Zum Vision S, der spektakulären Konzeptstudie von Sony für eine vollelektrische und vollvernetzte Luxuslimousine, haben sie Schlüsselkomponenten geliefert. Und der chinesische Immobilienkonzern Evergrand, Eigner des Saab-Nachfolgers NEVS und von Faraday Future, hat eine Lizenz erworben, um Elemente des „Rolling Chassis“, des elektrischen Antriebssystems von Benteler für eine neue Generation von Elektroautos nutzen zu können. Experten von Benteler werden die Chinesen darüber hinaus in den kommenden zwei Jahren bis zum Start der Serienproduktion begleiten.

Benteler, das bald 150 Jahre alte Familienunternehmen aus Ostwestfalen, ist in der neuen Welt der Autoindustrie gut angekommen. Klassische Abgassysteme und Achsmodule, Stoßfänger und andere Strukturteile wie B-Säulen für Serienfahrzeuge produziert die Automotive-Sparte zwar immer noch. Aber die größte Dynamik steckt derzeit im Geschäftsfeld Elektromobilität, das erst vor drei Jahren gegründet wurde. Marco Kollmeier, Leiter des Geschäftsfeld Elektromobilität bei Benteler Automotive in Paderborn, zeigte sich im Gespräch mit EDISON jedenfalls sehr zufrieden über die Entwicklung der Sparte: „Wir haben den Nerv der Zeit offenbar ganz gut getroffen.“ Inzwischen leiste sein Geschäftsfeld auch einen „signifikanten Beitrag“ zum Konzernumsatz von rund acht Milliarden Euro. Konkrete Zahlen mochte er freilich nicht nennen.

Teamarbeit bei Benteler
Marco Kollmeier (links) im Kreise von Mitarbeitern des Geschäftsfelds Elektromobilität.

Seit zehn Jahren schon produziert das Unternehmen Batteriewannen für Elektroautos großer europäischer Hersteller – man wusste also, welche Veränderungen sich in der Branche abzeichnen. Doch „so richtig interessant“ wurde es für das Unternehmen erst, als man das gesamte Ökosystem in den Blick nahm – und schaute, was Benteler dazu beitragen kann, alleine und gemeinsam mit Partnern.

People Mover als nächstes Projekt

Für das „Rolling Chassis“ etwa formte man eine Allianz mit Bosch – die Stuttgarter steuern die elektrischen und elektronischen Bauteile (Motoren, Steuerungen) bei. Und als Akku-Lieferanten gewann man den chinesischen Hersteller Suwoda als Partner. Auch mit Pininfarina kooperiert man, um Kunden Komplettlösungen anbieten zu können: Das Designstudio und Karosseriebauunternehmen wäre in der Lage, auf die Benteler-Plattform schnell einen eleganten Aufbau zu setzen. Kollmeier: „Wir arbeiten in Netzwerken. Das beschleunigt den Entwicklungsprozess und erhöht die Kosteneffizienz.“

Der Zulieferer ZF wird selber zum Fahrzeughersteller und fertig gemeinsam mit dem Aachener Start-up E.go einen People Mover. Der soll künftig bis zu 15 Personen als Sammeltaxi durch die Innenstädte kutschieren. E-Mobilität, Öffentlicher Nahverkehr

Der Prozess könne in einem Elektro-Sportwagen münden, einem SUV, oder aber – „ganz neu“ auch in einem modernen People Mover, einem elektrischen Kleinbus, der „irgendwann“ auch vollautonom fahren könnte. Kollmeier: „Wir haben da ein interessantes Projekt in Anbahnung“. Details darf er nicht verraten, nur so viel: „Wir reden von kleinen Stückzahlen“ und: „Der Kunde ist ein Fahrzeughersteller und sitzt in Europa.“

Anfangs hatte sich die 40 Mitarbeiter der E-Mobility-Sparte noch auf den Wachstumsmarkt China fokussiert. Aber längst ist die Benteler-Tochter weltweit unterwegs, in Europa und auch in Nordamerika: „Das Momentum ist inzwischen global überall groß“, die Mobilitätswende in vollem Gange. Viele Newcomer aus anderen Branchen drängten dabei auf den Markt, wie Sony noch ohne jede Erfahrung im Automobilgeschäft.

Ob Sony den Vision S tatsächlich bauen werde, sei zwar noch nicht absehbar. „Aber das Beispiel zeigt eindrucksvoll“, findet der Benteler-Manager, „dass neue Mobilitätsangebote heute aus ganz unerwarteten Richtungen kommen können – und dass es bei manchen Projekten gar nicht in erster Linie um ein Fahrzeug, seinen Antrieb und Beschleunigungswerte geht, sondern mehr um Funktionalitäten.“ Kollmeier: „Das Fahrzeug ist dann eigentlich nur noch eine Art Wirt.“

Skateboard-ähnliche Architektur
Gemeinsam mit Bosch hat Benteler eine Elektro-Plattform entwickelt. Nur die Karosserie fehlt noch. Diese könnte Pininfarina schnell liefern. Foto: Benteler

„Elektromobilität ist keine Bedrohung“

Solchen branchenfremden Playern will sich Benteler als „Ermöglicher“ anbieten, mit technischer Expertise, mit innovativen Produkten und strategischem Weitblick. Immerhin sei ein Elektroauto immer noch eine hochkomplexe Konstruktion. Kollmeier: „Wir wollen kein Autobauer werden, kriegen aber durch diese Entwicklung eine neue Rolle und auch neue Geschäftschancen: Elektromobilität ist für uns keine Bedrohung, sondern eine Chance.“ Durch neue Kunden und auch neue Geschäftsmodelle.

Deshalb will sich Kollmeier auch gar nicht festlegen auf bestimmte Fahrzeugtypen. Die Plattform-Struktur sei leicht skalierbar. Aktuell sei sie für Mittel- und Oberklasse ausgelegt, aber auch eine Variante für Kompaktfahrzeuge sei machbar – oder für einen Cargo-Mover für Tür-zu-Tür-Lieferungen in Städten mit restriktiven Zufahrtsregelungen: „Der Internet-Handel nimmt in Corona-Zeiten ja rapide zu.“

Und flexibel will der Benteler-Manager in Sachen Antriebstechnik bleiben: Die Plattform könne Akkupakete ebenso leicht aufnehmen wie Brennstoffzellen-Stacks und Wasserstoff-Tanks. Kollmeier: „Wir schauen uns sehr intensiv das Thema Brennstoffzelle an, das gerade neues Momentum erfährt.“

Auch hier könnte Benteler ein „Ermöglicher“ in der Startphase eines Unternehmens sein.

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