Ein Paradies sieht anders aus, ganz sicher nicht so: Brennnesseln, wohin man blickt, dazwischen Glasscherben und Müll aller Art. Plastikstühle, ausgeräumte Computer, dazu eine zertrümmerte Toilettenschüssel. Am Transformatorenhäuschen ist die Tür eingedrückt, sind die Fenster eingeschlagen und die Leitungen herausgerissen worden. Auch einen Bunker gibt es auf den alten Bergwerksflächen von Polsum I und II in Marl im Kreis Recklinghausen. Aber auch er ist vermüllt, seitdem die Ruhrkohle AG hier 2008 ihre Aktivitäten einstellte. Gut, etwas weiter weg gibt es ein kleines Waldstück, auch eine hübsche Wiese. Aber wer zahlt für so etwas rund eine halbe Million Euro?

Dirk Gratzel. Der 52-jährige Ökonom, geboren in Essen und im Aachener Land mit einem IT-Unternehmen zu Wohlstand gekommen, will sich hier seinen Lebenstraum erfüllen. Durch die Renaturierung der Fläche, durch Wiederaufforstungen, die Anlage von Magerwiesen und einer Apfelbaum-plantage will er das 11,5 Hektar große Gelände im nördlichen Ruhrgebiet in den nächsten „20, 25 Jahren“ in ein grünes Paradies verwandeln. Nicht um den Menschen in der Region ein Geschenk zu machen, sondern um seine ganz persönliche Schuld am Zustand der Natur zu tilgen.

„Wenn ich diesen Planeten eines Tages verlasse“, sagt er, „möchte ich keinen kapitalen Schaden hinterlassen, sondern eine ausgeglichene ökologische Bilanz.“ Ein ehrenwerter Vorsatz, den der passionierte Jäger vor bald drei Jahren fasste, als er mal wieder mit seinem Gebirgsschweiß-hund Emil „auf Ansitz“ war und dabei über sein bisheriges Leben und die Gespräche mit Frau und Kindern über die Veränderungen in der Natur nachdachte. „Die Insekten sterben, das Wild nimmt ab, der Wald wird vermüllt – ich gehe ja nicht blind durch die Welt.“ Wie viel trägt man selbst dazu bei? Mit seinem Mobilitäts- und Konsumverhalten, mit seinem Ressourcenverbrauch, mit Fahrten zur Arbeit und Flügen in die Ferien? Nicht nur täglich, sondern jedes Jahr, Zeit seines Lebens.

Eine Ökobilanz Mensch gab es noch nie

Die Fragen ließen Gratzel nicht mehr los. Er begann nach Antworten zu suchen, im Internet, dann – ebenso erfolglos – bei Experten von
Umweltverbänden. Hilfe fand er schließlich im Institut für Technischen Umweltschutz an der TU Berlin. Institutsleiter Matthias Finkbeiner war anfangs skeptisch, erwärmte sich dann aber für die Idee, eine Ökobilanz
Mensch zu erstellen: „Das hat es so noch nicht gegeben.“

Es begann eine mühselige Kleinarbeit – für Finkbeiner, aber noch
mehr für sein Forschungsobjekt. Den Anfang machte eine Bestands-aufnahme: Gratzel bekam die Aufgabe, zwei Monate lang festzuhalten, was
er aß und trank, woher die Speisen und Getränke stammten, wie sie zu-bereitet oder verpackt waren. Er sollte daheim und im Büro seinen
Müll sammeln, sortieren und wiegen. Außerdem hatte er festzuhalten, wie viel Gas, Strom und Wasser er verbrauchte. Und obendrein sollte er seinen persönlichen Besitz dokumentieren. Den von heute und auch den von ges-tern: Sämtliche Bücher, jedes Hemd, alle Hosen und, ja, auch den Hund – einfach alles. Und das möglichst haarklein.

Projekt Green Zero
Können wir klimaneutral leben? Mein konsequenter Weg zu einer ausgeglichenen Ökobilanz
Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen. Ludwig-Verlag, 18 Euro

In seinem Buch „Projekt GreenZero. Mein konsequenter Weg zu einer ausgeglichenen Ökobilanz“ kann man nachlesen, was damals los war bei den Gratzels in Breinig und in seinem Büro in Aachen. „Das hat den einen oder anderen schon irritiert“, deutet Gratzel intensive Gespräche im Familienkreis und mit Kollegen an. Aufhalten ließ er sich nicht. Er durchstöberte die Kleiderschränke, sichtete über Tage hinweg den Inhalt des Kühlschranks und notierte, wie viel Kekse er während Konferenzen vertilgte. Er kramte alte Fahrtenbücher hervor und zählte die Flugkilometer seiner Geschäftsreisen. Er stoppte, wie lange er duschte. Auch Emils Fress-verhalten wurde studiert: Ein Jagdhund putzt im Laufe seines Lebens eben-falls ganz schön was weg.

Die Excel-Tabellen wurden darüber immer länger, die Datensätze, die
nach Berlin zur Analyse geschickt wurden, immer größer. Aber kurz
darauf wusste er, wie er sich versündigt hatte. Nicht nur am Weltklima,
sondern auch durch die Versauerung der Böden, die Schädigung der Ozonschicht und der Gewässer unter anderem durch den Eintrag von Waschmitteln und Kosmetika.

Fast 27 Tonnen CO₂, lernte er, hatte er bis dahin jedes Jahr zur Klima-erwärmung beigetragen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Bundes-bürger kommt auf etwa 11 Tonnen im Jahr. Der größte Teil der
Klimaschuld, förderte die Detailanalyse zutage, ergebe sich aus dem Mo-bilitätsverhalten: 40 000 Kilometer mit einem dieselgetriebenen Luxusauto und 30 000 Flugkilometer summieren sich in einem Jahr zu knapp 18,4 Tonnen Kohlendioxid. Summa summarum, ergab die Studie der TU Berlin, habe Gratzel seit seiner Kindheit eine Klimaschuld von 1175 Tonnen an- gehäuft. Gratzel: „Das Ergebnis hat mich schon geschockt.“

CO2-Schuld sank auf 7,8 Tonnen im Jahr

Seitdem hat sich das Leben von Gratzel – und in Teilen auch das seiner Frau, seiner fünf Kinder sowie von Hund Emil – dramatisch geändert. Der Diesel wurde verkauft, gegen einen Plug-in-Hybrid getauscht. Flugreisen wurden komplett gestrichen, sämtliche Milchprodukte aus dem
Kühlschrank verbannt. Ausgemistet wurde auch der Kleiderschrank. 20 Oberhemden besaß Gratzel früher, 18 Paar Socken, 16 TShirts, mehrere Anzüge und einen Smoking. Der Smoking ist geblieben („für festliche Anlässe und Beerdigungen“) sowie die Jagdkleidung. Im Schrank finden sich ansonsten noch eine Jacke und eine Hose aus recyceltem Plastik, ein Pullover aus Bio-Baumwoller sowie einige T-Shirts in Weiß und Schwarz – „aus nachhaltiger deutscher Produktion“.

Die Maßnahmen zeigen Wirkung. Sein CO₂-Austoß ist von 26,6 Tonnen im Jahr auf 7,8 Tonnen zurückgegangen. Um je 61 Prozent sank sein Beitrag zur Versauerung der Böden und zum Schadstoffeintrag ins Wasser. Doch der aus Gratzels Sicht „spannendste Teil des Projekts“ beginnt erst jetzt. Mit dem Kauf des alten Bergwerksgeländes und dem Start der Mission „Grüne Null“. Sein Vorsatz: „Bis zum Ende meines Lebens werde ich den Müll meines Daseins beseitigen und, auch wenn ich damit nicht die Welt rette, zumindest sicherstellen, nicht als jemand zu sterben, der den eigenen Kindern und Enkeln die Lebensgrundlagen ruiniert hat.“

Dirk Gratzel
Der 52-jährige Ökonom hat sich vorgenommen, bis zu seinem Tode seinen persönlichen Anteil am Zustand der Natur vollständig zu tilgen. Foto: Miriam Gratzel

Die bequemste Lösung wäre eine finanzielle Kompensation über den Kauf von CO₂-Zertifikaten gewesen. 29.000 Euro hätten dafür schon gereicht. Aber das war Gratzel zu billig: „Ich will keinen Ablass.“ Er erwog den Erwerb einer Pferdewiese, um diese in ein Moor zu verwandeln. Per Zufall stieß er dann aber auf eine Website der RAG Montan, auf der die frühere Ruhrkohle AG alte Zechen und stillgelegte Industriekomplexe zum Kauf anbot, darunter das ausgediente Bergwerk in Marl. Er „verguckte sich“ in das Gelände – und schlug schließlich zu.

Wiedergutmachung um jeden Preis

„Ab und zu, wenn ich über das Gelände gehe und den Müll sehe“, gibt er zu, „frage ich mich, ob das eine gute Idee war. Aber das sind nur kurze Momente.“ Die Vorfreude auf das ökologische Sühneprojekt überwiegt. Schon im November will er die ersten 50 Apfelbäume setzen („Alles alte Sorten“). Der Bunker soll durch ein Röhrensystem zu einem Biotop für Kleintiere werden. An anderer Stelle sollen nährstoffarme Areale hergestellt werden für Spezialisten unter den Insekten wie die blauflügelige Ödlandschrecke, die Gratzel bereits gesichtet hat.

Das alles, ahnt er, wird nach und nach sein ganzes Vermögen aufzehren. Anteile an seinem Unternehmen Precire hat er bereits verkauft. Wovon will er dann in Zukunft leben? Bei einer statistischen „Restlaufzeit“ von 32 Jahren, wie er flachst? Von den Erlösen aus dem Buchverkauf, aber auch von drei neuen Unternehmen, die er gegründet hat. Seine Ökobilanz soll anderen Menschen als Vorlage dienen, auch aus der Renaturierung von Polsum könnte ein Geschäftsmodell werden. „Ich werde schon nicht verhungern.“

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