Stellantis vereint unter seinem Konzerndach unterschiedlichste Automobil-Kulturen – von französischen und italienischen Ikonen bis hin zu deutschen Traditionsmarken wie Opel. Diese Vielfalt ist ein enormer Schatz, aber für die Designer auch eine gewaltige Herausforderung. Vor allem unter dem neuen Konzernchef Antonio Filosa weht ein spürbar frischer Wind: Filosa scheint den einzelnen Marken deutlich mehr Beinfreiheit zu gewähren, sich individuell zu entfalten und in neue Segmente vorzustoßen, als es noch unter seinem Vorgänger Carlos Tavares der Fall war. Das deuteten Stellantis-Chefdesigner Gilles Vidal und Opel-Chefdesigner Mark Adams bei einem Designtalk in Rüsselsheim an.
Für Vidal, der im Juli 2025 nach fünf Jahren bei Renault zu Stellantis zurückgekehrt war und hier als „Head of Design“ die kreative Ausrichtung aller zwölf Pkw-Marken des Konzerns verantwortet, ist die Mission völlig klar: Jede Marke muss ihr eigenes, charakterstarkes Profil weiter schärfen. „Wir müssen den Ausdruck und die Intensität jeder Marke in dieser Welt anpassen“, erklärt Vidal. Das sei zwingend nötig, um im aktuellen Markt zu bestehen: „Alle von ihnen müssen ohnehin in Richtung einer größeren Ausdrucksstärke gehen, denn das ist es, was die Welt von den Marken verlangt – egal, aus welcher Kultur sie stammen“. Das oberste Ziel sei es laut Vidal, so spezifisch und hingebungsvoll für die jeweils eigenen Werte einzustehen, dass die Identität für den Kunden sofort greifbar wird.
Elektromobilität: Bitte kein rollendes UFO!
Die Architektur von reinen Elektrofahrzeugen öffnet den Designern theoretisch völlig neue Türen. „Wenn wir Autos entwerfen, die stärker auf Elektrifizierung ausgerichtet sind, sehen die Proportionen sofort besser aus, weil man mehr Freiheit hat“, schwärmt Vidal über die Möglichkeiten neuer Plattformen.

Mark Adams, 64, und Gilles Vidal, 54, kennen sich seit vielen Jahren. Als Sohn eines Opel-Händlers hat Vidal eine ganz persönliche Beziehung zu der deutschen Traditionsmarke: Sein erstes Auto war ein Opel Corsa, sein erster Traumwagen ein roter Opel Calibra.
Doch genau diese neu gewonnene Freiheit birgt auch Risiken. Gerade in der aktuellen Transformationsphase gilt es, den Bogen nicht zu überspannen. Wer krampfhaft versucht, extrem futuristisch zu sein, scheitere oft an der Akzeptanz der Käufer. Auch Opel-Chefdesigner Mark Adams warnte eindringlich davor, die Menschen optisch zu überfordern. Kundenbefragungen zur Elektromobilität hätten ein erstaunlich pragmatisches Bild gezeigt: „Die Leute sagten: ‚Nein, ich will einfach ein toll aussehendes Auto, und ich mag dieses Auto sehr. Wenn es elektrisch ist, großartig’“.
Opel steht für zeitloses deutsches Design
Die Erwartungshaltung an das Design ist laut Adams klar: „Sie suchten nicht nach flippigen, völlig futuristischen Dingen, sie wollten immer noch etwas haben, das sie verstehen“. Niemand wolle ein Auto kaufen, das optisch völlig aus dem Rahmen fällt und „so hoch, so breit und mit herausstehenden Rädern“ designt sei, bloß weil sich ein Elektromotor unter dem Blech verbirgt.

Opel-Chefdesigner Mark Adams (links) zusammen mit Stellatis-Designchef Gilles Vidal (rechts) und dem Autor (Mitte) vor dem neuen Opel Astra, der mit einer geglätteten Front, scharfen Kanten und dem leuchtenden Logo Prototyp für die neue Designsprache ist.
Um diesen schwierigen Spagat zu meistern, setzt Opel voll auf seine deutschen Wurzeln. Adams verfolgt eine Design-Philosophie der „Purity“ (Klarheit), ein Ansatz, der fortschrittliche Linien mit einer zeitlosen, reduzierten Formensprache vereint – ganz in der Tradition von deutschen Industriedesign-Ikonen wie Dieter Rams, dem legendären Chefdesigner von Braun. Die Designsprache des faceglifteten Opel Astra mit der Vizor genannten, geglätteten Front und dem „Pure Panel“ Cockpit-Design komme dem Ideal schon sehr nahe. Beim kommenden Opel Corsa – der gegen Jahresende erwartet wird – werde die nächste Stufe der Entwicklung erklommen.
Das Ende der grauen Tristesse: Mut zur Farbe
Neben den äußeren Proportionen wandelt sich auch das Erlebnis im Innenraum dramatisch, kündigten die beiden Manager an. Und hier gibt es für Design-Fans eine besonders erfreuliche Nachricht: Das Auto wird wieder bunter! Die Zeiten, in denen sich Autokäufer fast ausschließlich für konservative Töne entschieden haben, weichen langsam auf.
Vidal blickt dabei augenzwinkernd auf die Vergangenheit zurück: „In den 70er Jahren konnte man ein komplett orangefarbenes Interieur machen und es wurde akzeptiert“. Später sei das Auto-Design extrem konservativ geworden. Bis zum Jahr 2020 hätten „Schwarz, Grau und Weiß alle Farben getötet“, so Vidal. Doch der Trend dreht sich gerade spürbar. „Ich glaube, wir befinden uns wieder in einer Gesellschaft und in einer Welt, die sich der Farbe und der Freude am Leben wieder öffnet“, analysiert der Stellantis-Designer.

In Zukunft wollen die Opel-Designer ihren Kunden auch wieder farbenfrohere Dinge – Exterieurs und Interieurs – anbieten. Fotos: Opel
Auch wenn ein radikales „Color Blocking“ wie in den 70ern heute in einem Volumenmodell wie dem Opel Astra oder Corsa vielleicht noch zu gewagt wäre, gibt es enorm viel Spielraum für farbenfrohe und mutigere Gestaltungen. „Der Markt ist bereit, deshalb können wir farbenfrohere Dinge anbieten und damit auch in großen Stückzahlen erfolgreich sein“, ist sich Vidal sicher.
Unser Fazit: Unter der Führung von Antonio Filosa nutzen die Stellantis-Designer ihre Freiheiten, um echte Charakterköpfe auf die Räder zu stellen. Die Formel für Opel lautet dabei: Klare, reduzierte Linien, gepaart mit frischen Farben und Proportionen, die Lust auf die elektrische Zukunft machen – ganz ohne UFO-Allüren.