Vor fast 140 Jahren fuhr Bertha Benz mit dem Motorwagen ihres Mannes Carl von Mannheim nach Pforzheim. Ohne Tankstellen, ohne Werkstätten, und ohne die Gewissheit, ob sie ankommt. Sie wollte beweisen, dass die Erfindung funktioniert – und hat damit Geschichte geschrieben. Eine Erfindung, die den Grundstein dafür gelegt hat, dass die Automobilindustrie zum Wachstums- und Wohlstandsgarant für unser Land geworden ist.
Heute wird unsere heimische Automobilindustrie von gewaltigen Eruptionswellen erschüttert, auch in meiner Heimat Baden-Württemberg. Die weltweiten Marktanteile schrumpfen. Mit dramatischen Folgen: Gewinneinbrüche, Sorge um Arbeitsplätze und Standorte, drohende Wohlstandverluste.
Dabei geht es auch um unser Selbstverständnis, die klare Nummer eins zu sein. Die Lage ist ernst. Zu lange haben wir uns in Deutschland auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht. Zu lange haben wir unterschätzt, wie schnell China von der Werkbank zum Konkurrenten werden würde, und wie strategisch die Chinesen dabei vorgehen. Bei der Batterietechnik haben wir sie einfach ziehen lassen, das war ein Fehler.
Die Bremsen lösen: pragmatisch handeln, aber mit Weitblick
Kaiser Wilhelm II. wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Ich glaube an das Pferd, das Auto ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Die Geschichte ist über ihn hinweggerollt. Wir sollten es bei der Neuerfindung des Automobils besser machen. Noch können wir das aus einer Position der Stärke heraus tun.
Dazu müssen wir zuallererst unsere Standort-Probleme lösen. Um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, müssen wir ran an die entscheidenden Kostenhebel: Steuern und Abgaben, Bürokratie- und Energiekosten.

Der Spitzenkandidat der Grünen bei der bevorstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg war von 2021 bis 2025 Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, zwischen November 2024 bis Mai 2025 zusätzlich Bundesminister für Bildung und Forschung.
Den Strompreis können wir umgehend senken. Elektromobilität würde günstiger und unser Heimatmarkt angekurbelt. Hier bei uns sind Mercedes, BMW, und Volkswagen noch immer die klare Nummer eins. Sie würden am meisten profitieren. Bei der Stromsteuer muss die Bundesregierung deswegen halten, was sie selbst angekündigt hat! Sie muss für alle sinken. Die Kosten für den Ausbau des Stromnetzes können durch mehr Flexibilität und kluge Partnerschaften zeitlich gestreckt und gesenkt werden. Die EnBW und das Land Baden-Württemberg haben es vorgemacht.
Eine weitere Bremse müssen wir lösen: Das neue Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung darf keine Alibi-Veranstaltung werden. Bürokratie darf nicht nur in homöopathischen Dosen abgebaut werden. Es muss schneller, einfacher, digitaler werden – für alle.
Den Turbo zünden: Technologieführerschaft verteidigen
Mehr Flexibilität beim Verbrenner-Aus ist richtig, schon deshalb, weil in vielen Ländern die Voraussetzungen für einen schnellen Hochlauf der Elektromobilität schlicht fehlen.
Aber: Das Ringen um die richtige Antriebstechnologie darf uns nicht den Blick auf das große Ganze verstellen. Ein zentraler Fehler der aktuellen Debatte ist, dass sie sich allein um die Hardware dreht. Dabei wird das Rennen bei der Software entschieden. Für die Automobilindustrie bedeutet das, dass sie zur Softwareindustrie werden muss. Unser Anspruch muss sein: Die strategisch entscheidenden Schlüsseltechnologien kommen aus Europa.
„Technologieoffenheit heißt nicht Technologiebeliebigkeit. Die Physik misst, was effektiv ist.“
Cem Özdemir zur Debatte um das sogenannte Verbrennerverbot der EU
Wir müssen Spitze werden beim software defined car, bei vernetzter, automatisierter Mobilität und bei Robotik und Künstlicher Intelligenz. Wer hier schläft, ist weg vom Fenster. Darauf muss der volle Fokus von privaten und öffentlichen Investitionen liegen. Und bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür gilt: Ermöglichen und machen statt zögern und zaudern.
Technologieoffenheit heißt nicht Technologiebeliebigkeit. Die Physik misst, was effektiv ist. Die Käufer an den Weltmärkten entscheiden, wo die Reise hingeht. Und beides weist beim PKW unmissverständlich in dieselbe Richtung: Die Elektromobilität liegt vorn. Dennoch: Auch klimaneutrale Kraftstoffe und Brennstoffzellen werden gebraucht, für die Bestandsflotte genauso wie für Sonderfahrzeuge und industrielle Prozesse, für den Schriffs- wie für den Flugverkehr.
Mehr Standort-Patriotismus wagen
Das geopolitische Powerplay von China und den USA verzerrt den Wettbewerb. Aber Zoll-Wettläufe oder Protektionismus-Spiralen produzieren nur Verlierer. Wir sollten uns nicht verzwergen, sondern unsere Interessen selbstbewusst vertreten. Der EU-Binnenmarkt ist der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt. Wir dürfen mehr klugen Standort-Patriotismus wagen. Freihandel ist keine Einbahnstraße. Das Signal muss sein: Unser Markt ist offen, aber es gibt Regeln. Wer vom europäischen Markt profitieren will, muss diese Regeln akzeptieren.
Die Devise lautet: Nicht kleckern, sondern klotzen. Wir müssen deutlich mehr und strategischer investieren. Dazu braucht es deutlich bessere Voraussetzungen für private Investitionen. Außerdem muss die EU ihre Förderlogik ändern: Wer Fördergelder will, muss bei uns investieren – in Standorte, Arbeitsplätze, Wertschöpfung und heimische Lieferketten. Und statt das Geld auf zig Projekte in zig Ländern zu verteilen, muss Europa Stärken bündeln und starke Regionen mit starken Playern fördern. Sie sind der Garant für eine erfolgreiche Zukunft.
Nur so kann es gelingen, eine europäische Chip-Produktion auf den Weg zu bringen. Das Chipforschungszentrum IMEC in Heilbronn weist dabei den Weg. Und vor allem brauchen wir nach Vorbild von Airbus ein europäisches Kooperationsprojekt für die nächste Generation Batterien. Denn rund 40 Prozent der Wertschöpfung beim Elektroauto entfallen auf die Batterie.
Mehr europäische Souveränität verlangt neue Absatzmärkte: Darum Scheuklappen runter beim Thema Freihandelsabkommen und die Reihen mit den Wertepartnern in der Welt schließen: Rohstoffe und Lieferketten sichern, Quellen diversifizieren.
Wir haben es in der Hand, dass Deutschland und Baden-Württemberg starke Automobilstandorte bleiben. Doch bewahren heißt in diesen Zeiten: Mut zum Fortschritt, so wie ihn Bertha Benz vor 140 Jahren hatte.