Elektromobilität steht und fällt mit einer verlässlichen und bezahlbaren Ladeinfrastruktur. Doch hohe Preise an Schnellladesäulen und ein zäher Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos für sorgen in Deutschland immer wieder für Diskussionen. Ionity-Chef Jeroen van Tilburg stellte sich in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ dieser Debatte und nahm dabei sowohl die Erwartungshaltung der Kunden als auch die deutsche Verwaltung in die Pflicht. Zur Erinnerung: Hinter dem 2017 gegründeten Joint Venture Ionity stehen die deutschen Autobauer BMW, Mercedes und der Volkswagen-Konzern sowie Ford, die Hyundai Motor Group (mit Kia) sowie seit 2021 der Finanzinvestor Black Rock.
Die weit verbreitete Annahme, die Ladepreise seien grundsätzlich viel zu hoch, möchte van Tilburg jedenfalls so nicht stehen lassen. „Die Menschen vergleichen den Strompreis unterwegs mit ihrem Haushaltsstrompreis, der natürlich deutlich niedriger liegt. Aber das ist so, als ob man den Preis für Leitungswasser mit dem für Mineralwasser in einem Rasthof vergleichen würde“, findet der Ionity-Chef. Die Preise bestimme ein Ladenetzbetreiber nur zum Teil: „Da kommen viele Kostenfaktoren zusammen: Ein Drittel entfällt auf den Strom selbst. Davon werden zwei Drittel von der Regierung bestimmt, zum Beispiel Netzentgelte, Steuern und Abgaben. Die können wir als Unternehmen nicht beeinflussen. Das Gleiche gilt für den Preis der Netzanschlüsse.“ Auch die könne man nicht beeinflussen.

Der Niederländer steht seit Mai 2024 als CEO an der Spitze des europaweit agierenden Schnellladenetzbetreibers Ionity. Zuvor arbeitete der Marketingspezialist in Führungspositionen bei Tesla, Netflix, Google und Microsoft. Foto: Ionity
Van Tilburg betont zudem den zeitlichen Gegenwert, den das Schnellladen biete: Während das Laden eines E-Autos mit 3,7 Kilowatt zu Hause zwölf Stunden dauere, ermögliche Ionity mit Ladeleistungen von bis zu 350 Kilowatt eine Ladezeit von nur 20 Minuten. Kunden, die sich vertraglich für mindestens ein Jahr binden würden, profitierten obendrein von günstigeren Tarifen. „Die mehr als 80 Cent pro Kilowattstunde werden für Schlagzeilen genutzt, aber Studien zeigen, dass 83 Prozent der E-Auto-Fahrer in Deutschland noch nie oder sehr selten so viel gezahlt haben.“
„Deutsche Bürokratie killt viel Zeit und Ressourcen“
Die effektivste Maßnahme für sinkende Preise wäre nach Ansicht des Ionity-Chefs ein schnellerer Hochlauf der E-Mobilität: Nur mit mehr E-Autos auf den Straßen ließen sich die Fixkosten besser verteilen. Doch die komplexe Regulatorik in Deutschland verhindere einen schnelleren Hochlauf.
„In einigen anderen Ländern können wir Ladeparks innerhalb von drei Monaten bauen. In Deutschland dauert es bis zu zwei Jahre“, beklagt der Ionity-Chef. Die Netzanschlüsse bräuchten sehr lange. „Und die vielen Netzbetreiber in den verschiedenen Bundesländern erhöhen die Komplexität enorm. Jeder Ladepark wird wie ein singuläres Projekt behandelt. Die deutsche Bürokratie killt viel Zeit und Ressourcen.“
Van Tilburg forderte für Deutschland daher zwingend eine Vereinfachung, bundesweite Standardisierungen sowie feste Fristen für die Genehmigung durch die Netzbetreiber.
Vorinvestitionen der Branche und Kritik am VDA
Trotz aller Hürden liegt Ionity Angaben seines CEO voll im Plan. Bis 2030 plane das Unternehmen Investitionen von bis zu 600 Millionen Euro, um das Netzwerk auf 13.000 Ladepunkte zu erweitern. Bereits jetzt sei das EBITDA (Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) des Unternehmens seit drei Jahren positiv – ein Alleinstellungsmerkmal unter den Charge Point Operators (CPO).
Dennoch bleibe das Marktumfeld herausfordernd. In Europa arbeiteten derzeit 70 Prozent der Schnellladesäulen unprofitabel. Während rund 100 Fahrzeuge pro Säule für einen profitablen Betrieb nötig wären, seien es aktuell nur etwa 60. Die Ladebranche sei in Vorleistung gegangen, aber die Fahrzeugstückzahlen zögen zu langsam nach, beklagt der Ionity-Chef.

Ionity hat in Frankreich bereits an zwei Stationen ultraschnelle HYC1000-Ladesäulen von Alpitonic in Betrieb genommen. Geeignete Elektroautos können hier mit bis zu 600 kW Strom aufnehmen. Die erste Station des Typs in Deutschland soll bald im nordrhein-westfälischen Werne in Betrieb gehen. In acht Minuten können dann 300 Kilometer Reichweite erzielt werden. Foto: Ionity
Eine Mitschuld an der zögerlichen Entwicklung hierzulande gibt van Tilburg der deutschen Debatte über das sogenannte Verbrenner-Aus der EU: „Das Problem ist nicht das Ziel 2035, sondern die Erzählung in Deutschland darüber. 92 Prozent der E-Auto-Fahrer sind zufrieden mit ihrer Entscheidung. Sie wollen nicht zurück zum Verbrenner. Das sagt doch alles. Aber der VDA und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) tragen zu einer gewissen Verunsicherung bei. Die größte Hürde ist nicht die Technologie oder die Ladeinfrastruktur, sondern die verhaltene Stimmung, die so erzeugt wurde.“ Ionity sei deshalb auch aus dem VDA ausgetreten und lasse seine Positionen nun durch den Verband E-Mobility Deutschland vertreten.
„Die Zukunft ist um die Ecke“
Technologisch blickt van Tilburg, der früher unter anderem für Tesla, Google und Netflix arbeitete, durchaus optimistisch in die Zukunft. Die Silicon-Valley-Mentalität – Grenzen verschieben und kein Nein als Antwort akzeptieren – präge auch Ionity. Aktuell wird das Megawattladen erprobt: In Frankreich stehen bereits zwei Standorte mit einer Leistung von bis zu 1000 Kilowatt (HYC 1000), und bald soll diese Technologie auch im nordrhein-westfälischen Herten verfügbar sein. Auch die Ladeleistung für Elektroautos werde an den Ionity-Stationen sukzessive erhöht. Van Tilburg: „Wir gehen jetzt zunächst mal auf 600 Kilowatt pro Ladepunkt und schauen, wie sich der Markt entwickelt. Die Zukunft ist um die Ecke.“