So unendlich der Blick im Land zwischen den Meeren erscheint, so unendlich scheinen auch die Windräder. 3000 mit einer Gesamtleistung von 6476 Megawatt (MW) erzeugen in Schleswig-Holstein längst mehr Strom als verbraucht wird. Weitere 200 Anlagen werden gerade gebaut.

Das Örtchen Ellhöft liegt fast wie im Niemandsland, an der dänischen Grenze. Umgeben nur von Natur. Eine Idylle, der kaum jemand Beachtung schenken würde, gäbe es nicht genau hier Menschen, die früher als die meisten anderen auf die Energiewende setzten. Und die Windenergie hat das 113-Seelen-Dorf reich gemacht.

Bereits im Jahr 2000 gründeten die Bewohner einen Windenergiepark, stellten sechs Windenergieanlagen (WEA) auf, die 18 Millionen Kilowattstunden (kW) Strom im Jahr produzieren – und genossen Traumrenditen von 12 bis 16 Prozent. Die Menschen zeigen sich dafür dankbar. In der abgeschiedenen Region in Nordfriesland feiern sie das Wind-Erntedankfest.

Ende der Windkraft-Förderung

Heute gibt es etwa 40 Windparks in der Region und kaum jemanden, der nicht davon profitiert. In zwei Jahren beginnt jedoch der Anfang vom Ende des staatlich geförderten Geldsegens. Nach 20 Jahren Laufzeit wird die EEG-Förderung eingestellt. Ein Schicksal, das vielen Anlagen droht.

Laut einer Studie des Bundesverbandes Windenergie erhalten ab dem Jahr 2021 etwa 4000 MW keine EEG-Zuschüsse mehr. Bis zum Jahr 2025 kommen jährlich 2400 MW hinzu. Für die Menschen in Ellhöft ist das kein Problem. Natürlich haben sie längst eine neue Idee. Die heißt: Wasserstoff. „Wir sehen in der Veredelung von Windstrom zu Wasserstoff und seinen Einsatz im Verkehr sehr großes Potenzial“, erzählt Reinhard Christiansen, Initiator und Geschäftsführer vom Windpark Ellhöft.

Der Elektrolyseur der Lübecker Firma H-TEC SYSTEMS (Foto oben) produziert nominal bis zu 100 Kilogramm Wasserstoff pro Tag, bei einer elektrischen Last von 225 kW. Damit können 20 Wasserstoff-Autos betankt werden. Eine mehr als optimistische Anzahl. Bundesweit fahren bisher etwa 500 H2-Autos.

Ein E-Auto auf zehn Bürger

Für Christiansen spielt das keine Rolle. Er denkt regenerativ. So wie viele Menschen in der Region, in der es laut ADAC die bundesweit höchste Elektroauto-Dichte gibt. Etwa in Sprakebüll: 240 Einwohner – 22 Elektroautos. Die Verkehrswende ist hier schon längst gelebter Alltag. Ein Tesla ist kein Hingucker mehr, sondern Normalität. Auch Christiansen fährt die amerikanische E-Auto-Version. Er braucht die Reichweite für Fahrten nach Hamburg und Kiel.

Politiker aus der Landes- und Bundeshauptstadt haben im hohen Norden vorbeigeschaut, um sich von Christiansen erklären zu lassen, wie Energie- und Mobilitätswende funktioniert. Viel geändert hat das an den Kabinettstischen nicht. Der umwelt- und selbstbewusste Unternehmer würde sich vor allem wünschen, dass die Politiker endlich klare Ziele definieren und damit auch die Genehmigungsverfahren schneller abgewickelt werden. Im Moment wartet er auf die Baugenehmigung für die Wasserstofftankstelle mit einer Investition rund 1,7 Millionen Euro. Im Frühjahr des kommenden Jahres wird es wohl erst losgehen.

Dann kommt zum Tesla der Hyundai Nexo hinzu. Ein Brennstoffzellen-SUV, der mindestens 69.900 Euro kostet, dafür eine Reichweite von 600 Kilometer bietet. Sechs wird Christiansen bestellen, der neben eben dem Windpark auch als Geschäftsführer für die Energie des Nordens (EdN) fungiert, ein Zusammenschluss von rund 80 regionalen Erneuerbaren-Unternehmen, die die Wasserstofftankstelle betreiben.

So sieht der Nexo übrigens aus:

9,50 Euro kostet das Kilo Wasserstoff, das reicht 110 Kilometer. Ein finanzieller Vorteil gegenüber Benzin und Diesel sei das nicht, so der hemdsärmelige Visionär, der diverse Windparks und einen Bürgersolarpark ins Leben gerufen hat. „Dafür fährt man mit grüner Energie und aus dem Auspuff kommt nur Wasser.“

Zu wenig Autos für eine Tankstelle

Die Anzahl der Autos reicht nicht aus, um die Tankstelle von Linde wirtschaftlich zu betreiben. Für Christiansen ist es ohnehin ein Zukunftsprojekt, um die Menschen dazu zu ermutigen, in den Antrieb aus der Brennstoffzelle zu investieren und um den Strom aus dem Windpark auch in Zukunft vor Ort nutzen zu können. Sorgen muss er sich um den fast historischen Windpark nicht machen. Den Strom aus Ellhöft übernimmt Greenpeace Energy als sogenanntes „Power Purchase Agreement“ (PPA) ab 2021. Das heißt: Greenpeace Energy bezahlt eine feste Vergütung für eine langfristige Lieferzusage.

Der PEM-Elektrolyseur, der aus Strom Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff aufspaltet, ist in einem 20-Fuß-Container verpackt und somit beim Standort flexibel. „Sollte die Wasserstoffnachfrage steigen, ist es unproblematisch, weitere Elektrolyseure im Netz zu ergänzen“, so Geschäftsführer Frank Zimmermann.

Auch finanziell wird es immer attraktiver. Davon geht Ove Petersen, Geschäftsführer von GP JOULE, zu denen die Unternehmensgruppe H-TEC gehört, aus. „Ein Elektrolyseur kostet heute pro Kilowatt Leistung zwischen rund 1.000 und 2.500 Euro. Die Material- und Herstellkosten werden sich aber zügig verringern, vergleichbar mit der bekannten Entwicklung bei der Photovoltaik.“ Er ist überzeugt, dass der Markt für grünen Wasserstoff wächst. Zwei weitere Wasserstofftankstellen in Niebüll und Husum sind bereits geplant.

Auch Christiansen hat weitere Pläne. Ein paar Kilometer von Ellhöft entfernt, wird ein weiterer Elektrolyseur zusammen mit Greenpeace Energy aufgestellt. Damit sollen bislang ungenutzte Stromüberschüsse sinnvoll genutzt werden. Schließlich weht der Wind auch dann, wenn kein Strom gebraucht wird.

Mit einer Nennleistung von einem MW produziert der Elektrolyseur ab 2020 jährlich bis zu 3,75 Millionen Kilowattstunden Wasserstoff. Statt ins Auto, kommt er aber ins Gasnetz, um das Netz zu stabilisieren, indem Erzeugung und Verbrauch immer im Gleichgewicht gehalten werden. Ein Projekt, das vom Programm „Norddeutsche Energiewende 4.0“ (NEW 4.0) gefördert wird.

Selbst lange Dunkelflauten lassen sich damit überbrücken. „Damit wird gezeigt, wie erneuerbare Energien in Verbindung mit intelligenten Technologien die nötige Versorgungssicherheit gewährleisten können“, so Sönke Tangermann, Vorstand von Greenpeace Energy. Für den Ökoenergieanbieter ist es bereits der zweite Elektrolyseur – der erste ging vor zwei Jahren im fränkischen Haßfurt in Betrieb, wo bisher über eine Million Kilowattstunden einspeist wurden.

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