Trotz geopolitischer Unsicherheiten und wirtschaftlicher Herausforderungen wächst die Elektromobilität weltweit – und mit ihr die Ladeinfrastruktur. Das zeigt die sechste Ausgabe des „EV Charging Index“ der Strategieberatung Roland Berger, der auf einer Befragung von 12.000 Fahrern von Elektroautos in 33 Ländern basiert. Die zentralen Ergebnisse: China baut seinen Vorsprung weiter aus, viele andere Märkte holen kräftig auf – während Deutschland beim Elektroauto-Anteil an Neuwagenkäufen bereits das zweite Jahr in Folge Rückgänge verzeichnet.

China dominiert – Europa uneinheitlich, Deutschland rückläufig

China ist nicht nur Weltmarktführer bei Elektroauto-Verkäufen (49 Prozent aller Neuzulassungen entfielen hier 2024 auf BEVs), sondern auch bei Ladeinfrastruktur, Nutzerzufriedenheit und Innovationskraft. Allein zwei Drittel der weltweit neu installierten öffentlichen Ladepunkte im Jahr 2024 entfallen auf das Reich der Mitte.

E-Großmacht China 
Ende 2024 wurden in China 40 Prozent aller Neuwagen mit Elektroantrieb ausgeliefert - in Deutschland nur 13,4 Prozent. Inzwischen ist der Anteil hierzulande wieder deutlich gestiegen: Ende Juni betrug der Anteil der Stromer an den Neuzulassungen 18,4 Prozent. 
Grafik: Roland Berger
E-Großmacht China
Ende 2024 wurden in China 40 Prozent aller Neuwagen mit Elektroantrieb ausgeliefert – in Deutschland nur 13,4 Prozent. Inzwischen ist der Anteil hierzulande wieder deutlich gestiegen: Ende Juni betrug der Anteil der Stromer an den Neuzulassungen 18,4 Prozent.
Grafik: Roland Berger

In Europa zeigt sich ein gemischtes Bild: Während Länder wie Frankreich und das Vereinigte Königreich bei Infrastruktur und Nutzerzufriedenheit zulegen konnten, stagnieren oder schrumpfen die Verkaufszahlen in anderen Ländern. Deutschland verzeichnete 2024 bereits das zweite Jahr in Folge einen Rückgang der E-Auto-Durchdringung – laut Studie vor allem infolge des abrupten Wegfalls der staatlichen Kaufprämie. Norwegen, lange europäischer Vorreiter, verliert beim Infrastruktur-Tempo ebenfalls an Boden.

Ladeinfrastruktur wächst, doch reicht oft nicht aus

Weltweit stieg die Zahl öffentlicher Ladepunkte 2024 um über 30 Prozent auf mehr als fünf Millionen. In Europa liegt die Zahl öffentlicher Ladepunkte mittlerweile über der Marke von einer Million, wobei 150.000 davon Schnelllader (DC) sind. Dennoch bleibt die Versorgungslage angespannt: Global kommen heute im Schnitt 11 E-Autos auf einen öffentlichen Ladepunkt – ein schlechterer Wert als im Vorjahr.

„Trotz politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten bleibt der globale Ausbau der Ladeinfrastruktur auf Kurs – aber es braucht zielgerichtete Investitionen, um die Nutzererwartungen langfristig zu erfüllen“

Besonders gefragt: Schnellladen. Dessen Anteil an den öffentlichen Ladepunkten stieg weltweit deutlich – am stärksten in MENA-Region und in Asien. In Europa beträgt der DC-Anteil jedoch weiterhin unter 20 Prozent. Das schlägt sich in der Nutzerzufriedenheit nieder: 47 Prozent der Befragten monieren zu lange Ladezeiten, 45 Prozent beklagen eine unzureichende Infrastruktur.

Zuhause laden bleibt Standard – aber nicht für alle

Trotz aller Fortschritte beim öffentlichen Laden findet der Großteil der Ladevorgänge weiterhin zuhause statt. 85 Prozent der befragten E-Auto-Nutzer weltweit haben Zugang zu einer privaten oder geteilten Lademöglichkeit. In Nordamerika liegt der Anteil privater Heimladepunkte sogar bei 78 Prozent, in China nur bei 52 Prozent. Gerade in städtischen Regionen mit Mehrfamilienhäusern zeigt sich: Wer keine heimische Wallbox hat, ist auf ein funktionierendes öffentliches Ladenetz angewiesen.

Nutzerbindung steigt – E-Auto wird zum Alltagsauto

Die Studie zeigt auch: Das Elektroauto ist längst kein Nischenprodukt mehr. 80 Prozent der Nutzer fahren jährlich über 10.000 Kilometer, 74 Prozent sind an mindestens vier Tagen pro Woche elektrisch unterwegs. Für viele ist das E-Auto damit ein vollwertiger Ersatz für den Verbrenner geworden. Entsprechend hoch ist die Markentreue: 87 Prozent wollen sich beim nächsten Autokauf wieder ein Fahrzeug mit Elektroantrieb entscheiden. Als Hauptgründe dafür wurden bei der Befragung geringere Betriebskosten und Umweltvorteile.

Der Markt wird professioneller – und kämpft ums Geld

Für Ladeinfrastrukturbetreiber bleibt das Geschäft angesichts hoher Investitionen und teils geringer Auslastung herausfordernd. In Europa wächst der Konsolidierungsdruck, erste Anbieter ziehen sich zurück oder fusionieren. Gleichzeitig rückt der gewerbliche Ladebedarf stärker in den Fokus: So investiert die EU massiv in Ladeinfrastruktur für Nutzfahrzeuge, etwa über das Milence-Projekt mit über 100 Millionen Euro.

„Trotz politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten bleibt der globale Ausbau der Ladeinfrastruktur auf Kurs – aber es braucht zielgerichtete Investitionen, um die Nutzererwartungen langfristig zu erfüllen“, fasst Martin Weissbart, Partner bei Roland Berger die Ergebnisse der Studie zusammen. Die Elektromobilität sei auf einem stabilen Wachstumspfad – trotz politischer Rückschläge, regulatorischer Unsicherheiten und wirtschaftlicher Hürden. Klar sei aber auch: Es braucht gezielte Investitionen, verlässliche Rahmenbedingungen und nutzerfreundliche Angebote, damit der Wandel nachhaltig gelingt.

Und Deutschland? Muss aufpassen, dass es nicht den Anschluss verliert.

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