Die IAA, die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt, war jahrzehntelang so etwas wie ein Hochamt der Autoindustrie, auf der die individuelle Mobilität und der Anteil der Fahrzeughersteller und Teilelieferanten am Wohlstand der Nationen gefeiert wurde. Doch in diesem Jahr sind zahlreiche Autohersteller der Feier ferngeblieben, so dass viele Tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche frei bleiben. Und draußen vor dem Messegelände machen Umweltaktivsten und linke Systemkritiker unter dem Vorwand des Klimaschutzes Front gegen das Auto.

Die einen fordern aus Sorge um das Klima eine rasche Umstellung des Autoverkehrs auf alternative, emissionsfreie Antriebe. Die anderen wollen aus ideologischen Gründen der Autoindustrie und dem Auto insgesamt den Garaus bereiten und dem Land bei der Gelegenheit auch gleich eine neue Gesellschaftsordnung verordnen. Gespräche von VW-Chef Herbert Dies und VDA-Präsident Bernhard Mattes mit den Aktivisten brachten keine Annäherung: Die Gegenseite seien für keine Argumente zugänglich gewesen und hätten sich aufgeführt wie eine „grüne Variante der Roten Khmer“, beklagte sich ein Automanager, der dabei war. Zur Erinnerung: Die Guerillabewegung in Kambodscha wollte in den 1970er Jahren die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus überführen.

Mit Spannung sahen die Aussteller deshalb dem heutigen Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der IAA entgegen. Die Sorge, dass sich die CDU-Politikerin bei ihrem Messerundgang populistisch auf die Seite der Auto-Kritiker schlagen würde, erwiesen sich allerdings als unbegründet: Merkel versprach der deutschen Autoindustrie eine enge Zusammenarbeit bei der Bewältigung der anstehenden Transformation. Gemeinsam müsse man die „Herkulesaufgabe“ bewältigen, den Verkehrssektor schnell klimafreundlicher zu machen, sagte sie in ihrer Eröffnungsrede.

Es folgte ein 90-minütiger Messerundgang zusammen, bei der sie zusammen mit dem VDA-Präsidenten an den Ständen der deutschen Autohersteller und -zuliefer autonom fahrende Shuttle-Busse und diverse Elektroautos besichtigte – unter anderem den Opel Corsa e. Merkel zog dabei ein zufriedenes Zwischenfazit: „Ich konnte mich überzeugen, dass wir nicht vor einem Umbruch stehen, sondern dass dieser Umbruch bereits Realität ist.“

Ein Gespräch dazu mit Opel-Chef Michael Lohscheller.

Herr Lohscheller, rund um die IAA gibt es eine aufgeheizte Diskussion über den Anteil des Straßenverkehrs am Klimawandel und die Zukunft des Autos. Wir nehmen Sie diese wahr – und wie reagieren Sie darauf?
Wir versuchen, den Menschen die richtigen Antworten auf die Fragen der Zeit zu geben.

Nämlich?
Opel wird elektrisch. Unser Corsa-e feiert auf der IAA seine Weltpremiere, genau wie der Grandland X Hybrid. Wir bieten den neuen Corsa auch in einer vollelektrischen Version an – mit 330 Kilometern Reichweite und zu einem Preis unter 30.000 Euro. Mit solchen Fahrzeugen leisten wir einen Beitrag zum Klimaschutz. Und das ist erst der Anfang: Bis 2024 werden wir alle unsere Modelle auch elektrifiziert im Angebot haben.

Für das Wochenende sind Demonstrationen und Kundgebungen von Umweltaktivisten geplant, die Sand ins Getriebe der Autoindustrie werfen wollen. Haben Sie wie VW-Chef Diess oder VDA-Präsident Mattes auch schon einen Austausch mit diesen Gruppen?
Ich denke schon, dass die IAA Plattform für einen Dialog auch mit Kritikern sein muss. Wichtig ist, dass wir diesen konstruktiv führen. Mit Opel als Teil der Groupe PSA tun wir bereits viel, um klimafreundliche Mobilität einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Produkte, die wir dieses Jahr auf der IAA zeigen, belegen deutlich den Stellenwert, den wir diesem Thema beimessen. Klar ist aber auch, dass wir uns in diesem Bereich weiter verbessern.

Die Autoindustrie wird derzeit aber nicht nur von Umweltaktivisten getrieben, sondern auch vom Gesetzgeber: Ab 2020 gelten neue, strengere Flottengrenzwerte für die CO2-Emissionen von Pkw, die eigentlich nur durch einen größeren Anteil von Elektroautos an den Neuwagenverkäufen gemeistert werden können. Wie groß ist diese Challenge für Opel?
Die ambitionierten CO2-Ziele zu erreichen, ist eine absolute Herausforderung. Ich bin mir aber sicher: Wir werden das auf jeden Fall schaffen – dank unserer konsequenten Elektrifizierungsstrategie. Ich bin überzeugt, die CO2-Ziele sind nicht die einzigen Treiber der Wende hin zum Elektroauto. Der Zeitgeist hat sich ganz einfach gewandelt. Jeder Mensch möchte einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und immer mehr Menschen sind bereit, dafür auch ein wenig mehr Geld als früher auszugeben. Insofern bin ich davon überzeugt, dass sich die Elektromobilität in den kommenden Jahren auf breiter Front durchsetzen wird.

Sie rechnen also tatsächlich mit einer stark steigenden Nachfrage nach Elektroautos?
Auf jeden Fall. Wie schnell die Kurve ansteigen wird, wissen wir natürlich noch nicht, aber die Rahmenbedingungen für größere Absatzvolumen werden besser.

Sie sagen: Opel wird elektrisch. Sie verabschieden sich damit vom Verbrennungsmotor?
Wir verfolgen da keinen dogmatischen, sondern einen flexiblen, offenen Ansatz: Wir verfügen über effiziente Multi-Energie-Plattformen. Diese erlauben es, Autos mit unterschiedlichen Antrieben anzubieten – mit Elektro- oder Hybridmotor, aber auch mit Diesel- und Benzinaggregaten. Ich denke, für die nächsten Jahre ist das ein sehr kluger Ansatz, denn niemand kann voraussagen, wie schnell die Nachfrage nach E-Autos tatsächlich ansteigen wird.

Ein Ausstiegsdatum haben Sie also noch nicht gesetzt?
Nein.

Bei einem technologieoffenen Ansatz müssten Sie auch den Brennstoffzellenantrieb auf der Agenda haben.
Das haben wir auch. Unser Entwicklungszentrum hat bei diesem wichtigen Zukunftsthema die Federführung im gesamten PSA-Konzern. Wir haben in der Vergangenheit schon eine ganze Menge an der Brennstoffzellen geforscht und werden mit dem Zafira schon in naher Zukunft ein erstes Testfahrzeug zeigen. Wir sind überzeugt, die Brennstoffzelle wird ein nächster wichtiger Schritt in die Zukunft der Mobilität sein.

Kein Zweifel: Das Angebot an Fahrzeugen mit alternativen Antrieben wächst. Jetzt muss eigentlich nur noch die Infrastruktur entstehen für die Versorgung der Fahrzeuge mit Strom und Wasserstoff, oder?
Das ist richtig. Hierzu ist ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz notwendig. Wir tragen zum Ausbau der Infrastruktur bei: Aktuell installieren wir in Rüsselsheim zusammen mit der Stadt und anderen Partnern insgesamt 1300 Ladestationen für Elektroautos. Wir brauchen mehrere solche Vorzeigeprojekte im Land – die Ladeinfrastruktur in Deutschland, aber auch in Europa weist immer noch große Lücken auf.

Sie haben heute die Kanzlerin auf Ihrem Stand begrüßt. Welchen Wunsch haben Sie ihr dabei mit auf den Weg gegeben?
Frau Merkel hat sich sehr für unsere Elektrifizierungsstrategie interessiert und sich den Corsa-e und den Grandland X Hybrid angeschaut. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wären es niedrigere Energiepreise. Denn Strom ist in Deutschland zu teuer.

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