Mal ehrlich: Für viele Jobs in Warenlagern sind Menschen nicht geschaffen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, herauszufinden, was eigentlich so aktuell in den Regalen liegt. Sie verzählen sich, verheben sich an schweren Kisten und ermüden schnell wegen der eintönigen Arbeit. Außerdem leben sie gefährlich, vor allem wenn sie an über zehn Meter hohen Regalen Waren erfassen.

Kein Wunder, dass sich Logistikfirmen schwer tun, Mitarbeiter für diese Jobs zu finden. Geht es nach Benjamin Federmann und seinen Mitgründern von doks.innovation, könnten die Zustände in solchen Warenlagern demnächst menschenfreundlicher werden – dank einer von ihnen entwickelten Kollegin mit außergewöhnlichen Fähigkeiten: Sie fliegt an den Hochregallagern die Warenbestände ab, zählt in wenigen Minuten fehlerfrei Produkte auf tausenden Quadratmetern Fläche und schlägt gleich vor, wie die Regale noch besser zu nutzen und effizienter zu bestücken wären. Genau gesagt handelt es sich bei der neuen Kollegin um eine Drohne.

Lagerbestände werden automatisch erfasst

„Einfach ausgedrückt funktioniert die Technologie wie ein fliegendes Stativ für unsere Sensorik“, erklärt Benjamin Federmann, der CEO des Jungunternehmens Doks.Innovation aus Kassel. Es entstand 2017 aus einer Kooperation des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML und der Universität Dortmund: Gemeinsam arbeitete man damals im Rahmen des Forschungsprojekts „inventAIRy“ und mit Förderung durch das Bundeswirtschaftsministeriums an einer automatisierten Erfassung von Lagerbeständen mit Hilfe von Drohnen, in Echtzeit und mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz. Seit 2018 haben sich die Entwickler selbständig gemacht und in Kassel Quartier bezogen.

Fliegendes Auge
Ein Roboter am Boden lotst die kleine DJI-Drohne durch das Hochregallager, liest die Daten aus und
versorgt den Flieger über ein Kabel obendrein mit Strom. Foto: doks.innovation

Inzwischen haben die Entwickler Benjamin Federmann, Martin Lang, Mike Becker ihr System weiter entwickelt und optimiert. So schweben die kleinen, vierrotorigen und mit Mini-Scheinwerfer versehen Modelle des chinesischen Herstellers DJI von Regalplatz zu Regalplatz, lichten jeden einzelnen ab, identifizieren per Kamera die Labels der Waren und werten sie mit Hilfe eines Roboters am Boden aus, mit der die Drohne per Kabel verbunden ist. Aber die Drohnen lesen nicht nur Codes, sie schauen – mit Hilfe künstlicher Intelligenz – ganz genau hin und melden zum Beispiel über die Bodenstation an einen Zentralrechner, wenn eine Palette beschädigt ist oder sich eine Verpackung löst.

Zehn Prozent Kostensenkung

Bis zu fünf Stunden lang kann das Gespann so durch die Gänge wieseln – dann muss die Bodenstation an die Steckdose um seine Antriebsbatterien wieder aufzufüllen. Inventuren sind nicht nur deutlich schneller durchgeführt – und dazu zu 10 Prozent der Kosten, die normalerweise anfallen. Die Argumente haben den international agierenden Logistik-Konzern Ceva dazu ermuntert, das System in diesen Tagen in einem Hochregellager in den Niederlanden zu testen.

Der Beitrag erschien zuerst im Magazin
INNOVATOR by The Red Bulletin. Für EDISON wurde er ausgebaut.

Aber bedeutet der Einsatz solch einer fliegenden Kollegin in Wahrheit nicht, dass viele Kollegen aus Fleisch und Blut ihre Arbeit verlieren? „Eine Maschine kann niemals einen Menschen ersetzen – auch unsere Drohnen nicht“, sagt doks.innovation-Co-Gründer Federmann. Sein Gedanke dahinter: Die Drohnen befreien die Mitarbeiter von den riskanten Jobs an den mehrstöckigen Regalen und ermöglichen ihnen dafür neue, angenehmere Aufgaben – etwa bei der Einordnung der von ihnen gelieferten Daten. Aber auch wer nicht im Lager arbeitet, profitiert: Dank der Erhebung der schlauen Daten mit Hilfe einer Vielzahl intelligenter Algorithmen die Lager optimal ausgelastet. Die Produktivität steigt, was Arbeitsplätze sichert.

Und nicht nur das. Es steigen auch die Chancen, dass etwa ein online bestellter Rasenmäher schon wenige Tage nach Eingang der Bestellung vor der Haustür steht.

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