser geschützt. Aber auch bei den Intubes gilt: Zum Aufladen und bei Stopps den Akku entfernen und bei Zimmertemperatur aufbewahren“, rät Volker Dohrmann von Stevens Bikes.

Bei Eis und Schnee helfen nur Spikes

Und, ach ja: Wer auch bei Eis und Schnee radeln möchte, sollte über einen Reifenwechsel nachdenken. Anders als beim Auto, wo der Wechsel auf Winterreifen situationsbedingt Pflicht ist, ist der Reifenwechsel am Fahrrad freiwillig. Für Allwetterfahrer und Wintersportler ist er trotzdem sinnvoll. Normale Fahrradreifen verhärten bei kälteren Temperaturen, was zu Traktionsverlust führt. In der Folge bietet der Reifen weniger Halt, die Sturzgefahr steigt. „Die Aufstandsfläche eines Ganzjahresreifens vergrößert sich sowohl durch die Lamellen als auch durch ein weicheres Compound“, erklärt René Marks, Reifenentwickler bei Schwalbe. Die spezielle Gummimischung (engl. Compound) ist so abgestimmt, dass sie auch bei Kälte noch gute Haftung auf der Straße bietet – und zwar bis minus 10 Grad Celsius. Dazu verfügt der Allwetterreifen über einen hohen Pannenschutz – gerade auf mit Rollsplitt gestreuten Radwegen und Fahrbahnen ein nicht zu unterschätzender Faktor, um einen Platten zu verhindern.

„Wenn es richtig glatt wird, hilft unserer Meinung nach aber nur ein Spike-Reifen“, rät Marks. Anders als beim Auto sind diese am Fahrrad und E‑Bike erlaubt. Einzig an S‑Pedelecs dürfen sie nicht verbaut werden, da diese als Kleinkrafträder eingestuft sind.

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