Es zählt wohl zu den dringendsten Bedürfnissen der Menschheit, neue Territorien zu erobern. Der Weltraum und fremde Planeten gehören seit jeher dazu. Als zivilisiert im modernen Sinne gilt das Terrain aber erst, wenn Touristen mit Autos in ihm herumfahren.

Der Erdtrabant ist so gesehen längst erschlossen: Am 26. Juli 1971 hob Apollo 15 in Cape Canaveral ab. An Bord der Mondlandefähre «Falcon» befand sich – platzsparend an der Bordwand zusammengeklappt – das Lunar Roving Vehicle, ein offenes, vierrädriges Fahrzeug mit zwei Sitzen und Allradantrieb. Doch weder Chrysler noch Ford, sondern Boeing Aerospace und GM-Zulieferer Delco Electronics hatten das LRV in mehrjähriger Arbeit entwickelt. Was logisch war, wenn man sich die technischen Vorgaben ansieht: Leichtbau und geringer Energieverbrauch zählten schon damals nicht zu den Paradedisziplinen amerikanischer Automobilproduzenten.

Elektroauto für 3,1 Millionen Dollar

Die Entwickler hatten vielmehr die Bedingungen auf der Mondoberfläche im Sinn. Heraus kam ein 40 Millionen Dollar teures, 3,10 Meter langes und 1,83 Meter breites Fahrzeug, das ungewöhnliche Detaillösungen aufwies. So war der Lunar Rover mit nur 210 Kilo sehr leicht, was dem Transport und einem möglichst einfachen Zusammenbau vor Ort entgegenkam. Auf dem Mond selbst spielt Gewicht kaum eine Rolle; die Gravitation entspricht einem Sechstel der Erdanziehung und es gibt keine Atmosphäre. Hammer und Feder fallen deshalb gleich schnell zu Boden, wie Astronaut Dave Scott vor laufender Kamera anschaulich bewiesen hat. Auf der Erde wäre das fragile Fahrgestell des LRV wohl auseinandergebrochen. Auch bestanden seine Reifen nicht aus Gummi, sondern aus robust gewickeltem Draht.

Rover-Parkplatz vor der Mondlandefähre "Orion"
Während der Apollo 16-Mission im April 1972 diente der Mondrover nicht nur zur Erkundung des Monds bei zahlreichen Außeneinsätzen, sondern auch als Modul für die Übertragung der Fernsehbilder zur Erde. Foto: Nasa
Rover-Parkplatz vor der Mondlandefähre „Orion“
Während der Apollo 16-Mission im April 1972 diente der Mondrover nicht nur zur Erkundung des Monds bei zahlreichen Außeneinsätzen, sondern auch als Modul für die Übertragung der Fernsehbilder zur Erde. Foto: Nasa

So rustikal der Lunar Rover auch aussah – er war eine ingeniöse Meisterleistung. Sein Zweck lag auf der Hand: Er sollte den Astronauten bei ihren zeitlich begrenzten Mondaufenthalten einen grösseren Aktionsradius und damit exaktere Untersuchungen ermöglichen.

Gesteuert, beschleunigt und gebremst wurde mittels Joystick, der von beiden Insassen bedient werden konnte. Dazu kam eine Allradlenkung, die einen Wendekreis von nur drei Metern erlaubte. Zwei 36-Volt-Batterien speisten vier je 0,25 PS starke Elektromotoren, die in den Radnaben sassen – und ausreichend Kraft boten für maximal 12 km/h Geschwindigkeit sowie eine Reichweite von über 90 Kilometer. Aus Sicherheitsgründen wurde die maximale Distanz vom Landemodul auf knapp zehn Kilometer begrenzt; im Notfall hätten die Mondfahrer den Rückweg also zu Fuss antreten können.

Autohersteller in Asien und Europa beteiligen sich am neuen Wettlauf zum Erdtrabanten. Es locken Ruhm und Ehre – und der eine oder andere technologische Durchbruch. Raumfahrt

Lunar Rover mit Navigationssystem

Am Abend des 30. Juli setzte die Falcon in der Nähe des Hadley-Gebirges auf, wenig später stand das LRV startklar auf dem Mond. Die erstaunte Weltbevölkerung war live dabei, als Scott und sein Beifahrer James B. Irwin – mit Gurten gesichert – ihre ersten Fahrversuche unternahmen. Die Dynamik des Lunar Rover verblüfft noch heute; seine Steigfähigkeit betrug offroad-taugliche 25 Grad, die Bodenfreiheit 35 cm. In voller Fahrt hoppelte der Wagen ein wenig, hob mit einem oder zwei Rädern vom Boden ab, bewegte sich dabei wie in Zeitlupe und setzte sanft wieder auf.

Zur Orientierung bediente sich die LRV-Besatzung eines elektromechanischen Navigationssystems, das Radeinschlag und Umdrehungen messen und so Entfernungen und die grobe Position ermitteln konnte. Per Sonnenwinkel und Funkkontakt mit Houston über die regenschirmartige Antenne liess sich die Stellung kalibrieren und ein exakter Kurs berechnen. Aus heutiger Sicht eine primitive Technik, die vom Chip eines Kinderspielzeugs übertroffen wird. Aber es hat funktioniert.

Ewige Spuren im Mondstaub
Eugene Cernan von Apollo 17 war der vorerst letzte Nasa-Astronaut, der im Dezember 1972 mit einem "Lunar Roving Vehicle" über die Mondoberfläche fuhr. Insgesamt 34 Kilometer legte er mit dem Auto während des dreitägigen Aufenthalts zurück. Foto: Nasa
Ewige Spuren im Mondstaub
Eugene Cernan von Apollo 17 war der vorerst letzte Nasa-Astronaut, der im Dezember 1972 mit einem „Lunar Roving Vehicle“ über die Mondoberfläche fuhr. Insgesamt 34 Kilometer legte er mit dem Auto während des dreitägigen Aufenthalts zurück. Foto: Nasa

Scott und Irwin verbrachten fast drei Tage auf dem Mond, der Rückflug startete am 2. August – heute vor 50 Jahren. Eigentlich dauerte der Aufenthalt nur wenige Stunden, denn ein Mond-Tag zählt knapp 28 Erd-Tage. Weshalb am LRV eine Beleuchtung ebenso wenig erforderlich war wie Blinker.

Man stelle sich das vor: allein. Kein Gegenverkehr, weder Ampeln, Parkuhren noch Strafzettel – nichts. Nur grauer, staubfeiner Sand, weite Täler, hohe Berge und dieses Wahnsinns-Panorama mit dem Blauen Planeten am Horizont. Ein gespenstisches Szenario.

Merkwürdige Spuren im Mondstaub

Selbst die Astronauten philosophierten, wenn sie den strengen Zeitplan in wenigen Momenten ausser Acht und ihren Gedanken freien Lauf liessen. Bei Charlie M. Duke Jr., dem Lunar-Module-Piloten auf Apollo 16, der folgenden Mondmission im April 1972, schlich sich in einer Schlafpause sogar ein irrealer Traum ein: Sie seien losgefahren, erinnerte er später, und kurz darauf auf eine zweite Reifenspur gestossen. Dieser unerschrocken gefolgt, bald eine dritte entdeckt. Und in der Ferne auch den Verursacher: ein anderes LRV! Es habe einfach so in der Gegend gestanden, an Bord zwei Astronauten, bewegungslos. Sie reagierten weder auf Funkrufe noch auf Winken, also hin zu ihnen. Duke parkte daneben, stieg aus, ging hinüber. Und als er die goldbeschichteten Sonnenvisiere zurückschob, erblickte er – sich selbst und seinen Kollegen John Young! Der irritierte Raumfahrer demontierte ein Teil des fremden Rover und brachte es mit zur Erde, wo sein Alter auf mehrere Millionen Jahre taxiert wurde.

Duke hat uns allerdings verschwiegen, ob er schweissgebadet aufgewacht ist. Trotzdem eine gänsehautmässig gute Geschichte, fast so gut wie das hartnäckige Gerücht, die Mondmissionen hätten nie stattgefunden, sondern wären nur eine von vielen Medien-Inszenierungen der US-Regierung gewesen: Capricorn lässt grüssen.

Ein paar Nummern größer
Toyota und die japanische Weltraumagentur JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) arbeiten gemeinsam an einem Rover-Mondfahrzeug mit Brennstoffzellenantrieb, mit dem die Mondoberfläche monatelang ohne Tankstopp erkundet werden kann. 2019 wurde ein erster Entwurf des Mannschaftstransporters in Japan vorgestellt. Foto: Toyota
Ein paar Nummern größer
Toyota und die japanische Weltraumagentur JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) arbeiten gemeinsam an einem Rover-Mondfahrzeug mit Brennstoffzellenantrieb, mit dem die Mondoberfläche monatelang ohne Tankstopp erkundet werden kann. 2019 wurde ein erster Entwurf des Mannschaftstransporters in Japan vorgestellt. Foto: Toyota

Letzter Verdacht wird von dem Faktum genährt, dass die Mondexpeditionen für manche Kritiker zu problemlos verliefen. Tatsächlich sind von den drei LRV-Einsätzen nur wenige Pannen überliefert: So ging beim Ausladen des dritten Rover der Apollo-17-Mission im Dezember ’72 ein Kotflügel zu Bruch, was im Fahrbetrieb viel Staub aufwirbelte. Commander Gene Cernan und Harrison H. Schmitt reparierten das Teil auf pragmatische Weise – mit Klebeband und einigen Blättern der über 200 Seiten starken LRV-Betriebsanleitung.

Auto-Friedhof auf der Mondoberfläche

Mit Apollo 17 und nach nur zwölf Jahren wurde das Mondfahrprogramm der NASA frühzeitig beendet – man hatte alles erreicht. Seitdem hat kein Mensch mehr den Mond betreten. Trotzdem sind auch die Russen auf ihm herumgefahren; 1970 und 1973 schossen sie zwei ferngesteuerte Mobile namens Lunakhod rauf. Die sahen aus wie achträdrige Badewannen, wurden nachts radioaktiv beheizt und konnten so mehrere Monate eingesetzt werden. Sie und die drei LRV sind natürlich noch oben.

Wer eines der Mondautos sehen will, braucht aber ein verdammt gutes Fernglas.

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