Lucid jongliert gekonnt mit Zahlen. Fast jeder Wert lässt einem geradezu betäubt den Mund offenstehen. 920 kW oder 1251 PS, über 330 km/h Spitzengeschwindigkeit oder ein maximales Drehmoment von 1.940 Newtonmeter: Jeder einzelne Wert ist spektakulär, beeindruckend, ja atemberaubend. Auch wenn der Lucid Air bereits seit einiger Zeit auf dem Markt ist, fällt er im Straßenverkehr auf wie ein rosa Elefant. Selbst in seinem Heimatland Kalifornien.

An einem Air schaut man nicht vorbei und mit dem Ufo-Design wirkt er gewaltiger denn je, obschon er mit einer Länge von 4,98 Metern kürzer ist als der neue BMW i5. So dauert es nicht lange, bis auf dem Parkplatz nördlich des Küstenstädtchens Marina de Rey ein interessierter Zuschauer anrückt. Überraschung: Der vermeintliche Interessent fährt einen Lucid Air GT. „Und, wie fährt er sich? Lohnt der Sapphire?“, lächelt der sportliche Typ mit der Basecap hinter der herunterfahrenden Seitenscheibe. Augenscheinlich ein Kenner, denn so einfach lässt sich der brandheiße Lucid Air Sapphire, der jetzt auf dem Genfer Autosalon auch Kunden in Europa schmackhaft gemacht werden soll, von seinen alles andere als schwächlichen Brüdern nicht unterscheiden.

Viertüriger Rennwagen 
Bis zu 330 km/h schnell ist das 1251 PS starke Spitzenmodell des Lucid Air. Erleben lassen sich die nur auf der Rennstrecke - oder in kundiger Hand aktuell noch auf deutschen Autobahnen.
Viertüriger Rennwagen
Bis zu 330 km/h schnell ist das 1251 PS starke Spitzenmodell des Lucid Air. Erleben lassen sich die nur auf der Rennstrecke – oder in kundiger Hand aktuell noch auf deutschen Autobahnen.

Okay, Spoiler, Schweller und Karosseriedetails sind hier in Echtkarbon ausgeführt. Wirklich auffällig ist das vermeintliche Tuningpaket des Topmodells schon aufgrund der dunkelblauen Metallicfarbe jedoch nicht. „Mir reicht die GT-Version hier mit den 830 PS“, entgegnet der Kenner, als er seinen Wagen zurücksetzt. „Schneller ist eh kaum einer.“

In 1,89 Sekunden auf Tempo 100

Da hat der Lucid-Fan recht, denn bereits der Air Grand Touring spurtet auf Wunsch brachial los. 0 auf Tempo 100 in drei Sekunden, 270 km/h Spitze – Wünsche bleiben da für rund die stattlichen 130.000 Euro eigentlich keine übrig. Doch einige Kunden wollen eben immer das Beste. Vor allem keine Ausreden, wenn Tesla mit seinem Model S Plaid glänzt oder Porsche seinen Super-Taycan ankündigt. Und wer die Kirsche auf der Sahne will, der hat mit dem Lucid Air Sapphire nun seinen Traumwagen gefunden.

Bärenstark 
Wirklich auffällig ist das Topmodells des Lucid Air schon aufgrund der dunkelblauen Metallic-Lackierung. Verräterisch sind nur die Spezialfelgen, allerlei Karbonteile sowie der stilisierte Bär auf dem vorderen Kotflügel.
Bärenstark
Wirklich auffällig ist das Topmodells des Lucid Air schon aufgrund der dunkelblauen Metallic-Lackierung. Verräterisch sind nur die 20Zoll großen Spezialfelgen, allerlei Karbonteile sowie der stilisierte Bär auf dem vorderen Kotflügel.

Das Topmodell holt aus seinen drei Elektromotoren unfassbare 920 kW und jene 1.940 Nm, deren Gewalt man sich nur dann annährend vorstellen kann, wenn man es einmal ausprobiert hat. Eine leere Straße, natürlich abgesperrt und weit abseits aller Verkehrsregeln. Dann ein Tritt aufs Fahrpedal – und es entgleisen nicht nur die Gesichtszüge. Unfassbar. Also auf die kaum weniger beeindruckende Bremse getreten und dann das Ganze nochmals: Von 0 auf 100 in 1,89 Sekunden. Irre.

Geschwindigkeitsrausch für 250.000 Euro

So etwas klappt nur mit einem kW-starken Elektroauto. Oder einem PS-starken Supersportwagen. Dieser hier wiegt allerdings fast 2,5 Tonnen, hat vier Türen und bietet jede Menge Platz für Kind und Kegel. Der Lucid Air ist eine Luxuslimousine mit allem, was dazu gehört. Klimatisierte Sessel vorne wie hinten, natürlich Platz im Überfluss und alles elektrisch verstellbar – das ist in dieser Liga nichts Ungewöhnliches. Es ist das Design, das den Unterschied macht. Und der Antrieb, der einem dann vollkommen den Atem raubt.

Taycan
Porsche-like
Die Instrumententafel des Lucid Air Sapphiere erinnern abgesehen vom fehlenden Head-Up-Display an den Porsche Taycan.

Das alles hat seinen Preis. Exakt: 250.000 Euro. Eine teurere Serienlimousine ist aktuell nicht zu bekommen. Nach dem jüngst vollzogenen Marktstart in den USA kommt der stärkste Lucid Air im dritten Quartal des Jahres auch nach Europa und soll insbesondere in Deutschland glänzen. Denn dort kann die Höchstgeschwindigkeit 330 km/h noch ausprobiert werden, zumindest streckenweise.

Platz in Hülle und Fülle

Die Instrumententafel des Lucid Air Sapphiere erinnert – abgesehen vom fehlenden Head-Up-Display – an den Porsche Taycan. Die in einer 34 Zoll großen Horizontalsichel angeordneten Runduhren sehen beinahe so klasse aus wie das Hochkant-Touch-Display in der Mittelkonsole, das sich auf Berührung an der unteren Kante in den unsichtbaren Raum verabschiedet und große Ablagen darunter freigibt. Schick und allemal praktisch gelöst. Der Rest der Funktionen läuft per Sprache oder Drehregler am reduzierten Lenkrad.

Das Platzangebot ist vorne wie hinten gut. Anders sieht es für die Föhnwelle aus, denn die Kopffreiheit ist aufgrund der niedrigen Dachlinie und des Batteriepakets im Unterboden überschaubar. Der hintere Kofferraum ist aufgrund der flachen Bauweise knapp 650 Liter groß. Imposant und ebenfalls elektrisch zu bedienen, präsentiert sich jedoch der Frunk unter der vorderen Haube mit weiteren 280 Litern.

Kommandostand 
Das Platzangebot ist im Lucid Air vorne wie hinten gut. Auf der Rücksitzbank leidet die Kopffreiheit allerdings ein wenig aufgrund der niedrigen Dachlinie und dem Platzbedarf des Batteriepakets im Unterboden. Fotos: Lucid
Kommandostand
Das Platzangebot ist im Lucid Air vorne wie hinten gut. Auf der Rücksitzbank leidet die Kopffreiheit allerdings ein wenig aufgrund der niedrigen Dachlinie und dem Platzbedarf des Batteriepakets im Unterboden. Fotos: Lucid

Im Alltagsbetrieb ist der Sapphire ein ganz normaler Lucid Air. Vielleicht einen Hauch straffer, was an den sehenswerten 20-Zöllern liegt, auf die 265er Hochgeschwindigkeitsreifen aufgezogen sind. Mit dem Radsatz lässt sich der komfortabel-sportlich abgestimmte Amerikaner mehr als flott bewegen. Wird die Straße rutschig, kommt das Heck aufgrund der gewaltigen Leistung aus den beiden hinteren Motoren flott und willig. Die Lenkung könnte straffer sein, mehr Rückmeldung bieten und so auch für mehr Vertrauen im Grenzbereich sorgen. Daran hapert es beim Fahrwerk selbst und den bissigen Bremsen nicht.

900-Volt-Architektur für ultraschnelles Laden

Ob der Fahrer des Lucid Air Sapphire das alles abseits der unfassbaren Beschleunigungen herausfährt, darf bezweifelt werden. Insbesondere im Sonnenstaat Kalifornien, wo viele wohl eher interessieren wird, dass das 113-kWh-Akkupaket Reichweiten von 620 Kilometern ohne Ladepause ermöglicht. Und mit seiner 900-Volt-Architektur dauert es auch nur weniger als 20 Minuten, ehe die nächste Etappe in Angriff genommen werden kann. Selbst in der Disziplin setzt der Sapphire Bestmarken gegen die Konkurrenz von Tesla, BMW und Mercedes EQS. Ebenso wie beim Normverbrauch, der mit 16 kWh/100 km angegeben ist.

Letztlich bleibt die Frage: Muss es nun ein Sapphire sein? Die Antwort ist ein klares Nein. Die Fahrleistungen, die der Lucid Air Sapphire bietet, liegen weit jenseits des im Straßenverkehr Erlaubten. Okay, wer will, kann gerne hierzulande auf der Autobahn schon einmal kurz auf Tempo 330 beschleunigen, um Fahrer eines Porsche 911 Turbo zum Weinen bringen. Doch im Kern ist der Sapphire auch nicht mehr als die Basisversion des Lucid Air. Nämlich eine extrem beeindruckende und sehr exklusive Luxuslimousine für extrovertierte Menschen, denen die Konkurrenz zu langweilig ist. Und wer nicht permanent auf den Putz hauen will, dürfte schon mit einem Lucid Air Pure viel Spaß haben. Mit 325 kW und einer maximalen Reichweite von fast 750 Kilometern.

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