Erst am vergangenen Samstag (5. September) wurde bei den deutschen VW-Händlern der ID.Polo offiziell präsentiert. Manche lockten ihre Kunden mit speziellen Events, mit Einladungen zu Kaltgetränken und Snacks. Andere sparten sich den Aufwand, stellten das Auto einfach in den Showroom – und sammelten die Bestellungen ein. Und von denen gibt es nun bereits reichlich: Wie am Rande der Fahrpräsentation in Wien bekannt wurde, liegen für den kompakten Stromer europaweit bereits mehr als 30.000 Bestellungen vor.
Wer sich erst jetzt für das Modell entscheidet, wird sich deshalb auf entsprechend lange Lieferzeiten einstellen müssen. „Beim ID.Polo ist die gesamte Reihe ausverkauft. Die Wartezeit liegt bei mindestens zehn Monaten“, erklärte der Chef einer (nicht genannten) großen VW-Autohausgruppe dieser Tage auf Anfrage der „Automobilwoche„.

Der VW ID.Polo ist kein Fremdkörper im Straßenverkehr, sondern kommt im besten Sinne traditionell daher – als echter Volkswagen.
Das sind mal gute Nachrichten für den krisengeschüttelten Volkswagen-Konzern: Mit den neuen Kleinwagen auf der frontgetriebenen Plattform MEB plus – die neben dem ID.Polo unter anderem auch der Cupra Raval und der Skoda Epiq nutzt – hat man in Zeiten hoher Benzinpreise und steigender Akzeptanz von Elektroautos offenbar einen Volltreffer gelandet.
VW zeigt wieder Liebe zum Detail
Unter dem Namen ID. 2All – ID für Jedermann – und unter dem Motto „For the People“ war das neue bezahlbare Einstiegsmodell in die Elektromobilität im März 2023 vorgestellt worden. Und vieles von dem, was Markenchef Thomas Schäfer damals versprochen hatte, erfüllt das Serienmodell, zeigt unsere erste Ausfahrt durch den Wienerwald: Der ID.Polo bietet für ein Auto von 4,05 Metern Länge erstaunlich viel Platz und Fahrkomfort, es lässt sich zumindest mit dem 155 kW oder 211 PS starken Frontmotor der aktuellen Topversion (ein GTI wird später noch einiges mehr bieten) herzerfrischend agil bewegen. Und die Insassen erfreuen sich dabei Qualitäten, die in der kurzen Ära von Konzernchef Herbert Diess und beim ID.3 der ersten Generation vorübergehend verloren gegangen waren: Liebe zum Detail, Bedienerfreundlichkeit und Praktikabilität sowie eine hohe Aufenthaltsqualität.

Bei der ersten Ausfahrt im Wiener Umland begeistert der VW ID.Polo mit hoher Agilität und einer komfortablen Fahrwerksabstimmung.
Es gibt wieder Schalter nicht nur für alle vier elektrischen Fensterheber, für die Regelung der Luftzufuhr oder die Lautstärke des Infotainmentsystems. Die Oberflächen im Innenraum sind wieder mit hochwertig anmutenden Materialien bezogen – und nebenbei ein wenig Spaß: auf Wunsch werden die Fahrinformationen in digitaler Form im Stil der 1980er-Jahre, wie beim VW Polo der zweiten Generation, angezeigt. Bei Designchef Andreas Mindt firmiert dies unter „Secret Sauce“ – das wohltuende Gefühl, bei aller Disruption und Transformation nicht seine automobilen Wurzeln kappen zu müssen.
Fahrdynamik auf höchstem Niveau
Wobei der Wechsel zum Elektroantrieb viele Vorteile bringt. Und das nicht nur in Form eines großzügigeren Platzangebots. Vor allem die hohe Laufruhe des Antriebs und die schnelle Reaktion des Antriebs auf die Befehle, die der rechte Fuß an das Fahrpedal sendet, kann begeistern. Wer auf den kurvigen Bergpassagen rund um Wien das Pedal durchdrückt, spürt sofort: Hier schiebt kein müder Verlegenheitsstromer an.
Verantwortlich für den flotten Vortrieb ist die von Volkswagen neu konstruierte permanenterregte Synchronmaschine namens APP290. Sie bringt gerade einmal 75 Kilogramm auf die Waage, stemmt aber im gefahrenen Topmodell stramme 290 Newtonmeter Drehmoment auf die Vorderachse. Im Zusammenspiel mit den 155 kW (211 PS) der Spitzenversion zoomt sich der ID.Polo in flotten 7,1 Sekunden auf Tempo 100. Noch wichtiger für den automobilen Alltag: Auch Überholmanöver auf der Landstraße gehen mühelos und ohne jede Verzögerung von der Hand. Bei 160 km/h regelt die Elektronik sanft ab – während manche Konkurrenten schon bei 135 oder 150 km/h die Segel streichen, schwimmt der elektrische Polo damit auf der Autobahn souverän mit.

Die Oberflächen im Innenraum des ID.Polo sind nicht nur ansehnlich, sondern auch haptisch hochwertig. Zudem haben sich die VW-Designer den Spaß gemacht, eine digitale Instrumentenanzeige im Stil der 1980er-Jahre zu programmieren.
Fahrdynamisch profitiert der ID.Polo spürbar vom niedrigen Schwerpunkt der im Unterboden verbauten Batteriepacks. Das speziell abgestimmte Fahrwerk mit McPherson-Vorderachse und einer leichten Verbundlenker-Hinterachse bügelt fiese Querfugen und Schlaglöcher gelassen weg, ohne den Wagen je schwammig wirken zu lassen. Dazu passt das neue „One-Box“-Bremssystem mit Scheibenbremsen an allen vier Rädern: Es beendet das beim heckgetriebenen und mit Trommelbremsen ausgerüsteten VW ID.3 mitunter kritisierte synthetische Pedalgefühl und liefert einen sauberen, präzisen Druckpunkt. Wer mag, schaltet über den rechten Lenkstockhebel in die Fahrstufe „B“ und genießt vollwertiges One-Pedal-Driving bis zum Stillstand – ideal für den Stadtverkehr. Zudem rollt der ID.Polo extrem leise ab; ein Fahrgeräusch von nur 66 dB(A) sorgt für Oberklasse-Ruhe in der Hütte.
Klare Akku-Empfehlung: Bitte die große Packung!
Bei den Energiespeichern wird Volkswagen erstmals die zusammen mit der Konzerntochter PowerCo entwickelte Einheitszelle in Cell-to-Pack-Bauweise nutzen – die allerdings erst später zum Einsatz kommt. Aktuell kommen Batteriezellen von Gotion aus dem chinesischen Hefei zum Einsatz. Zur Wahl stehen dabei zwei Speichergrößen – und hier trennt sich für Autokäufer die Spreu vom Weizen: Für die Basisversionen „Trend“ (85 kW / 116 PS) und die kleineren „Life“- sowie „Style“-Modelle (99 kW / 135 PS) sieht VW einen 37-kWh-Akku mit LFP-Zellchemie vor. Der schafft auf dem Prüfstand zwar zwischen 323 und 331 Kilometer, lädt mit maximal 88 kW am DC-Schnelllader. Dieser kleine Akku taugt somit primär für urbane Pflegedienste, Lieferflotten – oder als reiner City-Zweitwagen für die tägliche Pendelstrecke zum Supermarkt.

Schon vor der Händlereinführung liegen für den ID.Polo europaweit über 30.000 Bestellungen vor. Das verspricht Verkaufsrekorde.
Wer den ID.Polo als echten Allrounder nutzen will, sollte zum 52-kWh-Akku (NMC) greifen. Erst mit dieser Batterie und der 155-kW-Maschine wird der Stromer zum vollwertigen Reisebegleiter: Bis zu 454 Kilometer Reichweite nach WLTP machen auch längere Etappen entspannt planbar. Am Schnelllader fließt der Strom mit bis zu 105 kW, womit der Akku unter optimalen Bedingungen in rund 24 Minuten von 10 auf 80 Prozent gefüllt ist. Obendrein dürfen die 155-kW-Varianten gebremste Anhänger von bis zu 1.200 Kilogramm an den Haken nehmen – genug für einen kompakten Wohnwagen oder den Grünschnitt-Anhänger. Und dank serienmäßiger „PowerSocket“-Funktion dient der Wagen über die Ladebuchse als fahrende Powerbank mit bis zu 3,6 kW Leistung, um E-Bikes oder Camping-Equipment zu versorgen.
Der Blick zur Konkurrenz: Wer hat das Nachsehen?
Dass Volkswagen mit dem ID.Polo spät zur Kleinwagen-Party kommt, entpuppt sich als Vorteil – die Wolfsburger konnten die Schwächen der Konkurrenz studieren. Der stylische Renault 5 E-Tech etwa punktet zwar mit Retro-Charme und ähnlich sportlichem Antritt, bietet aber im Fond spürbar weniger Knie- und Kopffreiheit. Mit satten 441 Litern Kofferraumvolumen (bei umgeklappter Rückbank sind es 1.240 Liter) deklassiert der ID.Polo den Franzosen als Raumwunder regelrecht.
Die Stellantis-Fraktion rund um den Opel Corsa Electric und Peugeot e-208 wirkt technisch mittlerweile leicht angegraut, bietet langsamere Ladekurven und ein spürbar unruhigeres Fahrwerk. Und der Citroën ë-C3 mag mit Kampfpreisen locken, versprüht im Innenraum aber das Flair einer Sparkassenfiliale, während der VW mit solider Materialauswahl, Recycling-Stoffen und moderner Displaylandschaft schon fast Golf-Niveau atmet. Am gefährlichsten könnte dem VW ID.Polo noch der MG 4 Urban werden, der zum Startpreis von 24.990 Euro einen 43 kWh-Akku mit einer Antriebsleistung von 110 kW oder 149 PS kombiniert.
Hoher Preis schreckt Erstbesteller nicht
In Summe aber bleibt festzuhalten: Volkswagen hat seine Hausaufgaben gemacht: Der ID.Polo kombiniert die Tugenden klassischer Wolfsburger Bestseller – hohe Praktikabilität, klasse Fahrkomfort und intuitive Bedienung – mit einem modernen, agilen E-Antrieb. Die Rückkehr zu echten Tasten, durchdachten Details und die charmante Prise Retro-Nostalgie tun dem Auto sichtlich gut. Aber ein Discounter-Schnäppchen ist der Wagen keineswegs. Wer den ID.Polo in der mittleren „Style“-Version mit 52 kWh-Akku ordert, landet auf Stahlrädern und einem Basispreis von 33.785 Euro. Und viele Komfort-Extras wie Matrix-LED-Scheinwerfer, Assistenzpaket oder Panoramadach fehlen dann noch. Das scheint allerdings viele nicht zu schrecken: Wie es am Rande der Fahrpräsentation in Wien hieß, ordern die meisten Kunden vorkonfigurierte Fahrzeuge in der aktuellen Topversion „Style“ zum Durchschnittspreis von 40.000 Euro.