Die Stiftung Klimaneutralität und die Think-Tanks Agora Energiewende und Agora Verkehrswende haben gemeinsam eine neue Studie vorgelegt, nach der Deutschland seine für 2050 gesteckten Klimaziele wesentlich früher erreichen und schon bis 2045 treibhausgasneutral werden könnte. Demnach würde ein um fünf Jahre vorgezogenes Zieljahr knapp eine Milliarde Tonnen CO2-Emissionen einsparen. Vor allem in der Industrie, im Gebäudebereich sowie im Verkehr sehen die Wissenschaftler noch große Potenziale, um die CO2-Emissionen schneller als bisher geplant zu reduzieren.

„Klimaneutralität ist ein Rennen gegen die Zeit“, sagte Rainer Baake, Direktor der Stiftung Klimaneutralität bei der Präsentation der Studie. Der
Kurswechsel in den Vereinigten Staaten verdeutliche die wachsende Dynamik bei der Klimaambition. Vor diesem Hintergrund liege die Frage auf der Hand, ob auch wir in Deutschland beim Klimaschutz schneller werden können. „Die Antwort ist ein klares Ja“, so Baake. Was es jetzt brauche, sei der politische Wille, das auch umzusetzen.

„Die globalen Leitmärkte in Nordamerika, Europa und Asien orientieren sich jetzt alle am Leitbild der Klimaneutralität“, ergänzte Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. Wenn die deutsche Industrie der Technologielieferant für die Welt in Sachen Klimaneutralität sein wolle, müsse sie der Entwicklung immer ein Stück voraus sein. Klimaneutralität bis 2045 bedeute allein in Deutschland einen Markt für erneuerbare Energien von etwa 30.000 Megawatt (MW) pro Jahr, eine Sanierungsrate von 1,75 Prozent pro Jahr und einen schnellen Hochlauf der Wasserstofftechnologie, so Graichen. Dies sei ambitioniert, aber machbar.

Kräftiger Ausbau der Erneuerbaren

Mit der Vorgängerstudie „Klimaneutrales Deutschland 2050“ hatten die drei Organisationen bereits aufgezeigt, wie das von der Bundesregierung beschlossene Ziel mit einem großen Investitions- und Modernisierungsprogramm erreicht werden könnte. Das darin
vorgeschlagene CO2-Minderungsziel von 65 Prozent bis 2030 sei auch als Meilenstein auf dem Weg zur Klimaneutralität 2045 geeignet, heißt es nun. Auch nach 2030 müsse der Zubau von Windenergie und Photovoltaik im Fokus stehen. Wasserstoff werde zudem an Bedeutung gewinnen und 2040 Erdgas als wichtigsten Energieträger für die regelbare Stromerzeugung ablösen.

In Kooperation mit dem Branchendienst energate.

Die im Jahr 2045 benötigte installierte Leistung von Photovoltaikanlagen beträgt der neuen Studie zufolge 385.000 MW – eine Steigerung um 70.000 MW gegenüber der alten Studie. Für Windenergie an Land ist demnach im Jahr 2045 eine Erzeugungskapazität von 145.000 MW notwendig und der Ausbau von Windenergie auf See auf 70.000 MW muss auf das Jahr 2045 vorgezogen werden. Im Vergleich zur Vorgängerstudie bedeutet dies für das Jahr 2045, dass die installierte Leistung um 17.000 MW an Land und 9.000 MW auf See erhöht wird.

Im Verkehrsbereich plädieren die Wissenschaftler dafür, die Geschwindigkeit bei der Elektrifizierung massiv zu erhöhen. In ihrem Szenario sehen sie dazu schon für 2032 ein Zulassungsverbot für Pkw mit Verbrennungsmotoren vor. Bis zum Jahr 2045 würden dann auch im Pkw-Bestand nahezu alle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor verschrottet und durch Stromer ersetzt sein.

Scania R450 Oberleitungs-Lkw auf der A5-Teststrecke bei Frankfurt
Oberleitungs-Laster auf Versuchsstrecke
Bis 2045 sollen sämtliche Lastzüge nur noch elektrisch durch Deutschland rollen. Foto: Scania

Aber auch im Straßengüterverkehr müsse die Antriebswende beschleunigt werden. Im Jahr 2045, dem Jahr der Klimaneutralität Deutschlands, sollten sämtliche Laster ausschließlich batterieelektrisch, an Oberleitungen oder mithilfe von Brennstoffzellen fahren. Gleiches gelte für den Bus- und Bahnverkehr. Die Wirtschaftsleistung würde darunter ebenso wenig leiden wie die Mobilität: Den Personenverkehr sehen die Forscher im Jahr 2045 in etwa auf dem heutigen Niveau. Und die Güterverkehrsleistung würden aufgrund des erwarteten Wirtschaftswachstums sogar weiter ansteigen.

Blauer Wasserstoff im Übergang

Derzeit sei Deutschland ein ICE, der mit dem Tempo einer Regionalbahn unterwegs sei, so Graichen. Die Schlüsselfrage sei nun, wie schnell die Erneuerbaren ausgebaut werden könnten, ergänzte Baake.

Beide Direktoren zeigten sich aber auch grundsätzlich offen für den Einsatz von blauem Wasserstoff, dessen CO2 bei der Entstehung abgeschieden und gespeichert wird (CCS). „Wir bauen mehr Erneuerbare, wir erhöhen die Sanierungsrate weiter, wir gehen auch schneller in die Wasserstoffwirtschaft, wir müssen aber auch solche unangenehmen Dinge wie CCS schneller diskutieren“, forderte Graichen.

„Klimaneutralität ohne CCS wird am Ende nicht funktionieren“, sagte Baake. Benötigt werde er aber nur im Übergang und für die letzten fünf Prozent der Emissionen. Absolute Priorität habe, dass die Industrie nun keine Fehlinvestitionen in fossile Technologie tätige. Um die Strompreise möglichst niedrig zu halten, empfiehlt der ehemalige Umweltstaatssekretär die EEG-Umlage abzuschaffen.

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2 Kommentare

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    „Beide Direktoren zeigten sich aber auch grundsätzlich offen für den Einsatz von blauem Wasserstoff, dessen CO2 bei der Entstehung abgeschieden und gespeichert wird (CCS). “

    https://www.bmbf.de/de/eine-kleine-wasserstoff-farbenlehre-10879.html:
    Blauer Wasserstoff

    Blauer Wasserstoff ist grauer Wasserstoff (Anmerlung: gewonnen aus fossilen Energieträgern), dessen CO2 bei der Entstehung jedoch abgeschieden und gespeichert wird (engl. Carbon Capture and Storage, CCS). Das bei der Wasserstoffproduktion erzeugte CO2 gelangt so nicht in die Atmosphäre und die Wasserstoffproduktion kann bilanziell als CO2-neutral betrachtet werden.

    Ich lese es so: wir brauchen Öko, aber bitte so, daß die Einnahmen der fossilen Industrie weiter sprudeln.

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    • Franz W. Rother

      Damit trotz Abschaltung von Kohle- und Atomkraftwerken noch genügend Power vorhanden ist, um den Laden am Laufen zu halten und die Sozialausgaben von jährlich 200 Milliarden finanzieren zu können

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