Der neue Marvel-Blockbuster „Avengers: Endgame“ strotzt nur so vor Superhelden: Iron Man, Captain America, Thor und Hulk zeigen seit einigen Tagen in dem Kino-Spektakel, was sie an Superkräften so alles drauf haben. Der Film spielt in einer unbestimmten Zukunft, in dem zwar der Klimawandel gestoppt, aber die Weltbevölkerung halbiert ist, in der Zeitreisen nichts Außergewöhnliches sind, in der man Nudeln den Krieg erklärt hat – und in der die Frau von Welt Elektroautos bewegt. Vorzugsweise Elektroautos vom Typ des Conceptcars Audi e-tron GT, die wie Achtzylinder-Benziner röhren. Was scheint wie ein grober Fehler der Toningenieure, ist aber von Filmsponsor Audi genau so bestellt worden – auch um das Kinopublikum auf das vorzubereiten, was in – ganz naher – Zukunft den Herstellern von Elektrofahrzeugen und den lärmgeplagten Stadtbewohnern drohen: Elektroautos, die über Lautsprechersysteme künstliche Fahrgeräusche erzeugen. Der Gesetzgeber will es so. Geht es noch?

Fahrgeräusche aus dem Lautsprecher

Mitunter treiben Innovationen, die mit Gewohnheiten brechen und Geschäftsmodelle ändern, seltsame Blüten. Das war schon früher so. Bis 1896 mussten in Großbritannien Männer mit roten Fahnen den neuzeitlichen Kutschen vorangehen, die sich mithilfe einer Dampfmaschine oder eines Verbrennungsmotors bewegten. Der Gesetzgeber wollte mit dem „Red Flag Act“ Fußgänger und Pferdekutscher schützen, denen bei der Begegnung mit einer dieser Höllenmaschinen schon einmal der Schrecken in die Glieder fuhr. Aus ähnlichen Motiven ruft nun auch die Elektromobilität den Gesetzgeber auf den Plan: Fußgänger – mit und ohne Sehbehinderung, mit und ohne Knopf im Ohr oder durch andere Dinge abgelenkt – könnten sich erschrecken, wenn sich ihnen ein E-Auto lautlos nähert oder in die Quere kommt. Daher sollen in der Europäischen Union bis 1. Juli kommenden Jahres die Hersteller in alle Fahrzeuge mit Hybrid- oder Elektroantrieb Lautsprechersysteme einbauen. Die dann während der Fahrt bis Tempo 30 Dauertöne aussenden. In den USA wird das sogenannte AVAS (Acoustic Vehicle Alerting System) bereits in diesem Jahr Pflicht, in China nach Stand der Dinge zu einem späteren Zeitpunkt.

„Witz des Jahrhunderts“

Nicht nur in den sozialen Medien wird der Regelungseifer der Bürokraten heftig diskutiert. Auch Wissenschaftler haben starke Zweifel, ob das geplante Gesetz im Sinn der Allgemeinheit ist. „Das ist der Witz des Jahrhunderts“, wettert beispielsweise Klaus Genuit, Akustik-Professor an der RWTH Aachen. „Die Elektromobilität schafft endlich eine Möglichkeit, die Städte leiser zu machen – und nun müssen dem Fahrzeug auf politischen Druck hin künstliche Geräusche hinzugefügt werden.“ Andererseits: Mit seinem Unternehmen Head Acoustics aus Herzogenrath verdient der Ingenieur – Erfinder der Kunstkopf-Technologie zur Analyse von Schall und Schwingungen – derzeit ganz gut daran, synthetische Töne für Elektroautos zu entwickeln. Und das nicht nur so, wie es die Gesetzgeber in Europa, den USA und in Asien fordern. Sondern auch so, wie es sich die Fahrzeughersteller wünschen: markenspezifisch, authentisch, attraktiv. Denn im Zeitalter der Elektromobilität soll selbstverständlich ein Porsche weiterhin als Porsche, ein BMW immer noch als BMW erkennbar sein – optisch wie akustisch.

Superheldin mit sechstem Sinn
Captain Marvel verfügt über Superkräfte und steuert in „Endgame“ einen Audi mit Elektroantrieb, der wie ein V8-Benziner bollert.

Blindenverbände machen Druck

Aber Vorrang hat natürlich die Sicherheit. Die Ouvertüre eröffneten schon vor zehn Jahren Blindenverbände in den USA, die um die Sicherheit ihrer Mitglieder fürchteten. Neumodische Elektroautos sind bei Geschwindigkeiten unter 30 Kilometern pro Stunde anders als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren kaum mehr zu hören und daher allein mit dem Ohr so gut wie nicht zu orten. Nach Testfahrten konstatierte die US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit (NHTSA): Das Risiko, mit einem Fußgänger zu kollidieren, sei in einem Elektro- oder Hybridauto ohne permanenten Warnton bei geringem Tempo um den Faktor 1,38 größer als in einem Benzin- oder Diesel-Pkw. Also: Hier muss was passieren. Und das möglichst schnell. Der deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) fordert den sofortigen Einbau eines Warngeräusches in alle Hybrid- und Elektrofahrzeuge und eine umgehende Nachrüstaktion für alle E-Mobile. Elektrische Fahrzeuge seien, so wird behauptet, zu 37 Prozent öfter in Unfälle mit Fußgängern verwickelt als solche mit konventionellem Antrieb. Und elektrische Busse, die lautlos daherkommen und halten, seien von einem blinden Menschen nicht auffindbar und somit nicht barrierefrei.

Tüfteln am Sound of Silence

Und so sitzen nun überall in der Welt Psychoakustiker, Sounddesigner und Autoingenieure an Rechnern und versuchen, im Studio den perfekten „Sound of Silence“ zu komponieren. Daimler hat dafür sogar die Musiker der Rockband Linkin Park engagiert. „Das Elektroauto darf nicht pfeifen oder piepsen wie ein Gabelstapler, das wäre nicht schön. Es soll wie ein Benziner oder Diesel klingen, nur anders, moderner“, umreißt Genuit die Herausforderung.
Obendrein sollen in den USA Blinde an den Geräuschen erkennen können, in welche Richtung und wie schnell das Auto gerade fährt. Andererseits sollten die Warngeräusche für die Außenwelt nicht den Autofahrer nerven. Hundegebell, Löwengebrüll oder laute Atemgeräusche (Genuit: „Solche Ideen gab es auch schon.“) scheiden ebenso aus wie Musikstücke – E-Autos, E-Busse oder E-Lieferwagen sollen auch mit geschlossenen Augen klar als solche erkennbar sein.

Lädt sich bald jeder Klänge auf sein Auto herunter?

Hinzu kommt: „Jeder Hersteller hat da so seine eigenen Vorstellungen“, gibt Michael Mauser, Chef der Lifestyle Audio Division von Harman International, Einblick in die Aktivitäten der Abteilung Halosonic. Die experimentiert derzeit mit Algorithmen und Frequenzen, mit Tonhöhen und Spektralverteilungen, um markenspezifische Warnsignale und Klangbilder zu erzeugen: Nicht auszudenken, wenn ein BMW oder Daimler innen und außen wie ein Tesla oder Porsche klänge. Schließlich ist der Motorsound heute wichtiger Teil der emotionalen Erfahrung und ein bedeutendes Differenzierungsmerkmal. Um das Erlebnis zu verstärken und den Antrieb kräftiger wirken zu lassen, als er eigentlich ist, steckt bei manchen Verbrennern ein Active Sound Booster im Auspuffsystem, der für künstliches Motorgebrabbel sorgt. Der Autotuner Brabus präsentierte schon vor Jahren einen elektrischen Smart Roadster mit Soundgenerator, der auf Knopfdruck wie ein Sechszylinder tönte. Aber aus Mausers Sicht reden die Autokäufer womöglich in Zukunft ein Wort mit und schaffen – ähnlich wie heute bei Klingeltönen für Handys – ihre eigenen Klänge, die sie dann per Internet ins Fahrzeug übertragen. „Individualisierung ist ein wichtiger Trend.“

Akustisches Chaos droht

Sein Kollege Genuit bekommt bei solchen Vorstellungen Ohrensausen: „Das Ergebnis wäre ein akustisches Chaos“ aus verschiedensten Fahr- und Warngeräuschen. Das könne doch niemand wollen. Dem Akustik-Spezialisten wäre es viel lieber gewesen, wenn der Gesetzgeber Elektromobilen weiterhin Schleichfahrten erlaubt und intelligentere Möglichkeiten geprüft hätte – etwa durch einen Warnton bei unmittelbarer Gefahr. Genuit: „Spätestens wenn das vollautonom fahrende Auto kommt, sollte man die Regelung noch einmal überdenken.“ Klar: Sobald Unfälle praktisch nicht mehr möglich sind, sollten sich Warnungen an Fußgänger eigentlich erübrigen. In der Zwischenzeit sollte man auch überlegen, ob die Fahrradklingel noch zeitgemäß ist und nicht auch E-Bikes nicht dauerhaft Warngeräusche von sich geben müssten.

Bimmeln reicht nicht
Opel Ampera E und Cable Car in San Francisco: Bei der Straßenbahn reicht ein Klingelton, beim Elektroauto will der Gesetzgeber mehr hören.
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