„Who killed the Electric Car?“: Der Dokumentarfilm über das Scheitern des ersten elektrischen Serienfahrzeugs EV1 von General Motors ist mittlerweile 14 Jahre alt und so aktuell wie nie. Er erzählt vom Kampf zwischen Umweltpolitikern und der Autoindustrie über den besten Weg zu sauberer Luft in den Städten und einer emissionsfreien Mobilität, aber auch von der Angst eines Automobilkonzerns vor der eigenen Courage: Nach Entwicklung und Bau von 1117 Exemplaren des kleinen Stromers, der mit einer Nickel-Metallhydrid-Batterie immerhin bis zu 225 Kilometer weit fuhr, sammelte GM sämtliche Fahrzeuge wieder ein und verschrottete sie – wegen angeblich zu geringer Nachfrage und Gewinnspannen. Statt dessen investierte der damalige Autoriese lieber in den Kauf der Geländewagen-Marke Hummer und in die Forschung am Brennstoffzellenantrieb.

Diese Woche debattiert in Berlin die Bundesregierung, wie der Autoindustrie nach der Corona-Krise wieder auf die Beine geholfen werden kann. Zur Diskussion stehen neue Fördermaßnahmen für Elektroautos und den Ausbau der Ladeinfrastruktur, aber auch eine Kaufprämie für Autos mit Verbrennungsmotor und einem CO2-Ausstoß von bis zu 140 Gramm pro Kilometer – und Investitionen in die Wasserstoff-Technologie.

Tesla-Invasion
Aus ganz Deutschland kamen am Pfingstwochenende Elektromobilisten zur E-Auto-Filmnacht ins Pop-up-Kino nach Hilden. Foto: Rother

Somit gab es am Pfingst-Wochenende jede Menge Gesprächsstoff bei der ersten Elektroauto-Filmnacht in Hilden bei Düsseldorf, zu der der Öko-Bäcker Roland Schüren zusammen mit dem Catering-Unternehmer Carsten Windmann in ihr Pop-Up-Autokino am Rande des geplanten Tesla-Ladeparks eingeladen hatten. Zu sehen gab es hier nicht nur den Filmklassiker, sondern auch seinen Nachfolger „Revenge of the Electric Car“ von 2011, in dem die Wiedererweckung der Antriebstechnologie durch Elon Musk geschildert wird. In der Pause gab es neben Fingerfood als zusätzliches Schmankerl eine Live-Übertragung vom Start des Raumschiffs „Endeavour“ von SpaceX und Nasa zur Internationalen Raumstation.

Jede Menge Stoff für „Stromgespräche“

Das Angebot zog: 90 Elektroautos aus ganz Deutschland stromerten am Samstag- und Sonntagabend nach Hilden. Die weiteste Anreise hatte wohl Robert Borgmann, der mit seinem Tesla Model 3 aus Dresden angereist war. Andere kamen vom Bodensee oder wie Roger Meier aus Cuxhaven. Es waren überwiegend Fahrzeuge vom Typ Tesla. Aber vor der Großbild-Leinwand im Gewerbegebiet versammelten sich auch Elektroautos von Renault, Hyundai, Kia, Smart und BMW. Für fast noch mehr Aufsehen sorgten indes zwei Oldtimer: Ein Mini Cooper aus den 1960er Jahren und ein Golf Cabrio der ersten Generation, die von ihren Besitzern zum Stromer umgebaut wurden.

Ein Prost auf die Elektromobilität
Öko-Bäcker und Ladepark-Betreiber Roland Schüren (Mitte) bei „Stromgesprächen“ vor dem zum Elektroauto umgebauten VW Golf-Cabrio von Bernd Carls (links). Foto: Rother

Es gab somit jede Menge Stoff für „Stromgespräche“ – über die Umbauten und über Batterietechnologien, über Tesla und die Filme. Aber auch über die Aktivitäten des Elektroauto-Pioniers Roland Schüren. Seinen Betrieb hat er schon vor Jahren auf Nachhaltigkeit getrimmt, mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Bäckerei, mit elektrisch angetriebenen Lieferwagen und einem kleinen Ladepark vor der Backstube.

Gemüsezucht auf eigener „Vertical Farm“

Nun zündet der Tesla-Fahrer am Autobahnkreuz Hilden die nächste Stufe mit dem Bau von Europas größtem Ladepark für Elektroautos. Mit einer riesigen Strom-Tankstellen, an der in der finalen Ausbaustufe bis zu 62 Elektroautos gleichzeitig Energie aufnehmen können. Geplant sind 40 Supercharger von Tesla und 22 Ladeplätze des niederländischen Anbieters Fastned, an der Elektroautos anderer Hersteller aufgeladen werden können. Der Strom dafür soll mit einer eigenen Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Lade-Hangars sowie mit zwei Kleinwindkraftanlagen gewonnen und an Ort und Stelle zwischengelagert werden.

Schöne Aussicht
Von der Liegefläche seines elektrischen Kastenwagens verfolgte dieser Besucher die Filme auf der Großbild-Leinwand. Foto: Rother

Darüber hinaus entsteht auf dem rund 12.000 Quadratmeter großen Grundstück ein fünfstöckiges Gebäude mit Bäckerei, Cafe-Bistro sowie einer so genannten „Vertical Farm“, in der Salate und Beeren herangezogen werden sollen. Diese werden nach der Ernte in der Bäckerei und im Gastronomie-Betrieb zu frischen Kuchen und kleinen Gerichten verarbeitet. „Seed & Greet“ soll der Öko-Betrieb heißen, der eine klimaneutrale Energiegewinnung mit einer emissionsfreien Mobilität und einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion verbindet.

„Seed & Greet“ nimmt Gestalt an

Schüren geht in dem 18 Millionen Euro schweren Großprojekt voll und ganz auf. „Ich habe Elon Musk schon 2012 angeschrieben und ihn darauf hingewiesen, dass Hilden der perfekte Standort für einen Supercharger wäre“, erzählt Schüren im Gespräch mit EDISON. Reagiert hat der Tesla-Chef allerdings nicht. Erst eine Begegnung mit einem Tesla-Mitarbeiter drei Jahre später brachte die Sache ins Rollen. Seit Mitte Februar stehen im Gewerbegebiet Nordpark in Hilden, an der Straße „Am Jägerhof“, eine Handvoll provisorischer Tesla-Charger sowie ein Verkaufswagen, in der Schüren seine Backwaren verkauft. Und vom angrenzenden Aussichtshügel aus kann man zusehen, wie die bogenförmige Dachkonstruktion des Ladeparks Gestalt annimmt.

Tragende Konstruktion
Die Holzdächer werden die Photovoltaik-Elemente tragen, mit deren Hilfe die Sonnenkraft in Autostrom verwandelt wird. Zudem sorgen sie an den 62 Ladeplätzen für Wetterschutz.

Es geht scheinbar zügig voran. Aber Schüren deutet an, dass in den vergangenen Wochen einige Komplikationen aufgetreten sind. Nicht nur wegen Corona. Sondern auch, weil unterhalb der Stromtankstelle eine Öl- sowie eine Gaspipeline verläuft: Schüren: „Die Zukunft der Energieversorgung trifft hier auf die fossile Vergangenheit“.

Aber lohnt sich der ganze Aufwand? Viele Energieversorger beklagen sich immerhin, dass mit dem Verkauf von Ladestrom noch kein Geschäft zu machen sei.

36 Cent für die Kilowattstunde Gleichstrom

Schüren und seine Kompagnons sehen es freilich anders. „Das Tesla Model 3 hat alles verändert“, sagt er. Der kompakte Stromer habe die Nachfrage nach Elektroautos auch in Deutschland spürbar belebt, Elektromobilität massentauglich gemacht. Und auch durch die neuen Stromer anderer Hersteller werde die Nachfrage nach Ladestrom in den kommenden Jahren deutlich steigern. Damit stehe das Geschäftsmodell auf soliden Säulen.

Und deshalb wollen Schüren und seine Kompagnons aus der Tesla-Szene, die sich zur Ladepark Kreuz Hilden GmbH & Co KG zusammengeschlossen haben, das Geschäft mit dem Ladestrom auch selbst machen. Es ist, wenn man so will, ihre persönliche „Revenge“/Rache für die Sabotage, die GM seinerzeit am Elektroauto EV1 betrieb. Roaming-Verträge? Kommen nicht in Frage. So behält man auch die Hoheit über die Preisgestaltung, ohne dass Großkonzerne Einfluss üben können.

Noch ein Provisorium
Tesla-Fahrer können jetzt schon in Hilden an einer Handvoll Superchargern Strom zapfen. Für die Fahrer anderer Fabrikate gibt es derzeit lediglich Brotwaren. Foto: Rother

Die Kilowattstunde Wechselstrom (AC) kostet im Ladepark vor Schürens Backstube am Mühlenbachweg aktuell lediglich 19 Cent pro Kilowattstunde. Hinzu kommt ein Cent pro Minute Ladezeit. Und für die Kilowattstunde Gleichstrom (DC) sind aktuelle 36 Cent pro Kilowattstunde veranschlagt. Weil die Ladestationen vorerst noch nicht eichrechtskonform sind, werden von dem Strompreis 20 Prozent abgezogen – und zwei Cent pro Minute Ladezeit aufgeschlagen.

Damit sollte sich der Abstecher nach Hilden für alle Fahrer von Elektroautos lohnen. Nicht nur zu Filmnächten im E-Auto-Kino.

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3 Kommentare

  1. Avatar

    Schade, dass über solche Events immer erst im Rückblick berichtet wird, Da wäre ich wirklich gerne dabei gewesen, aber habe nirgendwo eine Ankündigung gesehen.

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    • Franz W. Rother

      Das sagen Sie mal dem Veranstalter 😉 Möglicherweise wird es aber noch weitere Aufführungen geben

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    • Avatar

      Einfach mal nach TFF (Tesla Forum Freunde) googlen, da ist man auf dem Laufenden..

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