Gerade mal drei Monate steht Luca de Meo, 53, an der Spitze von Renault – nach elf Jahren im Volkswagen-Konzern und nach Stationen bei Toyota und Fiat. Und er fühlt sich dort schon so stark, um, wie er es formuliert, gleich mal eine „Renaulution“ auszurufen: Die komplette Ausrichtung des französischen Autoherstellers auf das Zeitalter der elektrischen Mobilität.

Mit Zoe und Twizym, mit dem Kangoo und Master Z.E. hat Renault in den zurückliegenden neun Jahren schon einige Erfahrungen mit dem emissionsfreien Antrieb gesammelt und auch große Verkaufserfolge eingefahren. Aber nun zündet de Meo die nächste Stufe: Gestern startete er in Paris offizell das Programm „eWays“, das Renault bis 2050 zum komplett klimaneutralen Autohersteller machen soll – mit einem Modellprogramm, das schon im Jahr 2025 zur Hälfte aus Elektroautos bestehen soll.

Mit dem kompakten Crossover Megane E sowie dem kleinen City-SUV Dacia Spring sollen schon im kommenden Jahr zwei weitere batterieelektrische Autos neu auf den Markt kommen. Und das, so tönte de Meo, sei erst der Anfang: „Dank unserer komplett neuen Plattform CMF-EV haben wir die vorherrschenden Regeln zu Größe, Nutzung, Design und Energieeffizienz hinter uns gelassen“.

So soll der 4,20 Meter lange und rund 1650 Kilo schwere Megane E, ab Herbst kommenden Jahres nicht weniger als „neue Maßstäbe in Sachen Antriebs-, Batterie- und Ladetechnik setzen“. Mit einem komplett neuen, 160 kW (217 PS) starken Asynchron-Elektromotor an der Vorderachse mit 300 Newtonmeter Drehmoment. Tempo 100 soll damit nach nur acht Sekunden erreicht sein.

Goldene Zukunft
Zumindest das Dach des seriennahen Konzeptfahrzeugs Renault Megane Evision glänzt bereits in Goldfarbe. Renault-Chef Luca de Meo muss nun auch die Bilanz dahin trimmen.

Glänzen soll der neue Megane E aber auch mit einem neuen wassergekühlten und besonders platzsparenden Akkupaket von nur elf Zentimetern Höhe, das aus Sicherheitsgründen fest in die Karosseriestruktur integriert ist. In der Fahrzeugstudie steckt eine Version mit einer Speicherkapazität von nur 60 Kilowattstunden (kWh) für rund 450 Kilometer Reichweite nach der Verbrauchsnorm WLTP. Bei konstant Tempo 130 auf der Autobahn sollen immerhin noch 300 Kilometer ohne Ladepause zurückgelegt werden können.

Vorgesehen sind für die neue Plattform aber auch Akku-Pakete mit 40 und 86 kWh für kürzere wie längere Reichweiten. Zugeliefert werden die Zellen, die sich durch eine hohe Energiedichte auszeichnen sollen, vom südkoreanischen Hersteller LG Chem. An einer Schnellladesäule kann der Akkupack mit bis zu 130 kW Gleichstrom aufnehmen. In 20 Minuten soll so ausreichend Energie für eine Strecke von 200 Kilometern aufgenommen werden können.

Heizen durch Wärme-Rückgewinnung

Über 300 Patente stecken laut de Meo in der neuen Plattform namens CMF -EV, die Renault zusammen mit Nissan und Mitsubishi entwickelt hat. Einige davon stecken im Temperaturmanagement-System, das für die Batterie entwickelt wurde, andere in einem pfiffigen System zur Energie-Rückgewinnung. Dieses soll überschüssige Wärme dazu nutzen, im Winter den Fahrgastraum zu beheizen, ohne den Akku zu belasten. Auf Testfahrten über mehr als drei Millionen Kilometer in Frankreich und Japan soll sich das neue Antriebssystem in den zurückliegenden Monaten bereits bewährt haben.

Elektrisierender Frühling
Den kleinen Dacia Spring Electric will Renault zunächst in Paris und Madrid im Car-Sharing einsetzen. Zu welchem Preis der elektrische City-SUV ab Herbst 2021 an Privatkunden verkauft wird, bleibt vorerst noch ein Geheimnis. Bild: Renault
Die Zoe war im ersten Halbjahr das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland. Das soll so bleiben, auch wenn die E-Mobilität nun ihre Nische verlässt. Doch dafür muss sich der ganze Konzern neu ausrichten. Und entdeckt nebenbei ganz neue Geschäftschancen. E-Mobilität

Das gilt erst recht für den anderen neuen Stromer, den kleinen Dacia Spring Electric. Denn das für ursprünglich nur für Kunden in Asien konzipierte Modell ist in China bereits auf dem Markt. Angeboten wird es es dort seit vergangenem Jahr unter dem Namen Renault K-ZE – zu einem sensationellen Preis von umgerechnet 7900 Euro. Doch nun sieht Renault für das 3,73 Meter kleine E-Mobil auch Chancen in Europa – unter der Submarke Dacia. Aber wegen der hier gültigen Sicherheitsstandards und Komfortwünsche der Kunden zu einem deutlich höheren Preis.

Über den konkreten Verkaufspreis hier mochte sich Marketingchef Denis le Vot zwar noch nicht auslassen. Nur so viel verriet er: Der Preis wird „unschlagbar günstig“ sein. Was immer das bedeutet.

Aber zunächst wird der von einem Elektromotor mit 33 kW (45 PS) Leistung angetriebene Zwerg-Stromer im Car-Sharing-Dienst „Zity“ in Paris und Madrid eingesetzt. Erst ab Herbst 2021 wird er Privatkunden zum Kauf angeboten – bis dahin ist noch jede Menge Zeit für die Kalkulation des Verkaufspreise. Auch eine zweisitzige Cargo-Version des Spring Electric für Lieferdienste in der Stadt ist in Vorbereitung.

Für Fernstrecken ist der Dacia Spring hingegen eher nicht geeignet: Der Akku kann nur 26,8 Kilowattstunden speichern. Damit soll er im Stadtverkehr immerhin bis zu 225 Kilometer weit kommen.

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