Wenn Andreas Capjon zur Arbeit fährt, nimmt er den Aufzug, ein paar Treppen – und steht dann auf dem Dach des Hotels The Hub. „Willkommen in meinem Büro“, ruft Andreas gegen den frischen Wind an. Der 39-jährige nennt sich Stadt-Bauer von Oslo. 300 Quadratmeter Grün bewirtschaftet er in der 810-Betten-Herberge – oben auf dem Dach im 14. Stockwerk, im Innenhof und auch ganz unten.

Ein Landwirt und das größte Hotel in Norwegen – wie passt das zusammen?

„Ich bin auf dem Gemüse- und Kräuterhof meiner Eltern außerhalb von Oslo groß geworden, bin ein richtiger Farmer“, so Andreas Capjon. Nach Ausbildung und Studium legte er 2016 im Stadtteil Losæter auf einem Autotunnel den ersten Stadtacker für Grünzeugs an. Davon hörten die Hotelmanager von The Hup, das im März 2019 nach rund zweijähriger Renovierung und Umbau wieder eröffnet wurde.

Andreas Capjon und die Clarion-Hotelgruppe wurden sich handelseinig, auch vor diesem Hintergrund: Neubauten und erneuerte Bauwerke in Oslo müssen nach einer Bauvorschrift begrünte Dächer haben, erklärt Capjon.

20 verschiedene Kräuter wie etwa Thymian, Basilikum, Oregano und Bjørnerot (Bärwurz) wachsen seit dem Frühjahr auf dem Hoteldach heran, außerdem noch weitere Blütenpflanzen wie Calendula, Tagetes, Agurkurt und Sonnenblumen. „Die Köche des Hotelrestaurants Norda lieben die frischen Kräuter und die essbaren Blüten vom Dach“, schwärmt Bybonden (Norwegisch für Stadtbauer) Andreas.

„Kort reist mat“ (kurz gereiste Lebensmittel, Produkte ohne lange Transportwege) ist ohnehin der Trend in der norwegischen Küche, die mehr und mehr auf regionale Erzeugnisse setzt. „Bei uns sind die Kräuter nur 40 Meter bis zur Küche unterwegs, ganz ohne Plastikverpackungen“, so Capjon.

Ehrgeizige Umweltziele

Das Grünzeugs vom Hoteldach steht beispielhaft für die umweltbewusste Ausrichtung der 680.000-Einwohner zählenden Hauptstadt Norwegens. Mit ihren Ideen zur Senkung beispielsweise des klimaschädlichen Treibhausgases CO2 konnte Oslo sich gegen ein rundes Dutzend Wettbewerber um den Titel „Grüne Hauptstadt Europas 2019“ (siehe Bild) durchsetzen.

Ehrgeizig, konsequent und kompromisslos sind die Ziele, die sich Norwegens größte Stadt selbst auferlegt hat: Bis 2020 soll der CO2-Ausstoss um 36 Prozent gesenkt werden und bis 2030 um 95 Prozent, basierend auf den Werten des Jahres 1990.

Elektromobilität anstelle von Benzinern und Dieselautos sehen die Osloer daher als ihren Weg: Bereits Ende 2018 rollten 36.000 Elektroautos in der Stadt. „In diesem August sind wir bei 40.000 angekommen“, so Paal Mork (52), Fachmann für E-Mobility bei der Stadtverwaltung. Dazu kämen noch 32.000 Hybridfahrzeuge. 71 Prozent der im ersten Quartal 2019 neu zugelassenen Fahrzeuge in Oslo waren Elektroautos. Spitzenwert im März 2019: 76,6 Prozent! Staat und Stadt fördern die E-Mobility. Mork: „Die Mehrwertsteuer entfällt, außerdem die so genannte Neuwagen-Registrierungssteuer, die 100 Prozent des Kaufpreises beträgt.“

Kostenloses Parken sowie ein Netz von Ladestationen reizen überdies zum Kauf von Stromern: Aktuell 1.325 Ladepunkte betreibt die Stadt selbst, dazu kommen rund 700 private Ladestationen mit Strom aus Wasser- und Windkraft, so Mork. E-Autos dürfen die Busspuren nutzen, wenn neben dem Fahrer mindestens zwei Menschen mitfahren – ein Anreiz zur Bildung von Fahrgemeinschaften.

EL, EK und EV: An den Nummernschildern sind Elektroautos schnell erkennbar. Zumeist sind es Tesla-Modelle, zunehmend auch BMW i3 und Volkswagen e-Golf.

Die Bevölkerung zieht mit

Oslo zeigt gleich einem Mosaik, wie zahlreiche Einzelmaßnahmen ein großes Ganzes ergeben können: Hotspot für die Osloer selbst wie für Touristen ist beispielsweise das Vulkan-Quartier im Stadtteil Grünerløkka am Akerselva-Fluss, nur 20 Minuten Fußweg entfernt vom Zentrum. Hier produzierten im 19. Jahrhundert Säge- und Zementwerke sowie Ziegeleien und ab 1873 obendrein die Eisengießerei Vulkan jernstøperi. Nach deren Stilllegung in den 1950er Jahren verkam das Gelände, bis es ab 2003 umgestaltet wurde zum Wohnquartier, mit einem Hotel, einem Bürohaus sowie einem aufwändigen Solar-Wasserheizsystem. Wärmepumpe und Sonnenkollektoren versorgen das Quartier mit Warmwasser und Wärme.

Forscher haben die Städte mit den weltweit meisten Elektroautos ermittelt und untersucht, warum die E-Mobilität dort erfolgreicher als im Rest der Welt ist. Ein Lehrstück für Deutschland. E-Mobilität

Legendär ist dort die Mathalle mit 30 Bistros, Cafés und Läden und einem breiten kulinarischen Angebot, von Sushi über Pulled Chicken bis zu Lachs und Austern. Im Parkhaus laden tagsüber Handwerker und Besucher ihre Stromer, Sonderparkflächen sind für Carsharing-Fahrzeuge reserviert.

„Wir werden Pkw nicht völlig aus dem Stadtzentrum verbannen, aber es gibt seit diesem Sommer keinerlei Möglichkeit mehr, irgendwie durchs Zentrum zu kurven“, sagt Anita Lindahl, städtische Projektmanagerin der „Umwelthauptstadt 2019“. 760 Parkplätze sind von 2015 bis 2019 im 1,3 Quadratkilometer großen Zentrum entlang der Straßen weggefallen. Stattdessen – wie auf dem Fridtof-Nansen-Platz am Rathaus – stehen dort nun Blumenkübel und Ruhebänke, gibt es statt eines Parkhauses eine Fahrradwerkstatt.

Nur 1.000 Menschen leben in der kompakten City zwischen Hauptbahnhof und Königsschloss, aber mehr als 100.000 Menschen pendeln wochentags dorthin zu ihren Arbeitsplätzen, die Allermeisten mit dem öffentlichen Personennahverkehr, mit Bus und Bahn.

63 Prozent der Osloer stimmen laut Lindahl dem konsequenten grünen Kurs der Stadt zu. Dennoch: „Das Thema polarisiert“, gibt die Projektleiterin zu. auch wenn demnächst Kommunalwahlen anstehen, die die Mehrheitsverhältnisse im Rathaus verändern könnten, setzt Lindahl darauf, das die neue Stadtregierung die grüne Leitlinie weiterführt.

2,20 Meter breite (anstelle des nationalen Standards von 1,50 Meter Breite) und gut gekennzeichnete Radwege, die Jahr für Jahr um einige Kilometer erweitert werden, über 1.000 Leihräder an 250 festen Abstellstationen, neuerdings E-Scooter (die wie in Deutschland vielfach nur im Weg stehen), dazu ein kurz getakteter Personennahverkehr aus U-Bahn, Straßenbahnen und Buslinien selbst an den Wochenenden: Das sind weitere Mosaiksteine der neuen Mobilität in der grünen Hauptstadt Europas.

Völlig emissionsfrei soll der Personennahverkehr spätestens im Jahr 2028 sein. Noch in diesem Jahr werden über 100 Elektrobusse an die lokale Gesellschaft Ruter geliefert, 2020 sollen insgesamt 200 davon im Einsatz sein. Die Fähren von Oslo nach Kiel, Kopenhagen und Frederikshavn (Colorline, DFDS und Stena) werden laut Paal Morks Worten bis zum kommenden Jahr während ihrer Liegezeit in Oslo auf Landstrom umgestellt.

Kreuzfahrtschiffe bleiben ein Problem

„Viele Herausforderungen sind bereits gelöst“, meint der E-Mobility-Experte Mork. Dazu zählt auch die Versorgung des Stadtzentrums mit Warensendungen auf der so genannten letzten Meile. Statt wie sonst üblich mit 3,5 Tonnen schweren Kleinlastern setzt DB Schenker-Logistik für den Güterverkehr bereits Lastenfahrräder mit Elektroantrieb ein: Diese können Lasten bis zu einem Gewicht von 150 Kilo schultern und kommen mit einer Akkuladung sowie der Wadenkraft des Fahrers rund 80 Kilometern weit. Benjamin Apiah und Muhammed Seck sind zwei der Radpiloten. Ihre Fracht wird in dem Anfang Mai eröffneten Verteilzentrum (Oslo City Hub) im Stadtteil Filipstad in der Nähe des Liegeplatzes der Kiel-Oslo-Fähre vom Laster aufs Pedelec umgeladen. Der CO2-Ausstoß der innerstädtischen Warenverteilung soll laut DB Schenker allein durch diese Maßnahme um 80 Prozent sinken.

Trotz der vielen einzelnen Bausteine bleibt vorerst ein großes Thema ungelöst: Die Kreuzfahrtschiffe. Im vergangenen Jahr legten insgesamt 98 Schiffe mit zusammen 226.000 Passagieren in Oslo an, für 2019 haben sich 121 Schiffe mit 226.000 Passagieren angekündigt. Während ihrer Liegezeit unterhalb der Festung Akershus werden sie stundenlang die Abgase ihrer mit Schiffdiesel betriebenen Generatoren in die Luft pusten. Immerhin ist die Energiewende auch hier eingeleitet: Ab 2025 müssen alle Kreuzfahrtschiffe Landstrom nutzen, wenn sie in Oslo und anderen norwegischen Häfen anlegen. Das Null-Emissions-Ziel hat die Hafenverwaltung allerdings erst für das Jahr 2050 angepeilt: Ganz verschrecken möchte man die Kreuzfahrt-Reedereien auch nicht.

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