Der chinesische Automobilriese Chery rollt seinen Markteintritt in Deutschland mit überraschender Breite aus. Während die Submarken Omoda und Jaecoo als agile Lifestyle-Marken vorangegangen sind, betritt nun die Chery als Volumenmarke und einem breiten Modellangebot die Bühne. Den Einstieg markiert der rund 4,32 Meter lange Tiggo 4 mit Vollhybrid-Antrieb im B-SUV-Segment. Darüber rangiert im C-Segment der 4,50 Meter lange Tiggo 7 als Plug-in-Hybrid, der sich direkt gegen Konkurrenten wie den VW Tiguan oder Hyundai Tucson positioniert. Familien mit erhöhtem Platzbedarf greifen zum 4,73 Meter langen Tiggo 8 PHEV mit bis zu sieben Sitzplätzen. Das von uns gefahrene, 4,81 Meter lange Flaggschiff Chery Tiggo 9 CSH bildet schließlich die Ausstattungs- und Leistungsspeerspitze der Marke.

Mit einer Gesamtlänge von 4.810 Millimetern, einer Breite von 1.925 Millimetern und einem Radstand von 2.800 Millimetern tritt der Chery Tiggo 9 CSH selbstbewusst und raumgreifend auf. Das Design der Wuchtbrumme wirkt erwachsen und versprüht mit seinen 20-Zoll-Leichtmetallrädern sowie der wuchtigen Frontpartie eine unaufdringliche Eleganz. Kritiker würden allerdings eine zu große Beliebigkeit und Verwechselbarkeit monieren.

Mit Gürtel und Hosenträger
Das Topmodell von Chery gibt es hierzulande ausschließlich als Teilzeitstromer. Rein elektrisch schafft der immerhin 144 Kilometer. Wenn man den Inhalt des Benzintanks zusätzlich verbrennt, kommt man über 1000 Kilometer in einem Rutsch.

Öffnet man die Türen, empfängt einen eine Anmutung, die sich keineswegs hinter europäischen Premium-Mitbewerbern verstecken muss. Das Cockpit glänzt mit echten Lederflächen, belüftbaren, beheizbaren und massierenden Vordersitzen sowie einem Beifahrersitz im „Business-Class“-Format samt ausfahrbarer Beinauflage. In der zweiten Reihe reist man ebenfalls auf elektrisch verstellbaren Plätzen mit eigener Sitzheizung und -belüftung. Die dritte Sitzreihe ist indes nur als Notgestühl für Kinder zu nutzen, überzeugt im Alltag aber immerhin durch eine gute Ergonomie: Die zweite Sitzreihe klappt auf Knopfdruck vollständig elektrisch nach vorne, was den Zugang nach hinten spürbar erleichtert.

428 PS starker Allradantrieb mit drei E-Maschinen

In der siebensitzigen Konfiguration verbleiben dann allerdings nur bescheidene 143 Liter Ladevolumen. Klappt man die dritte Reihe jedoch weg, entsteht ein Kofferraum von 819 Litern Volumen. Wer auch die zweite Reihe wegklappt, der erhöht das Volumen auf 2.065 Liter.

In Sachen Infotainment ist das Tiggo-Schwert zweischneidig. Die Grafik und Auflösung des Display-Kombination aus zentralem 15,6-Zoll-Multimediasystem und 10,25-Zoll-Kombiinstrument gefällt, jedoch sind Menüführung und vor allem die deutsche Sprachversion im von uns gefahrenen Vorserienstand noch verbesserungswürdig.

Für alle Fälle
Die Chinesen rechnen offenbar mit dem Schlimmsten und haben im Kofferraum des Tiggo 9 eine Feuerlöscher montiert. Der mindert das Stauvolumen allerdings nur geringfügig. Bei voller Bestuhlung bleiben 143 Liter, im Zwei-Personen-Betrieb über 2000 Liter.
Für alle Fälle
Die Chinesen rechnen offenbar mit dem Schlimmsten und haben im Kofferraum des Tiggo 9 eine Feuerlöscher montiert. Der mindert das Stauvolumen allerdings nur geringfügig. Bei voller Bestuhlung bleiben 143 Liter, im Zwei-Personen-Betrieb über 2000 Liter.

Unter der Haube des Chery Tiggo 9 arbeitet das sogenannte Chery Super-Hybrid (CSH)-System. Dieses kombiniert einen 1,5-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner mit 105 kW (143 PS) mit insgesamt drei Elektromotoren und einem speziell entwickelten 3DHT-Hybridgetriebe. Die Arbeitsteilung läuft wie folgt: An der Vorderachse arbeiten zwei Elektromotoren mit 75 kW und 90 kW, während ein dritter E-Motor an der Hinterachse mit 175 kW Leistung einen intelligenten Allradantrieb realisiert. Die gebündelte Systemleistung schlägt mit 315 kW / 428 PS und einem Systemdrehmoment von 580 Newtonmetern zu Buche.

Bis zu 144 Kilometer rein elektrisch

Trotz eines Leergewichts von2.308 Kilogramm sprintet der China-Hybrid in nur 5,4 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Der Durchzug ist im Fahrbetrieb überraschend druckvoll, denn das Energiemanagement hält stets genügend Stromreserven vor, sodass der Verbrenner selbst bei Zwischenspurts nie isoliert die Last übernehmen muss. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 180 km/h gekappt.

Doch die Abregelung ist mit Blick auf die Fahrwerksabstimmung wohl gar nicht schlecht. Denn: Der Tiggo 9 CSH ist eine Sänfte. Kurze Stöße, Kanaldeckel und Fugen schluckt die Aufhängung hervorragend weg. Geht es jedoch über lange Bodenwellen oder stehen zügige Richtungswechsel an, offenbart das Fahrwerk seine Achillesferse. Zug- und Druckstufe des Fahrwerks sind im Niederfrequenzbereich deutlich unterdämpft. Das Fahrzeug wippt nach langen Bodenwellen spürbar nach und neigt bei Kurvenwechseln zu Nick- und Wankbewegungen. Hier muss Chery bis zum Verkaufsstart in Europa 2027 noch Feinarbeit leisten.

Da vermisst man nichts 
Head-up-Display, Lederbezüge, beheiz- und belüftbare Sitze vorne wie hinten - die Komfortversion kommt luxuriös daher. Fotos: Chery
Da vermisst man nichts
Head-up-Display, Lederbezüge, beheiz- und belüftbare Sitze vorne wie hinten – die Komfortversion kommt luxuriös daher. Fotos: Chery

Beim Kraftspeicher setzt der Tiggo 9 CSH auf ein NMC-Akkupaket (Nickel-Mangan-Kobaltdioxid) mit einer nutzbaren Kapazität von 32,39 kWh. Gemäß WLTP-Norm ergibt sich daraus eine kombinierte elektrische Reichweite von 144 Kilometern, was sich mit den Verbrauchswerten auf unserer Testfahrt deckt. Zusammen mit dem 70-Liter-Kraftstofftank scheint eine Gesamtreichweite von bis zu 1.050 Kilometern realistisch. Denn auch wenn der Akku entladen ist, arbeitet das Hybridsystem sehr effizient: Versprochen wird ein WLTP-Wert von 6,8 Litern Benzin auf 100 Kilometer bei entladener Batterie.

Auch die Ladeleistung gibt sich der PHEV keine Blöße. An einer DC-Schnellladesäule zieht das SUV bis zu 70 kW Peak-Leistung, womit der Ladehub von 30 auf 80 Prozent in weniger als 25 Minuten absolviert ist. An der mit Wechselstrom betriebenen Wallbox lädt der Wagen allerdings nur mit bis zu 6,6 kW. Das ist eindeutig zu wenig.

Einstiegspreis lässt aufhorchen

Mit einem voraussichtlichen Einstiegspreis von etwa 49.000 Euro für die sehr gut ausgestattete Linie „Prestige“ ist der Chery Tiggo 9 CSH kein billiges Dumping-Angebot. Wohl aber eine interessante Alternative zur angestammten Konkurrenz. Er zielt dabei nicht nur auf den VW Tiguan, sondern auch auf ähnliche Angebote deutscher Premium-Hersteller wie einen Mercedes GLC (ab 68.000 Euro). Gelingt dem Importeur bis zur Auslieferung das erwähnte Feintuning, sollte man den Gang zum Chery-Händler in Betracht ziehen – wenn es denn unbedingt ein SUV im XL-Format sein muss.

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