In der kommenden Woche wird im Werk Wiesloch der Heidelberger Druckmaschinen AG wieder einmal die Fertigungskapazität erhöht. Wieder einmal um 20 Prozent wie schon zu Beginn des Jahres. Und es reicht immer noch nicht, um die große Nachfrage in Deutschland zu bedienen. Nein, nicht nach Druckmaschinen. Sondern nach Wallboxen – Heimladestationen für Elektroautos.

Mehr als 50.000 Wallboxen hat das Unternehmen in den zurückliegenden zwei Jahren bereits gebaut. Aber so richtig Fahrt aufgenommen hat das neue Geschäftsfeld E-Mobility erst zum Jahreswechsel – als das Bundesverkehrsministerium ein Förderprogramm für den Kauf und die Installation von privaten Ladestationen in Wohnhäusern und Wohnanlagen auflegte. Damals schnellte die Nachfrage nach den preiswerten Geräten dermaßen in die Höhe, dass trotz Produktionserweiterungen die Lieferzeiten immer länger wurden. Bis zu fünf Monate muss inzwischen warten, wer eine (förderfähige) Heidelberg Energy Control (Stückpreis 820 Euro) bei einem Großhändler ordert.

Produktion wächst Woche um Woche

„Dabei haben wir im Unterschied zu einigen Wettbewerbern keine Lücken in der Versorgungskette“, sagt Ulrich Grimm, der Leiter des Geschäftsfelds im Gespräch mit EDISON. Richtig: Wegen Problemen bei der Versorgung von Computerchips haben derzeit einige andere Hersteller noch wesentlich längere Lieferzeiten von bis zu 200 Tagen. Bei Heidelberg hingegen brummt die Produktion – aktuell werden im Dreischichtbetrieb pro Woche rund 500 Ladestationen montiert. Bis zum Sommer kommenden Jahres soll die Wochenproduktion sogar auf bis zu 1000 gesteigert werden. Grimm: „Alle paar Wochen geht es weiter hoch.“ Da die Produktion der integrierten Elektronikkarten vollautomatisiert ist und Heidelberg-Box mit wenigen Drähten auskommt, fallen dem Unternehmen solche Stückzahlen leicht. Viele der Wettbewerber kämen aus der Installationstechnik, erklärt Grimm. Entsprechend umfangreich sei hier die Verkabelung und entsprechend auch die Produktionszeit.

„Alle paar Wochen geht es weiter hoch“
Ulrich Grimm leitet bei der Heidelberg AG das Wachstumsfeld E-Mobility. Foto: Heidelberg

Der Bereich E-Mobility ist mit einem Umsatz von über 20 Millionen Euro zwar noch das kleinste Geschäftsfeld der börsennotierten Heidelberg AG (Jahresumsatz rund zwei Milliarden Euro in 2020) – aber das mit dem stärksten Wachstum. Und es schreibt, wen wundert’s, seit vergangenem Jahr schwarze Zahlen. Die Zeichen stehen deshalb auf Expansion: Um sich für Partnerschaften mit strategischen Investoren öffnen zu können, wurde das Geschäft mit Ladekabeln und Wallboxen kürzlich in eine eigene GmbH ausgegliedert.

Marktanteil von 20 Prozent in Deutschland

In Deutschland kommt Heidelberg inzwischen auf einen Anteil von 20 Prozent am Gesamtmarkt für private Ladestationen (Grimm: „Jedes fünfte Elektroauto hierzulande lädt daheim an einer Wallbox von uns.“). Auch wenn man das nicht immer gleich erkennt: Das Unternehmen produziert auch für verschiedene Autohersteller Ladeeinrichtungen, die diese unter dem eigenen Namen verkaufen.

Aber mit dem deutschen Markt und dem Geschäft mit Ladekabeln und Wallboxen will sich das Team um Grimm in Zukunft nicht mehr begnügen. Grimm: „Wir wollen zum Komplettanbieter für Smart-Home-Lösungen werden, von smarten Ladelösungen für Parkhäuser und komplette Wohnanlagen.“ Schließlich habe der Konzern Kompetenzen nicht nur auf dem Gebiet der Leistungselektronik, sondern auch bei der Software.

Heidelberg erwartet Drosselung des Ladestroms

Und die wachsende Verbreitung von Elektroautos verlangen smarte Ladelösungen – andernfalls kämen die Stromnetze schnell an ihre Belastungsgrenzen: „Ein Haus in einem Altbaugebiet ist heute auf eine Leistung von einem Kilowatt ausgelegt, in Neubaugebieten von zwei Kilowatt. Das ist ein Bruchteil der Ladeleistung eines Elektroautos“, erklärt Grimm. Die Wallboxen müssten deshalb „netzdienlich“ ausgelegt sein, also vom Energieversorger über das Internet steuerbar sein. Ähnlich wie heute schon bei (strombetriebenen) Wärmepumpen werde in Zukunft der Netzbetreiber die Stromversorgung von Wallboxen stundenweise abschalten oder herunterdimmen dürfen. Zudem werde es Stromverträge geben, in denen der der Strombezug limitiert sei. „Der Hausbesitzer muss dann dafür sorgen, dass das Limit nicht überschritten wird.“

Für diese komplexen Herausforderungen will Heidelberg in Zukunft smarte Lösungen entwickeln und sie im Paket den Betreibern von Wohnanlagen und Tiefgaragen, aber auch Unternehmen mit großen firmeneigenen Fuhrparks als Generalunternehmer anbieten – „das ist unsere Vision für die nächsten Jahre.“

Derzeit arbeite das Unternehmen bereits an einer neuen Produktserie für gewerbliche Einsätze, die im kommenden Jahr auf den Markt kommen soll. Auch das Schnellladen mit Ladeleistungen von bis zu 150 kW stehe auf der Agenda. Auch dafür suche man noch Partner, Anbieter komplementärer Produkte für das Ökosystem Haus.

Expansion in China und Nordamerika geplant

Aber auch strategische Investoren wären willkommen. Denn Marktchancen wittert das Unternehmen auch außerhalb Deutschland, in europäischen Nachbarländern, aber auch in Übersee. Grimm: „Heidelberg hat ein Werk in China. Dort klären wir gerade, was für Produkte von Interesse sind.“

Und dann gibt es ja noch Nordamerika, wo die Elektromobilität ebenfalls boomt. „Dort gibt es einen Riesenbedarf, aber bis heute noch kein so richtig gutes Ladegerät.“ Allerdings sind die Verhältnisse dort auch völlig andere als in Deutschland. „Es gibt kaum Drehstrom und die Spannung ist deutlich niedriger. Das Stromnetz ist nichtfür höhere Lasten ausgelegt, weshalb in der Regel mit einem Gasherd gekocht wird.“ Wallboxen mit Ladeleistungen von 11 kW? Sind dort nicht denkbar. Grimm: „Es wird wohl eher in Richtung 7,4 kW gehen.“

Ja, das Nordamerika-Geschäft sei schon eine große Herausforderung. Aber die schreckt Grimm nicht: „Wir wissen schon ganz gut, was geht.“

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1 Kommentar

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    Da sieht man mal wieder, was der richtige Mann mit einem guten Team an Innovation – gegen erhebliche interne Widerstände – herausbringen kann, wenn man ihn machen lässt. Wer hätte der altbackenen HDM vor 2 Jahren zugetraut, mit den neuen Geschäftsfeldern den Turnaround zu schaffen und wieder Geld zu verdienen? Gut gemacht, Herr Grimm!

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