Die große Zeit der Seilbahnen in den Alpen könnte zu Ende gehen, wenn der Klimawandel die Schneedecken auch im Winter schmelzen lässt und Kunstschnee wegen des hohen Strom- und Wasserverbrauchs der Schneekanonen auf die Schwarze Liste der Umweltschützer kommen. Dafür könnten die Seilbahnen in Zukunft eine neue Rolle spielen – als Teil des öffentlichen Nahverkehrs in den Städten. Denn eine Kabinenbahn-Strecke lässt sich deutlich schneller bauen als eine U-Bahn oder Straßenbahn. Und obendrein zu einem Bruchteil der Kosten.

New York und Berlin, Medelin in Kolumbien, Moskau und Kula Lumpur haben sich deshalb bereits für ein Seilbahn-System entschieden, um innerstädtische Verkehrsprobleme zu lösen. Und jedes Jahr kommen neue Städte hinzu: Auch in der „Bundesstadt“ Bonn könnten Menschen ab 2027 in Gondeln über den Rhein und rauf zum Venusberg schweben und so viele Tausend Fahrten mit dem Auto überflüssig werden lassen.

Bitte sitzen bleiben
Die Leitner-Ingenieure haben sich schon einmal Gedanken gemacht, wie das neue ConnX-System die bestehnde Seilbahn zwischen Marzahn und Hellersdorf in Berlin erweitern könnte. Grafik: Leitner

Und die Entwicklung der Technik schreitet weiter voran. Der Südtiroler Seilbahn-Spezialist Leitner – der 2004 die erste Seilbahn nach Kolumbien lieferte und mittlerweile über 100 städtische Systeme in aller Welt aufgebaut hat, stellte jetzt in Südtirol mit ConnX eine innovative Hybridlösung vor, die die technischen Vorzüge von Seilbahnen mit denen von autonom fahrenden Kleinbussen kombiniert. Ohne Umzusteigen könnten Menschen den ersten Teil ihrer Reise mit der Seilbahn und den zweiten Teil in der Gondel, aber auf einem Fahrgestell und auf der Straße zurücklegen – mit einer Geschwindigkeit von zehn Meter pro Sekunde oder 36 km/h.

Seilbahn einen Schritt weiter gedacht

„Aus der täglichen Erfahrung der vergangenen Jahre beim Bau urbaner Seilbahnanlagen und der Auseinandersetzung mit den weltweit unterschiedlichsten Gegenheiten und Bedürfnissen haben wir unser Forschungs- und Entwicklungsteam mit der Aufgabe betraut, einen Schritt weiter zu denken“, sagt Martin Leitner, der als Vizepräsident der HTI-Gruppe für Vertrieb und Technik bei Leitner Ropeways in Sterzing. Das Ergebnis ist ein System, das die Kabine der Seilbahn an der Berg- oder Talstation vollautomatisch von der Tragkonstruktion trennt und für die Weiterfahrt sanft wie schnell auf ein bereitstehendes Fahrgestell hebt, das anschließend die Fahrt auf der Straße vollautonom fortsetzt.

Ohne Tragseil, dafür nun auf Rädern unterwegs
Auf dem Testgelände von Leitner in Sterzing funktioniert das Hybridsystem aus Seilbahn und Kleinbus bereits. Das Schienensystem ist nur in der Wechselstation erforderlich – später fährt die Kabine vollautonom über die Straße. Foto: Leitner

Im Versuchsbetrieb arbeitet das ConnX genannte neue System bereits – jetzt muss nur noch eine Stadt gefunden werden, die bereit ist, die Technik in einer Pilotanwendung zu testen. Leitner ist jedenfalls überzeugt: „ConnX kann in Zukunft der entscheidende Baustein für den Auf- und Ausbau höchst effektiver und umweltfreundlicher Elektromobilität sein.“ Das System sei verlässlich und günstig – ohne dass allerdings auf die Bau- und Betriebskosten näher eingegangen wird.

Vielleicht lässt sich ja Bonn dafür begeistern.

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