Der Konsument als Esel

Seine These: „Das technische Zeitalter lebt aus seiner Dynamik, es kann nie in einen statischen Zustand überführt werden. Der Konsument ist psychologisch wie jener Esel konstruiert, der einem Strohbüschel nachläuft, das einen halben Meter vor seinem Maul an der Deichsel befestigt ist. Er kann sein Leben nur ertragen, wenn für ein pausenloses Programm mit immer neuen Nummern gesorgt ist.“ Das war noch weit vor dem Privatfernsehen und Netflix.

Die Katastrophe im geistigen Sinne sei für den Konsumenten bereits da, wenn die Entwicklung nicht mehr expansiv sein könne. Denn getrieben wird der „hilflose Diktator Konsument“ laut Kuby von seinem „Perfektionswahn“. Solche Stationen der Perfektion heißen „Kamera, Film, Bewegungsfilm, Tonfilm, Farbfilm, (…) Papier, Klosettpapier, Luxusklosettpapier, Superluxusklosettpapier, Superluxusklosettpapierrollenhalter, der, wenn man ein Blatt abreißt, die Melodie ‚Üb immer Treu und Redlichkeit‘ spielt“.

Umweltzerstörung wird ausgeblendet

Das klingt angesichts der Klopapierhamstereien vom Frühjahr gerade lustig, doch diese vor mehr als 60 Jahren beschriebenen Denkmuster prägen noch heute die Debatte, beispielsweise über Elektroautos. Der Konsument erwartet von seinem neuen Produkt, dass es im Vergleich zum Vorgängermodell keinen Rückschritt darstellt. Völlig unbeachtet der Frage, ob die größere Reichweite von Verbrennern im Gegensatz zu Elektroautos nicht gerade dazu beiträgt, den Planeten für künftige Generationen unbewohnbar zu machen. Als gäbe es ein Menschenrecht darauf, nonstop mit dem eigenen Fahrzeug in wenigen Stunden durch halb Europa zu fahren und in fünf Minuten den Tank auffüllen zu können.

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Ausblenden muss man dabei nicht nur die direkten CO2-Emissionen, sondern auch Berichte, dass wieder einmal ein Öltanker irgendwo an einer Küste zerbrochen ist oder dass Millionen Bohrlöcher für Fracking in den USA nicht sicher verschlossen sind, so dass klimaschädliches Methan entweicht. Vom permanenten Abfackeln (Flaring) ganz abgesehen.

Aufbruchstimmung nach dem Mauerfall

Kuby schrieb schon 1954: „Die Frage an den Konsumenten, wie es weitergehen soll, spitzt sich infolgedessen nicht von ungefähr auf die Erwartung einer Katastrophe zu. Ein schrankenloser, dummer Optimismus auf der einen Seite – eine panische, ebenso dumme Katastrophenerwartung auf der anderen. Zwischen diesen beiden Extremen pendelt die Lebensstimmung des Konsumenten hin und her.“ Die Katastrophenerwartung war damals ein Atomkrieg zwischen den Supermächten – die Lebensstimmung vieler Menschen noch in den 1970er und 1980er Jahren.

Im Jahr 1992 nahm ich eher zufällig am sogenannten Umweltgipfel in Rio de Janeiro teil. Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschte eine Aufbruchstimmung. Nun könnten endlich die wirklichen Probleme bekämpft werden, beispielsweise die Zerstörung des Regenwaldes im Gastgeberland Brasilien. Doch die UN-Klimakonferenzen von 1995 an gerieten zu einem unwürdigen Gefeilsche über Prozentwerte und Ausnahmeregelungen, wie beispielsweise CO2-Senken. Seit Rio sind die jährlichen CO2-Emissionen um die Hälfte gestiegen, obwohl die „nachhaltige Entwicklung“ plötzlich zum Modewort avancierte. Selbst die deutsche Forstwirtschaft, auf die der Begriff Nachhaltigkeit zurückgeht, steht Dürren und Borkenkäfern inzwischen hilflos gegenüber.

Wann kommt die Revolution?

Eine preisneutrale Senkung des CO2-Ausstoßes und ein vollständiger Ersatz fossiler Brennstoffe sind noch nicht möglich. Eine radikale Klimapolitik hätte daher unabsehbare politische und soziale Folgen. Schon Kuby warnte 1954 vor schweren sozialen Erschütterungen, „wenn eine Kilowattstunde so viel kostet, wie ein Maurer in einer Stunde verdient“. Seine Prophezeiung: „Eines Tages werden die Völker – hundert Jahre gewöhnt an bequemen Konsum, an Schmerzlosigkeit und Passivität gegen die letzten Konsumenten, die dann die herrschende Oberschicht bilden – Revolution machen.“

Der Klimawandel bedroht mehr als 70 Prozent der Kolonien der Königspinguine. Die Tiere müssen in südlichere und damit kältere Gebiete umziehen. Umweltschutz

Bislang hat die Entwicklung der (Förder)-Technik eine solche revolutionäre Verteuerung der Energiepreise verhindert. Kein Wunder, schließlich haben alle, trotz gelegentlicher Ölpreiskrisen und Umweltdesaster (Amoco CadizDeepwater Horizon) gut daran verdient. Dass die Atomenergie den zusätzlichen Energiebedarf nicht würde decken können, hat Kuby damals schon vorhergesehen. Auch ohne Reaktorkatastrophen wie in Tschernobyl oder Fukushima einzubeziehen.

Nur die junge Generation hat verstanden

Selbst in autokratischen Ländern wie Iran kommt es aber nun zu Protesten, wenn an der Benzinpreisschraube gedreht wird. In demokratischen Ländern, wie bereits in Frankreich, entstehen schnell Bewegungen wie die Gelbwesten.

Dennoch ist es beschämend zu beobachten, dass vor allem Kinder und Jugendliche eine radikalere Klimapolitik einfordern. Natürlich müssen sie befürchten, viel länger und stärker von den drohenden Klimaveränderungen betroffen zu sein. Doch die ältere Generationen versagt, wenn sie die schon bestehenden Möglichkeiten zum Klimaschutz wie den Bau neuer Stromtrassen, Windräder oder Pumpspeicherkraftwerke aus fadenscheinigen Gründen ablehnt oder blockiert.

Handeln ohne direkten Effekt

Natürlich ist kein demokratisch gewählter Politiker bereit, Millionen Arbeitsplätze zu riskieren, damit sich die Erde vielleicht im 22. Jahrhundert etwas schneller abkühlt. Wenn sich die Erwärmung jedoch beschleunigt und verschiedene Klima-Kipppunkte erreicht werden, könnte das Leben auch für die älteren Generationen in Deutschland ungemütlicher werden. Was bleibt zu tun, um nicht deprimiert die Hände in den Schoß zu legen und in „ökologische Trauer“ zu verfallen, wie es inzwischen die Psychologen nennen?

„Obwohl die Handlungen eines einzelnen Individuums keinen Effekt auf das Klima haben, heißt das nicht, dass sie bedeutungslos sind“, schreibt Franzen. Er schlägt vor, die Welt auf die unvermeidlichen Veränderungen vorzubereiten und krisenfester zu machen, nicht nur im Großen, auch im Kleinen. „Das Absichern fairer Wahlen ist eine Klimaaktion. Die Bekämpfung extremen Reichtums ist eine Klimaaktion. Das Abschalten der Hassmaschinen in den sozialen Medien ist eine Klimaaktion“, schreibt Franzen.

Was tun?

Wie soll der einzelne Mensch in seinen vielen Rollen als Konsument, Berufstätiger, Bürger oder Elternteil konkret damit umgehen? Nach Ansicht Franzens sollte man deutlich mehr tun als Grün zu wählen, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder Flüge zu vermeiden, wenn man die Klimakatastrophe als Fakt akzeptiere.

Als privater Konsument ist es vermutlich noch am einfachsten, sich „klimafreundlicher“ zu verhalten und aus dem Perfektionswahn des Konsums auszusteigen. Wenn man es wirklich will. Doch beruflich bleibt vielen Menschen noch gar keine andere Wahl, als klimaschädliche Produkte zu entwickeln, herzustellen, zu verkaufen. Oder weite Strecken mit dem Auto oder Flugzeug zurückzulegen.

Selbst als Journalist stellt sich die Frage: Sind Inlands- oder Langstreckenflüge vertretbar, nur um über ein neues Elektroauto zu berichten? Und müsste nicht viel mehr über die Klimakatastrophe berichtet werden? Oder wäre das, wie dieser Artikel, nicht auf die Dauer zu deprimierend?

Das Ende im Garten

In seinem Roman Candide hat Voltaire den naiven Jüngling Candide im 18. Jahrhundert eine Weltreise machen lassen, um den theologischen Optimismus eines Leibniz oder Wolff zu persiflieren. Dabei geriet Candide von einer Katastrophe in die nächste, selbst das verheerende Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 und die Inquisition blieben ihm nicht erspart.

Heutzutage würde es Voltaire wohl reichen, eine junge Greta oder Luise von einem Klimadesaster zum nächsten zu schicken, von einer erfolglosen Klimakonferenz zur anderen, um sie von ihrem Glauben an „die beste aller Welten“ zu heilen. Statt von der Inquisition gefoltert zu werden, müssten sie ständig Interviews geben. Sogar bei der weisen Regentin Angela müssten sie antichambrieren.

Voltaires Roman endet mit dem bekannten Zitat: „Allein es gilt, seinen Garten zu bestellen.“ 250 Jahre später müsste es wohl heißen: „Allein es gilt, seinen Garten zu bewässern.“

Der Beitrag erschien zuerst auf golem.de und wurde von der Redaktion ergänzt.

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