Deutschland muss sich sputen, um wie aktuell geplant bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden. Vor allem braucht es einen gewaltigen Kraftakt auf dem Wärmemarkt und bei der Energieerzeugung. Das geht aus dem Abschlussbericht der Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“ hervor, den die Deutsche Energie-Agentur (Dena) jetzt veröffentlicht hat.

Wie groß die Herausforderungen für die nächste Bundesregierung sind, macht vor allem ein Blick auf die aktuellen Zahlen deutlich: Derzeit wird der elektrische Strom hierzulande im Wesentlichen immer noch mit Kohlekraft, Erdgas und Kernenergie erzeugt, wie die tagesaktuelle „electricityMap“ für Deutschland zeigt. Während dieser Bericht entsteht (8. Oktober) werden gerademal 6,77 Prozent der gesamten Elektrizität mit Windkraft erzeugt, Solarkraft kommt auf einen Anteil von 1,34 Prozent – es herrscht in großen Teilen des Landes offenbar eine Flaute und die Sonne ist in weiten Landesteilen hinter Wolken verschwunden. Entsprechend kräftig müssen die noch aktiven Kohle-, Erdgas- und Atomkraftwerke arbeiten, um die Stromversorgung sicherzustellen. Die einzige verlässliche Energiequelle im Bereich der Erneuerbaren ist derzeit Biomasse: Über acht Prozent trägt sie aktuell zur Stromproduktion bei.

Blick auf die aktuelle Stromerzeugung
Kohle-, Erdgas- und Atomkraftwerke tragen aktuell (8. Oktober) die Hauptlast bei der Stromerzeugung in Deutschland – mit entsprechend hoher Klimabelastung. In Frankreich wird der Strom deutlich klimafeundlicher gewonnen. Grafik: elektricity.org

Entsprechend gering (29 Prozent) ist der Anteil der Enerneuerbaren an der Stromproduktion – und entsprechend hoch mit 503 Gramm pro Kilowattstunde die CO2-Emissionen daraus. Keine Frage: Die Energiewende in Deutschland ist noch eine Herkulesaufgabe, die auch die Dena-Studie bestätigt. Insgesamt 84 Aufgaben in zehn Handlungsfeldern hat die Agentur identifiziert. Ein Weiter-so sei keine Option, betonte Dena-Chef Andreas Kuhlmann bei der Präsentation der Studie, zu viel sei in den zurückliegenden Jahren liegen geblieben. Die Folge: „Die sektorspezifischen Jahresziele für die unmittelbar vor uns liegenden Jahre werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erreicht.“

Ausstieg aus der Kohle schon 2030 möglich

Um die Klimaneutralität doch noch zu erreichen, braucht es laut der Studie verstärkte Anstrengungen in vier Feldern: ein hohes Ambitionsniveau bei der Energieeffizienz, eine umfassendere direkte Nutzung von erneuerbaren Energien, einen breiten Einsatz von „Powerfuels“ und die Erschließung von natürlichen und technischen CO2-Senken.

Die Vorgängerstudie arbeitete noch mit dem Ziel, die nationalen Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Inzwischen ist das offizielle Ziel die vollständige Klimaneutralität bis 2045. Die Dena geht deshalb von einem Ausstieg aus der Kohleverstromung im Jahr 2030 aus. „Das ist möglich“, sagte Kuhlmann. Die Studie zeigt für das Jahr 2030 eine gegenüber dem politischen Ausstiegspfad reduzierte Leistung von nur noch 12.000 MW für Kohlekraftwerke. In dem Modell würden diese Kraftwerke 2030 mit nur sehr geringen Volllaststunden von durchschnittlich rund 1.300 Stunden betrieben und nur noch mit drei Prozent zur Stromproduktion beitragen. Ein wirtschaftlicher Betrieb sei damit unwahrscheinlich. Kuhlmann: „Man könnte sich fragen, ob das dann nicht bereits der Kohleausstieg ist“

Verzicht auf Gasheizungen bis 2045 illusorisch

Anders sieht es beim Erdgas aus: Hier nimmt die Nutzung in der Stromerzeugung laut Studie bis 2030 zu. Wasserstoff und „Powerfuels“ – synthetische Kraftstoffe – würden bis 2030 nur eine geringe Rolle spielen. Der Aufbau entsprechender Infrastrukturen und Märkte sei aber unabdingbar. Langfristig würde Wasserstoff auch im Gebäudebereich eine Rolle spielen. „Es wird nicht gehen, auf gasförmige Energieträger zu verzichten“, so Kuhlmann. Bert Oschatz vom Institut für Technische Gebäudeausrüstung (ITG), der an der Studie mitwirkte, nannte den kompletten Rückbau des Bestands an Gasheizungen bis 2045 eine Illusion: „Heizungen werden im Schnitt 27 Jahre betrieben.“

Ladestation für Elektroautos
Wachsender Strombedarf
Die Dena-Studie erwartet, dass schon im Jahr 2030 bis zu 14 Millionen Elektroautos in Deutschland zugelassen sein werden. Entsprechend stark steigt in den kommenden Jahren der Stromabsatz über die Ladesäulen im Land. Foto: EVBox

Insgesamt geht die Studie davon aus, dass Elektrizität schon 2030 zum wichtigsten Energieträger wird und fossile Kraftstoffe, Heizöl und Erdgas rasch ersetzt. Entsprechend stark werde die Nachfrage nach elektrischem Strom in den kommenden Jahren steigen: Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität Köln, das an der Studie mitgewirkt hat, sieht einen Bedarf von 698 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2030 und von 910 TWh im Jahr 2045.

14 Millionen Elektroautos schon 2030

Den größten Bedarf sieht die Studie im Verkehrsbereich, speziell im Pkw-Verkehr. Hier steht für die Dena die Elektrifizierung im Vordergrund. Erwartet wird ein Bestand von 14 Millionen Elektroautos in Deutschland im Jahr 2030 und von 38 Millionen im Jahr 2045. Doch auch hier betont Kuhlmann die Bedeutung von Technologieoptionen. „Wir gehen in der Studie zurückhaltend mit Verboten um“, so der Dena-Chef zur Diskussion um ein Verbrennerverbot.

In Kooperation mit dem Branchendienst energate.

„Die Studie zeigt, dass ein kluger Mix aus Effizienz, grünem Strom sowie klimaneutralen Gasen und Treibstoffen das Rezept für Klimaneutralität sind“, kommentierte Timm Kehler, Vorstand der Initiative Zukunft Gas, die Studie. Technologievielfalt senke das Risiko eines Scheiterns. Auch Verbände wie der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) oder der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) begrüßten die Ausrichtung der Studie auf einen „breiten Energiemix“. Die Verbände unterstützen als Partner das Studienprojekt der Dena.

Dena-Chef fordert Ende von „Klein-Klein“

Insgesamt haben zehn wissenschaftliche Institute sowie mehr als 70 Unternehmen über 17 Monate an der Studie mitgewirkt, sowie der 45-köpfige Beirat mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Der rund 300-seitige Abschlussbericht betont die Notwendigkeit einer breiten gesellschaftliche Verankerung des Transformationsprozesses. Die Dekarbonisierung sei eine „Jahrhundertaufgabe“, die eine „grundlegende Veränderung der Herangehensweise“ bedürfe: „Energiewende und Klimapolitik müssen besser organisiert, das historische Klein-Klein der vergangenen Jahre überwunden werden“, mahnte Dena-Chef Kuhlmann.

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