So ein Porsche Taycan Turbo S ist schon ein tolles Elektroauto: Per „Launch Control“ beschleunigt er seine Insassen in 2,8 Sekunden auf Tempo 100. Oder ein Mercedes EQS 580 4matic: Wenn der Fahrer seinen rechten Fuß zügelt und die „Electric Intelligence“ des Bordcomputers walten lässt, kommt der Fahrer mit einer Akkuladung über 700 Kilometer weit. Das Problem ist nur: Mit Preisen von weit über 100.000 Euro sind beide Luxus-Stromer für Normalverdiener unerreichbar. Und um die irren Beschleunigungswerte und die beeindruckend großen Reichweiten zu erzielen, müssen zudem enorme Ressourcen – Rohstoffe wie Energie – aufgewendet werden, was die Ökobilanz der Autos verschlechtert.

Umso löblicher sind da Elektroautos, die sich ganz bewusst dem elektrischen Größenwahn widersetzen, bei den Akkugrößen, bei den Reichweiten – bei den Preisen. Der neue Kia Niro EV beispielsweise ist schon für 47.590 Euro (vor Förderung) zu haben und begnügt sich mit einem Akku, der 64,8 kWh Strom speichert. Damit kann der kompakte Crossover aus Kombi und SUV nach Herstellerangaben im reinen Stadtverkehr bis zu 604 Kilometer weit stromern.

Tigergesicht mit "Herzschlagkurve" 
Die Kia-Designer haben gute Arbeit gemacht. Der Niro kommt nun deutlich prägnanter daher.
Tigergesicht mit „Herzschlagkurve“
Die Kia-Designer haben gute Arbeit gemacht. Der Niro kommt nun deutlich prägnanter daher.

Im Alltagsverkehr und im Drittelmix sind es nach der Verbrauchsnorm WLTP immerhin 460 Kilometer. Und seit sich die Designer noch einmal über Karosserie und Innenraum hergemacht haben, sieht der Kia Niro auch recht knackig und echt stylish aus. Auf den ersten Blick kommt der Koreaner damit dem Ideal eines voll familien- und alltagstauglichen, aber auch umweltverträglichen wie erschwinglichen Elektroautos schon ziemlich nahe.

directions_car

Technische Daten

Frontantrieb mit 150 kW (204 PS) Leistung und 255 Nm Drehmoment;
Lithium-Ionen-Polymer-Akku mit einer Kapazität von 64,8 kWh;
Max. Ladeleistung AC: 10,5 kW; DC: 80 kW;
Reichweite lt. WLTP-Norm: 460 km;
Höchstgeschwindigkeit: 167 km/h;
Länge/Breite/Höhe (mm): 4.420/1.825/1.570;
Preis: ab 47.590 Euro.

Und auf den zweiten Blick? Unser zweiwöchiger Praxistest, so viel sei hier schon verraten, lieferte ein etwas differenzierteres Bild. Aber der Reihe nach.

Kia Niro nur noch mit großem Akku

Den vollelektrischen Niro hat Kia schon seit 2019 im Lieferprogramm. Und schon in der ersten Generation war der mit 4,42 Metern Länge angenehm kompakte Stromer mit bis zu 700 verkauften Einheiten im Monat in Deutschland ein Topseller. Was neben der 7-Jahres-Garantie auch daran lag, dass Kia den e-Niro mit einer 39,2 kWh großen Batterie und mit 100 kW (136 PS) anfangs schon 38.290 Euro anbot. Nach Abzug von Umweltbonus und Innovationsprämie war das Auto damit in diesem Jahr noch für unter 30.000 Euro zu haben. Obendrein kamen dann noch saftige Rabatte der Händler, was Leasingsraten um die 80 Euro ermöglichte.

Aero-Säule in Kontrastlackierung 
Bumerang-förmige Heckleuchten, die hinterströmten C-Säulen in Kontrastlackierung sowie der Diffusor betonen am Heck den sportlichen Charakter des vollelektrischen Crossover aus Kombi und SUV.
Aero-Säule in Kontrastlackierung
Bumerang-förmige Heckleuchten, die hinterströmten C-Säulen in Kontrastlackierung sowie der Diffusor betonen am Heck den sportlichen Charakter des vollelektrischen Crossover aus Kombi und SUV.

In der zweiten Generation, die seit Juli auf dem Markt ist, gibt es den um fünf Zentimeter gewachsenen Niro EV nur noch in einer Antriebsversion – mit dem bereits erwähnten 64,98 kWh-Akku und einem 150 kW (204 PS) starken Elektromotor an der Vorderachse. Und dafür werden wenigstens 47.590 Euro aufgerufen – fast 5000 Euro mehr als beim Vorgängermodell mit gleich starkem Antrieb. Unser Testwagen verfügte noch über diverse „Drive Wise“-, „Technik“-, Sound- und „Relax“-Pakete, was den Preis auf knapp 52.000 Euro trieb. Das „Steelgray“-Paket war dabei mit 190 Euro noch das günstigste. Es bescherte dem schneeweißen Stromer eine C-Säule in silberner Kontrastlackierung und nach unseren Feststellungen einen deutlich gesteigerten Wow-Faktor und Aufmerksamkeitswert.

Sicherheit wird groß geschrieben

Aber auch für die übrigen Pakete ist das Geld gut angelegt. Die zahlreichen Assistenzsysteme, die damit im Fahrzeug Einzug halten, sind mit deutlichen Sicherheits- und Komfortgewinnen verbunden. Vor allem das Head-up-Display, das die wichtigsten Fahrinformationen in die Windschutzscheibe spiegelt, sowie den Totwinkelwarner (der beim Setzen des Blinkers Bilder der Außenkamera vom nachfolgenden Verkehr ins Cockpit einspielt) mag niemand mehr wissen, wer die Systeme erst einmal im Alltagsverkehr erlebt hat.

Eile mit Weile 
Am Gleichstrom-Lader mit 350 kW Leistung fließen maximal 81 kW wenn ein Kia Niro EV mit leerem Akku andockt.
Eile mit Weile
Am Gleichstrom-Lader mit 350 kW Leistung fließen maximal 81 kW wenn ein Kia Niro EV mit leerem Akku andockt.

Oder vielleicht auch schon im Kia EV6, dem europäischen Auto des Jahres und aktuellen Superstar auf dem deutschen Markt für Elektroautos – manche lassen dafür sogar ihr Tesla Model S stehen, wie wir hören. Aufgrund des größeren Innenraum, vor allem aber mit Blick auf das 800-Volt-Bordnetz, das Ladeleistungen von bis zu 240 kW ermöglicht. Am Gleichstrom-Schnelllader kann so in sechs Minuten Strom für 100 Kilometer Reichweite aufgenommen werden.

Maximal 80 kW am Gleichstrom-Lader

Davon können Fahrer des Kia Niro EV weiterhin nur träumen. An einer Schnellladestation dauerte es im Test trotz Vorkonditionierung bis zu 72 Minuten, um den Ladestand des Akkus (SoC) von elf auf 80 Prozent zu heben. Denn statt 240 kW wie beim EV6 beträgt beim neuen Niro die Ladeleistung maximal 80 kW – direkte Wettbewerber wie der Renault Mégane E-Tech Electric EV60 (130 kW) und der gleichstarke VW ID.3 Pro (120 kW) bieten hier deutlich mehr. Sogar ein Opel Corsa-e (100 kW) performt am Schnelllader deutlich besser – hier hat Kia die Kunst der Selbstbeschränkung übertrieben.

ommandozentrale der klassischen Art 
Das Lenkrad ist noch rund, zudem gibt es zahlreiche Knöpfe und Taster zur Steuerung der Komfortfunktionen - das passt.
Kommandozentrale der klassischen Art
Das Lenkrad ist noch rund, zudem gibt es zahlreiche Knöpfe und Taster zur Steuerung der Komfortfunktionen – das passt.

Das ist umso bedauerlicher, als der neue Elektro-Niro ansonsten nichts missen lässt. Es gibt im Vergleich zum Vorgänger deutlich mehr Platz für Mensch und Material, eine dreistufig verstellbare Rücksitzbank und sogar einen kleinen „Frunk“ vorne für das Ladekabel. Die Sitze sind bequem, der Geräuschpegel im Innenraum ist niedrig und die Aufenthaltsqualität sehr hoch, dank hochwertiger Materialien und eines Bedienkonzepts, das sich dem Fahrer nach kurzer Eingewöhnung schnell erschließt.

Testverbrauch von 17,2 kWh/100 km

Auch der Antrieb weiß zu überzeugen, mit ordentlich Drehmoment (255 Newtonmeter) und einem Testverbrauch von 17,2 kWh auf 100 Kilometer. Für ein Fahrzeug dieser Gewichtsklasse 1757 bis 1814 kg, je nach Ausstattung) ist das ein ordentlicher Wert, auch wenn dadurch die Reichweite auf maximal 375 Kilometer schrumpfte. Mit einer höheren Ladeleistung wäre das kein Handicap. So aber können sich Familienausflüge mit dem Niro EV schon einmal etwas länger hinziehen. Immerhin offeriert der Kia die Möglichkeit, den Akku mithilfe eines Adapters als Stromspender für ein 220-Volt-Gerät zu nutzen – eine Kaffeemaschine oder einen Laptop. So können die Ladepausen dann einigermaßen sinnvoll genutzt werden.

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.