Das Land der Autobauer tapst auf vorsichtigen Schritten zu einer nachhaltigen Mobilität. Der Weg dorthin ist voller Hindernisse: Über Jahrzehnte galt das Primat der Autos und das Wort der milliardenschweren Autolobby. Nun gehen Klimaschützer und Radfahrer auf die Barrikaden. Doch in Deutschland dauert es recht lange, bis sich Gesetze von Bürgern angestoßen verändern, beurteilt es der Gründer eines dänischen Bike-Sharing Anbieters, Erdem Ovacik. Sein Unternehmen Donkey Republic mit Sitz in einer der fahrradfreundlichsten Städte der Welt, Kopenhagen, versucht seit einigen Jahren auch auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Seither sind Ovacik zunehmend Unterschiede zwischen dem deutschen und dem dänischen Pflaster aufgefallen.

Erdem Ovacik hat sein Unternehmen 2014 gegründet, nachdem es als Leihservice im Freundeskreis startete. Mittlerweile sind die orangefarbenen Räder in mehreren Dutzend europäischen Städten zu finden. Er hat sich genau angeschaut, was Berlin beim Radverkehr und Bike-Sharing von Kopenhagen lernen kann. 

In Kopenhagen sind Fahrräder gegenüber Autos bereits seit Jahren in der Mehrheit: Es gab 2016 fünfeinhalb mehr Fahrräder als Autos: rund 120.000 PKWs standen Donkey Republic zufolge 675.000 Fahrräder gegenüber. Damit gibt es sogar mehr Fahrräder als Einwohner – in Kopenhagen wohnen aktuell etwas mehr als 600.000 Menschen. Für diese ist das Fahrradfahren so attraktiv gestaltet, dass laut Ovacik Touristen in die Stadt kommen und es ausprobieren wollen.

Das wichtigste: Infrastruktur

Die einfachste und fast auch wichtigste Botschaft: Wer den Radverkehr stärken will, braucht eine gute Infrastruktur. „Fahrradfahrer müssen sich sicher fühlen“, sagt Ovacik „ dafür brauchen sie eigene Radwege, die idealerweise durch physische Barrieren abgetrennt sind.“ Kopenhagen setzt deswegen schon lange auf eine unabhängige Radinfrastruktur: Es existiert ein komplettes Netz von Radwegen, die nicht nur Anhängsel von Autostraßen sind. Davon ist Berlin noch weit entfernt. Momentan legen die Berliner kurzfristige Pop-up-Radwege an. „Diese müssen dauerhaft angelegt und auf mehr Straßen ausgeweitet werden“, mahnt Ovacik.

Eine weitere wichtige Stellschraube, um das Radfahrern in der Stadt attraktiv und sicher zu gestalten, sind die Verkehrsregeln. In Kopenhagen sind die Ampeln so geschaltet, dass ein Radler bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h eine grüne Welle hat, also nicht vor einer roten Ampel stoppen muss. Außerdem haben Radler beim Rechts-Abbiegen Vorfahrt: der grüne Abbieger-Pfeil ist in der Stadt Standard.

Wer sich ein qualitatives Rad für den täglichen Gebrauch kauft, will außerdem sicher sein, dass es nicht bei der nächsten Gelegenheit geklaut wird. Vielerorts sind in Berlin die Hausflure mit angeketteten Rennrädern beschmückt. Stattdessen müsste für ausreichend sichere Stellplätze im öffentlichen Raum gesorgt werden. Selbst in Kopenhagen fehlt es momentan noch an Fahrrad-Parkplätzen. Dei Dänen sind allerdings leichtsinniger: Viele schließen ihre Räder laut Ovacik nur am Hinterrad an. Fahrraddiebe haben deshalb in Kopenhagen leichtes Spiel.

Nach Carsharing-Angeboten steigt jetzt auch das Interesse an der gemeinsamen Nutzung von Fahrrädern. Listnride ist nach eigenen Angaben die größte Plattform für Bike-Sharing im deutschsprachigen Raum. Sharing Economy

An der Regulierung arbeiten

Auch beim Bike-Sharing gibt es einen entscheidenden Unterschied. „Die Kopenhagener scheinen die Bike-Sharing-Dienste zu schätzen, vielleicht sogar mehr als die Berliner“, sagt Ovacik. Dies habe strukturelle Ursachen: In Berlin sei es recht einfach, neue Sharing-Angebote zu etablieren. Während andere Bereiche in Deutschland stark reguliert sind, falle der Bike-Sharing-Markt aus dem Raster. Anbieter schießen relativ schnell empor, verschwinden aber oft auch schnell wieder. Dadurch gehe viel Vertrauen verloren. In Kopenhagen hingegen werde die Anzahl der vergebenen Lizenzen streng limitiert und kontrolliert. Das Ergebnis: Es gibt weniger Anbieter, die dafür langfristig bleiben und investieren.

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