Das E-Bike boomt. 2019 wurden erstmals über eine Million der elektrisch unterstützten Fahrräder in Deutschland verkauft – und in diesem Jahr dürften es noch einmal mehr werden: Da wegen Corona Fernreisen für viele Menschen nicht in Frage kommen, verwenden sie das Urlaubsgeld für den Kauf neuer Fahrräder. Zumal die Senkung der Mehrwertsteuer sich auch im Fahrradhandel auszahlt: E-Bikes der Spitzenklasse kosten um die 10.000 Euro. Und die Auswahl ist riesig: Bis auf das BMX wurde inzwischen eigentlich jede Fahrradgattung elektrifiziert. Diese Vielfalt kann auf den ersten Blick einschüchtern. Auf den zweiten Blick garantiert sie, dass jeder sein persönliches Traumbike findet. Aber es gilt, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wir führen durch das Angebot.

1. Den Bedarf klären

„Was brauche ich und was möchte ich, dass mein Rad kann?“ – Diese Fragen sollte sich jeder E-Bike-Käufer gestellt haben, bevor er die Kreditkarte zückt. Eine realistische Bedarfseinschätzung hilft später auch dem Fachhändler, die richtigen Modelle vorauszuwählen. Nicht jeder braucht ein vollgefedertes E-Mountainbike und nicht für alle ist ein Hightech-Bolide mit Doppel-Akku und elektrischer Funkschaltung die optimale Lösung – selbst wenn das Bike gut aussieht. Natürlich kann man immer mehr kaufen, als man braucht. Das macht oft sogar viel Freude. Man sichert sich aber gegen Enttäuschungen ab, wenn man vor der
Kaufentscheidung genau weiß, was das Rad mindestens können muss. Gelegenheitsnutzer haben einfach andere Anforderungen als Berufspendler oder Radreisende.

2. Realistisch sein

Jeder liebt die Vorstellung von einer eierlegenden Wollmilchsau: ein Rad, das alles kann. Und in der Tat erfreuen sich sogenannten SUV-Bikes wie das Flyer „Goroc“ (ab 3.799 Euro) hoher Beliebtheit. Sie verbinden Robustheit, Allwegetauglichkeit sowie Komfort und sind dadurch gute Allrounder. Zu ultimativen Alleskönnern werden SUV-Bikes dadurch jedoch nicht
automatisch. Spezialisten wie etwa das schlanke und leichte City-E-Bike „Souplesse“ von MTB Cycletech (ab 3.219 Euro) oder der vielseitige Cargo-Transporter „Multicharger“ (ab 3.999 Euro) von Riese & Müller mit praktischem Midtail-Rahmen können für andere Anwendungen und Nutzergruppen die richtige Wahl sein.

3. Antrieb und Akku wählen

Mit einem Marktanteil jenseits der 90 Prozent ist der Mittelmotor die dominierende Antriebsposition. Die gleichmäßige Gewichtsverteilung und der einfache Radausbau im Pannenfall sprechen trotz des höheren Verschleißniveaus an Zahnrädern und Ritzeln für diese Konstruktion. Heckgetriebene Räder werden von einigen für ihre direkte Kraftentfaltung trotzdem geschätzt, während Frontantriebe fast ausschließlich an Spezialrädern wie dem Brompton Electric (ab 3.150 Euro) oder an Räder des unteren Preis- und Qualitätsspektrums zu finden sind.

Qual der Wahl
Das Angebot an E-Bikes ist in diesem Jahr so groß wie nie – zumindest in den Katalogen der Hersteller. Wegen der aktuell großen Nachfrage haben einige Händler bereits Probleme, die Wünsche der Kunden zu bedienen. Foto: pd-f

Die meisten aktuellen Akkus haben eine Kapazität von 500 Wattstunden (Wh) manchmal sogar mehr, wie zum Beispiel die „Brose
Battery 630“ (630 Wh
) des gleichnamigen Berliner E-Antriebsspezialisten. Das reicht für den Alltagseinsatz gut aus. Wer gern mit viel Zuladung, auf Reisen, in bergigem Gelände unterwegs oder schlicht ladefaul ist, für den sind Doppel-Akku-Systeme mit bis zu 1.000 Wattstunden oder mehr eine tolle Lösung. Umgekehrt mögen etwa Kurzstreckenpendler, die zuhause und am Arbeitsplatz laden können, auch mit einem kleineren und dadurch leichteren sowie günstigeren Akku ihre passende Konstellation finden.

Bei der Kraftübertragung gibt es zwei Optionen, die die Geister scheiden. Seit einigen Jahren erfreut sich der Antrieb mit einem carbonfaserverstärkten Riemen wachsender Beliebtheit. Frank Schneider vom Marktführer Gates Carbon Drive erläutert die Vorteile: „Unsere Carbonriemen halten bis zu dreimal länger als eine handelsübliche Kette. Der Riemen ist zudem wartungsfrei, muss nicht geschmiert werden und führt auch nicht zu Folgeverschleiß an Zahnkränzen oder Ritzeln, wie ausgeleierte Ketten das tun.“

Mike "The Bike" Kluge ist Radsportlern ein Begriff. Mittlerweile setzt der ehemalige Mountainbike-Weltmeister komplett auf Motorisierung. Edison erklärt er, worauf man beim Kauf eines E-Bikes achten muss. E-Bikes

Allerdings sind Riemen aus technischer Sicht nur mit Nabenschaltungen oder Ein-Gang-Fahrrädern kombinierbar. Das kann ein Vorteil sein, weil Nabenschaltungen oft besser gegen Schmutz gedichtet sind als Kettenschaltungen. Gerade an Sportgeräten oder sehr sportlichen E-Bikes erfreut sich aber die klassische Kettenschaltung ungebrochener Beliebtheit.

4. Erst einmal ausprobieren

Seit dem Autoquartett der Kindertage orientieren sich viele Menschen gern an technischen Daten. Beim E-Bike sind das zum Beispiel Drehmoment, Akku-Kapazität und Gewicht. Und obwohl diese Daten Aussagekraft besitzen, zählen bei der Kaufentscheidung auch andere „weichere“ Faktoren: „Wie fühlt sich das Fahren mit Antriebsunterstützung an: harmonisch und natürlich oder setzt der Motorschub plötzlich und ruckartig ein? Wie leise ist der Antrieb? Ist die Bedienung des Gesamtsystem intuitiv? Komme ich auf Anhieb damit klar? Und vor allem: Fühle ich mich auf dem Rad wohl? Antworten gibt eine längere Probefahrt“, wie Horst Schuster von Brose rät.

Kraftmaschine
Die Antriebe der Pedelecs werden leistungsfähiger, die Batterien stärker, die Technik immer raffinierter: Inzwischen gibt es sogar E-Bikes mit ABS-Systemen. Bild: pd-f

Auch die Ablesbarkeit des Displays bei direktem Sonnenlicht oder die Bedienbarkeit mit Handschuhen lassen sich so ausprobieren. Übrigens am besten unter Realbedingungen: Wer mit dem Anzug ins Büro fährt und ein
E-Bike zum Pendeln sucht, macht sich auch für die Probefahrt schick, wer oft mit Taschen unterwegs ist, bringt diese mit.

5. Im Fachhandel beraten lassen

Mit einer realistischen Bedarfs- und Budgeteinschätzung gewappnet, ist der Fachhandel der beste Ansprechpartner für E-BikeKäufer. Er hilft bei Beratung und Einordnung der unterschiedlichen Angebote, der persönlichen Abstimmung und ermöglicht die Probefahrt. Mehr noch: Die Inbetriebnahme eines online gekauften und per Spedition gelieferten E-Bikes ist für viele Endverbraucher kaum leistbar. Eine fehlerhafte Endmontage kann sogar zum Sicherheitsrisiko werden. Auch den Service-Aspekt des Fachhandels sollte man nicht unterschätzen, wie Lothar Schiffner vom Koblenzer Ergonomiespezialisten Ergon betont: „Ein Upgrade mit ergonomischen Komponenten wie einem auf Sitzposition und Gesäßknochenabstand angepassten Sattel kann das
Fahrvergnügen nochmals drastisch vergrößern.“ Tipp nicht nur zu Corona-Zeiten: Mit dem Händler einen Beratungstermin vereinbaren.

6. Sonderfall Sportgeräte

E-Bikes sind nicht nur im urbanen Alltagseinsatz toll, auch als Sportgerät machen sie viel Freude und eröffnen neue Möglichkeiten. Die kleine Trainingsrunde vor oder nach der Arbeit umfasst auf einmal viel mehr Kilo- und Höhenmeter, die Leistungsunterschiede in Familien oder Trainingsgruppen werden nivelliert, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen können Belastungen besser dosieren. Aber vor allem: E-Mountainbikes wie etwa das besonders leistungsstarke Haibike „Xduro Nduro 8.0“ (6.999 Euro), E-Rennräder wie das an der Profi-Rennmaschine orientierte Cannondale „Super Six Evo Neo“ (ab 4.199 Euro) oder
das vielseitige E-Gravelbike „E-Getaway“ von Stevens (4.999 Euro) machen einfach viel Spaß.

Bei Mountainbikes oder Rennrädern ist der Einsatzbereich naturgemäß recht klar umrissen und die Entscheidung deshalb vielleicht weniger schwierig. Trotzdem hilft es, sich auch hier die Tipps eins bis fünf vor dem Kauf durch den Kopf gehen zu lassen: Fehlentscheidungen könnten teuer werden.

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