Autokäufer brauchen derzeit viel Geduld. Vor allem, wenn der neue Wagen über einen Elektroantrieb verfügen soll. Zwischen der Bestellung und der Auslieferung eines Skoda Enyaq können bis zu 106 Wochen vergehen, hat der in Wien beheimatete Autoabo-Anbieter Instadrive dieser Tage ermittelt. Beim Kia EV6, dem „Auto des Jahres 2022“, beträgt die Lieferzeit demnach aktuell stolze 53 Wochen. Und bei den Elektroautos der ID-Familie von Volkswagen dauert es im Schnitt 43 Wochen, bis der individuell konfigurierte Stromer vor der Haustüre steht. Der Mangel an Computerchips bremst die Fahrzeugproduktion in fast allen Automobilwerken weltweit. Und in Europa kommen infolge des Krieges in der Ukraine jetzt auch noch Lieferprobleme bei Kabelbäumen hinzu.

Die Folgen sind dramatisch: Bei den Autohändlern im Land mangelt es vielfach selbst an Vorführwagen, wie eine Umfrage von EDISON zeigte. Und Preislisten haben inzwischen eine Halbwertzeit von nur noch wenigen Monaten, manchmal sogar nur noch von Wochen. Hinzu kommt die Unsicherheit, wie lange in Deutschland der Umweltbonus für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben noch gewährt wird: Die aktuelle Regelung läuft zum Jahresende aus.

VDA drängt auf schnelle Entscheidung

Und wie die Förderung im kommenden Jahr aussieht, ist noch völlig offen: Die Mitarbeitern von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) arbeiten derzeit noch an einem neuen „Förderdesign“. Dieses soll deutlich „ehrgeiziger“ ausfallen als das bisherige, „um der Elektromobilität weiteren Schub zu verleihen und den Klimaschutz zu stärken.“ Auf dem Neuwagen-Vergleichsportal von carwow werden Interessenten deshalb bereits gewarnt, dass der staatliche Anteil am Umweltbonus von derzeit 6000 in 2023 auf 3000 Euro reduziert werden könnte. Und nach bisherigem Stand fällt er 2025 dann komplett weg.

„Wir brauchen eine schnelle Entscheidung über die Nachfolgeregelung“, mahnt VDA-Geschäftsführer Joachim Damasky. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 mindestens 15 Millionen Elektroautos auf die Straße zu bringen, sei ohne die Fortsetzung der Förderung nicht zu erreichen. Denn in den kommenden Jahren müsste jeder zweite neuzugelassene Pkw ein Stromer sein – derzeit haben E-Autos an den Neuzulassungen nur einen Anteil von 12,5 Prozent.

Haltedauer künftig zwölf statt sechs Monate?

Die geplante Neuausrichtung der Förderung wird zwar wohl in erster Linie die Plug-in-Hybride treffen, die ihren „positiven Klimaschutzeffekt“ künftig belegen sollen. Etwa indem die Halter der Teilzeitstromer die Ladevorgänge oder die Anzahl der rein elektrisch zurückgelegten Fahrstrecken protokollieren. Technisch ist das kein Problem: Über die OBD-Schnittstelle und das inzwischen vorgeschriebene „Fuel Consumption Monitoring“-System könnte der Fahrzeughersteller oder die Werkstatt für das Finanzamt jederzeit auslesen, ob tatsächlich die Hälfte aller Wegstrecken elektrisch zurückgelegt wurden.

Aber auch bei der Förderung von reinen Elektroautos sind nach Einschätzung des VDA Änderungen zu erwarten: Geschäftsführer Damasky erwartet hier eine Reduzierung der Höhe der Innovationsprämie. Zudem soll künftig wohl genauer hingeschaut werden. So ist geplant, die Haltedauer für neu zugelassene Elektroautos von derzeit sechs auf zwölf Monate zu verlängern. Das Ministerium reagierte damit auf Untersuchungen des Center of Automotive Management (CAM), wonach deutsche Autohändler den Umweltbonus von bis zu 9000 Euro kassierten, die rabattierten Vorführwagen aber schon nach sechs Monaten ins Ausland verkauften – wo zum Teil deutlich höhere Preise für die Stromer erzielt werden.

Triebfeder Umweltbonus
Die Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland entwickelten sich seit 2020, seit Einführung der Innovationsprämie, dynamisch. Die aktuellen Lieferprobleme und die Unsicherheit über das neue Design des Förderprogramms könnten die Erfolgsgeschichte jedoch schon bald beenden.  Grafik: VDIK
Triebfeder Umweltbonus
Die Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland entwickelten sich seit 2020, seit Einführung der Innovationsprämie, dynamisch. Die aktuellen Lieferprobleme und die Unsicherheit über das neue Design des Förderprogramms könnten die Erfolgsgeschichte jedoch schon bald beenden. Grafik: VDIK

Die immer länger werdenden Lieferzeiten aber werfen nun ein neues Problem auf: Wer bestellt noch ein Elektroauto, wenn sich nicht absehen lässt, wann das Auto kommt – und wie die Förderung im kommenden Jahr ausfällt? Denn beantragt werden kann die Innovationsprämie beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) erst, nachdem das Fahrzeug bereits zugelassen ist.

Antrag auf Umweltbonus schon bei Bestellung

„Wegen der langen Lieferzeit kann es sein, dass das Fahrzeug zum Zeitpunkt der Auslieferung an Sie die dann geltenden Voraussetzungen für den Umweltbonus oder anderer Förderungen nicht mehr erfüllt oder dass zu diesem Zeitpunkt keine Förderung für das Fahrzeug mehr gewährt wird. Denn ein Antrag auf Förderung kann derzeit erst nach Zulassung des Fahrzeugs, mithin nach der Auslieferung dazu an Sie, gestellt werden“, heißt es dazu vorsorglich auf der Website von Volkswagen. Im Klartext: Bestellungen werden noch entgegengenommen. Aber wann das Auto geliefert wird und was das Fahrzeug unter dem Strich kostet, lässt sich noch nicht absehen.

Reinhard Zirpel, Präsident des Verbandes Internationaler Kraftfahrzeughersteller (VDIK), sorgt sich, dass diese Unklarheiten und Unsicherheiten auf das Kaufverhalten und damit spürbar auf den Pkw-Markt auswirken werden. „Die Bundesregierung sollte deshalb rasch über die künftigen Rahmenbedingungen entscheiden und damit Planungssicherheit schaffen.“ Unter anderem dadurch, dass zukünftig wieder das Datum des Kaufvertrags gilt – und nicht mehr das Datum der Zulassung über die Gewährung des Umweltbonus entscheidet. Der Forderung schließt sich auch VDA-Geschäftsführer Damasky an.

Stromer nur im Paket mit Verbrennern

Das wäre auch im Sinne von Wolf Warncke, Vertragshändler von VW, Audi und Skoda aus Tarmstedt bei Bremen. Elektroautos sind sein Steckenpferd, in den vergangenen Jahren zählte er zu den Wegbereitern der Antriebswende nicht nur in der Vertriebsorganisation des VW-Konzerns. Derzeit hängt er allerdings in den Seilen. Denn die große Nachfrage nach Elektroautos kann er derzeit kaum bedienen. Gerade einmal vier Fahrzeuge des Typs VW e-Up wurden ihm für dieses Jahr zugesagt, dazu fünf ID.3 und sechs ID.4. Mehr sei nicht drin, teilte ihm der zuständige Bezirksleiter im VW-Vertrieb mit. Allerdings hatte der noch ein Lockvogelangebot parat: Wenn Warncke drei Autos mit konventionellem Antrieb ordere – VW Golf, Passat oder Arteon – ließe sich im Fundus vielleicht noch ein weiterer e-Up finden.

Nicht nur für die Autohändler, sondern auch für Autokäufer sind das keine guten Perspektiven. Was also tun? Darauf hoffen, dass der Umweltbonus auch 2023 in bisheriger Höhe gezahlt wird – und mit der Bestellung des neuen Autos noch ruhig warten?

Bestellung möglichst noch bis zum Sommer

Besser nicht, warnt Markus Siebrecht, der neue Chef von Renault Deutschland. Beim neuen Renault Mégane E-Tech sei man „jetzt schon im dritten Quartal, was die Lieferzeit anbetrifft. Und tendenziell eher schon am Ende des dritten Quartals.“ Und wer sicher sein wolle, den Umweltbonus für ein neues Elektroauto noch in voller Höhe einstreichen zu können, sollte das Fahrzeug spätestens Ende Juni geordert haben – dass der Wirtschaftsminister solche Besteller im Regen stehen lasse, hält der Automanager für wenig wahrscheinlich.

Aber zunächst müssen Autoindustrie und Politik an einem Tisch zusammen finden. Was alles andere als einfach ist: Im Bundeswirtschaftsministerium hat Habeck bis auf die Abteilungsleiter-Ebene alle Führungspositionen neu besetzt.

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1 Kommentar

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    Der Umweltbonus sollte den Markt anschieben. Das hat er wohl so erfolgreich gemacht, dass die Hersteller gar nicht so schnell und viel liefern können, wie der Markt gerne hätte. Damit ist das Ziel des Markhochlaufs übererreicht. Den Bonus dann noch weiter zu zahlen ist nicht zielführend – das sind schließlich die Steuern von ALLEN Bürgern. Auch die, die komplett aufs Auto – und nicht nur auf den Verbrenner – verzichtet haben.
    Der Spritpreis muss nur dauerhaft (im Zweifel über Steuern) über zwei Euro pro Liter gehalten werden, dann sinkt auch die E-Auto-Quote nicht mehr.

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