Turo ist eine Art Tinder für Autos. Privatleute können ihre Fahrzeuge darüber tauschen. Daher scheint es kein Zufall zu sein, dass der Internetkonzern IAC jetzt 250 Millionen Dollar in das Start-up aus Kalifornien gesteckt hat. Denn IAC hat nicht nur Reise-Plattformen wie Expedia bekannt gemacht, sondern auch die Partnervermittlung Tinder.

Durch diese Finanzierungrunde ist Turo jetzt mehr als eine Milliarde Dollar wert – und gilt damit als Einhorn. Wovon auch der deutsche Autohersteller Daimler profitiert, der seit 2017 an dem Sharing-Dienst beteiligt ist, der auch in Deutschland aktiv ist.

Unser Kollege im Silicon Valley, Matthias Hohensee, hat Haddad in der Edison-Ausgabe 4 / 2018 ausführlich porträtiert:

Firmenchefs in den USA reden mit Vorliebe darüber, wie inbrünstig sie ihr eigenes Produkt lieben und wie wichtig ihnen ihre Kunden sind. Turo-CEO Andre Haddad ist da keine Ausnahme. Mit einem Unterschied. Er kann es beweisen. „Hier“, sagt der 46-Jährige, zieht mitten im Gespräch im Firmenhauptquartier in San Franciscos Innenstadt sein iPhone X aus der Tasche, öffnet die App seines Unternehmens und stößt einen Jubelschrei aus. „Wow, Derek hat mich super bewertet“, freut er sich. Alles andere wäre auch peinlich gewesen. „Puh, da habe ich ja Glück gehabt“, witzelt er.

Derek, ein Tourist aus Michigan, hat vor ein paar Tagen für einen Ausflug nach San Francisco Haddads silberfarbenen Audi R8 gemietet. Mit V10-Motor und roten Ledersitzen – für 275 Dollar am Tag. Auf Turo, einer Plattform aus San Francisco, über die Privatleute ihre Autos an andere Privatpersonen vermieten. Im Silicon Valley ist sie als Airbnb für Autos bekannt. Der Audi ist einer seiner fünf privaten Wagen, die Haddad zum Leihen anbietet, neben einem Porsche 911 sowie drei Teslas der Typen S, X und Model 3.

Das sind nicht gerade typische Fahrzeuge für einen durchschnittlichen Turo-Mieter. Der legt mehr Wert auf einen Mix aus Alltagstauglichkeit und Kosten. Die populärsten Modelle sind folgerichtig der Jeep Wrangler, gefolgt vom Toyota Prius und dem 3er BMW. Immerhin sieben Millionen Nutzer und etwa eine Viertelmillion verfügbare Fahrzeuge zählt der Dienst, von Sportwagen und Edellimousinen zu Tagesmieten von über zweihundert Dollar, bis hin zum Kleinwagen ab 15 Dollar.

Von Beirut über Paris nach San Francisco
Turo-CEO Andre Haddad (46) wuchs im Libanon auf – bis 1989 eine Bombe das Appartement seiner Familie in Beirut zerstörte. Da war er 17 Jahre alt. Kurz darauf floh er allein nach Paris. Nach dem Management-Studium gründete er 1999 in Frankreich die Handelsplattform iBazar mit. US-Rivale Ebay schluckte das Start-up wenige Jahre später. Haddad blieb und machte im Konzern Karriere. 2011 verließ er Ebay und rückte an die Spitze des Carsharing-Anbieters Turo in San Francisco.

Das sind Größen, die auch für Autohersteller spannend sind. Folgerichtig hat sich Daimler an Turo beteiligt. Haddad wagt jetzt die Expansion nach Deutschland. Im Januar ist die deutsche Version von Berlin aus gestartet. Deutscher Statthalter ist Marcus Riecke, ehemals Geschäftsführer von StudiVZ und des Nachbarschaftsnetzwerks Nextdoor. Ihm hat Haddad ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Schon Ende des Jahres soll Turo hierzulande Marktführer sein.

Einfach wird das nicht. Denn mit dem französischen Anbieter Drivy (das mittlerweile vom US-Wettbewerber Getaround gekauft wurde) und dem niederländischen Snappcar gibt es bereits Konkurrenz. Turo kann dafür auf die Starthilfe durch Daimler bauen. Die Stuttgarter haben dazu ihre Mietplattform Croove eingebracht und verfügen durch Car2Go über Erfahrung im professionellen Vermieten von Autos. Turos deutscher Versicherungspartner ist übrigens die Allianz.

Doch kann der amerikanische Branchenpionier deutsche Autobesitzer, von denen viele ihren Wagen nicht nur lieben, sondern auch als Statussymbol betrachten, wirklich vom Teilen überzeugen? „Der Markt ist so riesig, da sehe ich kein Problem“, verbreitet Riecke Optimismus. Haddad erinnert an Ebay. Das ist in Deutschland ebenfalls mit viel Skepsis gestartet, bevor es rasch zum wertvollsten Auslandsgeschäft des Konzerns aufstieg.

Bei Ebay das Handwerk gelernt

Haddad jedenfalls liebt es auch nach sieben Jahren an der Spitze von Turo, den Mietern seine Autos persönlich vor seinem Privathaus in Hillsborough, einem kleinen Ort südlich von San Francisco, zu übergeben. „Das ist die beste Marktforschung“, sagt er. Zwar gibt sich Haddad auf Turo als Mitarbeiter des Unternehmens zu erkennen. Doch er verschweigt wohlweislich, dass er den Laden leitet. „Sonst würden sich die Leute nicht natürlich geben“, fürchtet er.
Oft revanchieren sich Kunden mit kleinen Geschenken. Meist mit einer Flasche Wein, mitgebracht von den Besuchen der Weingüter in Napa und Sonoma. Inzwischen ist eine kleine Sammlung daraus geworden. Haddad hat keine einzige geöffnet – weil er die Geschenke als eine Art Talisman betrachtet.
Wenn der Turo-CEO auf Terminen ist, übergibt auch schon mal sein elfjähriger Sohn den Schlüssel. „Selbstverständlich sage ich dem Mieter vorher Bescheid“, bemerkt er mit einem Kichern. Andererseits: „Mein Sohn kennt sich mit den Tesla-Funktionen besser aus als ich.“ Haddad scrollt weiter durch die App. „16 000 Dollar habe ich dieses Jahr schon umgesetzt, mein Ziel von 20 000 Dollar werde ich wohl schaffen“, freut er sich.
Handeln liegt ihm im Blut. Als er bei Turo begann, galt er bereits als erfahrener Gestalter digitaler Marktplätze: Im Oktober 1999, mitten im damaligen Dotcom-Boom, hatte der gebürtige Libanese in seiner Wahlheimat Paris den Online-Marktplatz iBazar mitgegründet. Der stieg rasch zum Marktführer auf, erst in Frankreich, später in Italien, Spanien und Brasilien. So rasant, dass Ebay aufmerksam wurde. Schließlich schluckte das Vorbild aus dem Silicon Valley 2001 das Start-up für 140 Millionen Dollar. Haddad wechselte zu Ebay, stieg dort zum Europachef auf und übernahm dann im US-Hauptquartier immer mehr Verantwortung.

Wie vermiete ich meinen Privatwagen?

Wer?

Das Airbnb-Prinzip für Autos funktioniert längst auch in Deutschland. Neben Turo bieten hierzulande Firmen wie Drivy oder Snappcar die sogenannte Peer-to-Peer-Vermietung von Fahrzeugen unter Privatleuten an.

Wie?

Die Vermittlung erfolgt über Apps auf dem Mobiltelefon oder Websites. Der Interessent wählt hier seinen Standort und die gewünschte Nutzungsdauer und sucht sich dann aus dem Angebot ein Auto, das seinen Vorstellungen entspricht. Preislich, optisch, je nach Einsatzzweck. Akzeptiert der Vermieter die Buchungsanfrage, trifft man sich zu einem abgemachten Termin – zu Schlüsselübergabe und Führerscheinkontrolle. Seat, BMW und Drivy arbeiten an einem System, mit dem sich das Auto – ähnlich wie bei Car2Go und DriveNow – per App öffnen lässt. Das persönliche Treffen entfiele damit – aber auch die Möglichkeit, den Vertragspartner abzuschätzen.

Wie teuer?

In der Miete ist neben der Provision für den Vermittler (Turo fordert 25 Prozent des Mietpreises vom Fahrzeugbesitzer, 10 Prozent vom Nutzer) auch eine Vollkaskoversicherung für das Auto enthalten.

Was passiert im Schadensfall?

Ab der Übergabe greift also nicht die Erstversicherung, sondern die Teilzeit-Versicherung. Turo, Drivy und Snappcar kooperieren hierzu mit der Allianz. Achtung: Für Vermieter empfiehlt sich dennoch ein Versicherungstarif, der die gewerbliche Nutzung des Fahrzeugs mit abdeckt – sicher ist sicher.

Doch nach zehn Jahren bei der Handelsplattform suchte Haddad 2011 eine neue Herausforderung. Er fand sie bei einem kleinen Start-up namens Relay Rides, das sich später in Turo umbenannte. Gründer Shelby Clark hatte die Idee für einen Privatauto-Verleih als er sich 2008 mit seinem Rad auf dem Weg zu einer Autovermietung durch einen Schneesturm in Boston kämpfte. „Ich sah all diese Autos ungenutzt am Straßenrand stehen und kam ins Grübeln“, so Clark. Noch während er Management an der Harvard Business School studierte, arbeitete er einen Geschäftsplan für das Start-up aus.

Im Frühsommer 2010 legte Clark los, zunächst in Boston. Damals entstand das Konzept der Sharing Economy, San Francisco war das Epizentrum. An der Westküste mühten sich die Gründer von Airbnb damit ab, das Vermieten von Zimmern über das Internet attraktiv zu machen. Ein paar Straßenzüge weiter bereiteten die Unternehmer Garrett Camp und Travis Kalanick den Start ihres Fahrdienstes Uber vor.

Versicherungen für alle Eventualitäten

Clark verlegte sein Start-up daher Ende 2010 von Boston an die Westküste und suchte nach einem erfahrenen CEO. Eine Rolle, so erinnert sich Haddad, wie geschaffen für ihn. Er liebe nun einmal Autos und sei sofort von Clarks Idee begeistert gewesen. „Soll mein Wagen doch für mich arbeiten und so zumindest einen Teil der Anschaffungskosten wieder hereinholen“, beschreibt er das Grundkonzept.

Haddad sah die Parallelen zu Ebay, das vor allem deshalb populär wurde, weil die Nutzer sich gegenseitig bewerten. Mitte der Neunzigerjahre konnte sich auch kaum jemand vorstellen, dass Wildfremde online miteinander handeln würden. Doch das eigene Auto verleihen? Haddad war klar, dass die Hürde neben einer guten Schadensversicherung nur mit viel, viel Vertrauen zu nehmen war.

In Deutschland wächst die Bereitschaft, das eigene Auto gegen Bezahlung für ein paar Tage an Fremde zu verleihen. Der US-Anbieter Turo bringt auf seiner Internet-Plattform Autobesitzer und Menschen mit einem Mobilitätsbedürfnis zusammen. Carsharing

Anfangs sorgte er dafür, dass Übergabe und Rückgabe der Autos persönlich zwischen Besitzern und Mietern stattfanden und sich beide untereinander bewerteten. „Wer von Steve oder Joe ein Auto leiht, geht damit anders um, als mit einem Fahrzeug vom professionellen Vermieter“, behauptet Haddad. Die Zahl der gemeldeten Schadensfälle, so der Turo-CEO, sei minimal. Auch weil die Vermietplattform nicht jeden akzeptiert. Turo prüft in den USA unter anderem, wie Autoversicherer das Risiko potenzieller Kunden einschätzen sowie die Zahl der Verkehrsverstöße und Strafzettel.

Doch schon ein Unfall kann die Kalkulation für den Vermieter über den Haufen werfen. Turos Versicherung stellt ihm während der Reparatur seines Autos zumindest einen Leihwagen. Sogar entgangene Einnahmen lassen sich absichern. Gegen die Scherereien und den möglichen Wertverlust des Autos hilft allerdings keine Versicherung.

Trotz aller Skepsis am Anfang: Turo setzte sich durch. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen rund 200 Mitarbeiter und ist in 5500 Städten verfügbar. Profitabel ist die Plattform, die sich über eine Vermittlungsgebühr finanziert, noch nicht. Im ersten Halbjahr 2018 hat sie mit dem Bestand von 250.000 Fahrzeugen knapp fünf Millionen Miettage vermittelt.

Im Schnitt teilen die Besitzer ihr Auto elf Tage im Monat und setzen in diesem Zeitraum durchschnittlich 625 Dollar um. Aber es ist auch deutlich mehr drin: Den Umsatzrekord hält derzeit der Besitzer eines Porsche 911 aus Las Vegas – mit 42.000 Dollar 2017.
Hatte Gründer Clark, der in den Aufsichtsrat wechselte, anfangs große Probleme, einen Versicherer zu finden, ist bei einer Finanzierungsrunde in Höhe von rund 100 Millionen Dollar der US-Versicherungsgigant Liberty Mutual 2018 eingestiegen. Er versichert exklusiv die über Turo vermittelten Autos. Bisher hat das Start-up 450 Millionen Dollar Wagniskapital eingesammelt, bewertet wird es mit mehr als einer Milliarde Dollar.

Inzwischen hält Haddad seine Plattform für groß genug und mit genügend Bewertungen ausgestattet, um einen neuen Service namens Turo Go zu erproben. Vermieter können ihr Auto mit einem elektronischen Schloss nachrüsten lassen, das Turo finanziert. Dann müssen sie nicht mehr persönlich bei der Übergabe dabei sein. Noch ist der Service in der Testphase.

Keine Angst vor autonomen Autos

Auch wenn Haddad begeistert seine eigenen Autos verleiht – einen Wagen darf er nicht auf Turo offerieren: den Volkswagen Camper Westfalia seiner Familie. Mit dem geliebten Van, Baujahr 2003, hat er mit seinem Ehepartner Benoit, einem französischen Fotografen, und den drei Kindern die Nationalparks der US-Westküste bereist. Und verbindet damit viele Erinnerungen an die Nächte in dessen ausfahrbarem Zelt. „Das ist Benoit zu persönlich“, bedauert Haddad. Zudem bräuchten sie den Van dann doch zu häufig selber.

Vor selbstfahrenden Autos ist ihm nicht bange. Ganz im Gegenteil. „Das wird das Verleihen sogar erleichtern, und der Eigentümer kann sich so sein Auto finanzieren“, meint Haddad. Doch muss man sich künftig überhaupt noch ein Auto anschaffen, sind Plattformen wie Turo nicht bald überholt? „Leute werden immer Autos besitzen wollen, schon wegen der Passion für schöne Wagen“, sagt der Turo-CEO. Aber steht diese Leidenschaft dann nicht dem Verleihen im Weg? Das muss Haddad nun beweisen.

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