Während in Europa die einstigen Senkrechtstarter-Pioniere um ihr Überleben kämpfen oder bereits gescheitert sind, schafft China in der Logistik längst handfeste Fakten. Das Luftfahrtunternehmen AutoFlight hat nun erstmals 400 Kilogramm frischen Frühlingstee mit einer vollautonomen Zwei-Tonnen-Drohne über das unwegsame Bergland von Guizhou transportiert. Ein Projekt, das wie eine Blaupause für die neue Mobilität wirkt und deutlich macht: Der kommerzielle Durchbruch der eVTOL-Technologie (Electric Vertical Takeoff and Landing) gelingt aktuell durch Fracht, nicht durch Passagiere.
Das „eVTOL + High-Speed Rail“-Modell
Der Use-Case in Westchina klingt wie aus dem Lehrbuch für moderne Logistik. Die rein elektrische und unbemannte Transportdrohne CarryAll (V2000CG) von AutoFlight legte die rund 120 Kilometer lange Route zwischen den Städten Anshun und Guiyang in lediglich 37 Minuten zurück. Auf den kurvigen Bergstraßen der Region wäre für Lkw ein Vielfaches dieser Zeit angefallen.
Doch der autonome Drohnenflug war nur der erste Knotenpunkt eines neuartigen Logistiknetzwerks. Nach der Landung in Guiyang übernahm ein Logistikunternehmen die Fracht und transportierte den Tee per Hochgeschwindigkeitszug über eine Distanz von knapp 2.000 Kilometern bis an die Ostküste nach Shanghai. Durch dieses kombinierte „eVTOL + High-Speed Rail“-Modell erreichte die Ernte die Konsumenten in der Millionenmetropole noch am selben Tag innerhalb von 24 Stunden. Die verkürzte Transitzeit bewahrt dabei vor allem das empfindliche Aroma und die Frische des Premium-Tees.

Angetrieben wird die Transportdrohne von 13 Elektromotoren. Zehn sind für Start und Landung nötig, drei für den Horizontalflug.
„Dieses innovative Modell durchbricht logistische Engpässe in hochgelegenen Bergregionen“, erklärt Li Yun, CCO bei AutoFlight. Zukünftig wolle man diesen effizienten und grünen Logistikansatz gemeinsam mit Partnern auf weitere landwirtschaftliche Spezialitäten ausweiten, um ländliche Regionen wirtschaftlich zu stärken.
Die Technik hinter der „CarryAll“
Dass AutoFlight solche Transporte stemmen kann, liegt an der konsequenten Zulassungsstrategie. Die „CarryAll“ ist laut Herstellerangaben weltweit das erste eVTOL-Fluggerät in der 2-Tonnen-Klasse, das die vollständige Zertifizierung (Type, Production und Airworthiness Certificate) der chinesischen Zivilluftfahrtbehörde CAAC erhalten hat.
Die Leistungsdaten des von 13 Elektromotoren (10 für Start und Landung, drei für den Horizontalflug) angetriebenen Senkrechtstarters unterstreichen das Potenzial für die Logistik der Zukunft:
- Maximale Nutzlast: 400 Kilogramm.
- Reichweite: Ein 160 kWh großer Lithium-Ionen-Akku trägt die CarryAll bis zu 200 Kilometer weit.
- Reisegeschwindigkeit: Rund 180 km/h.
- Infrastruktur: Start und Landung erfolgen vertikal, es wird keine klassische Startbahn benötigt.
- Sicherheit & Umwelt: Der Betrieb erfolgt vollautonom ohne Piloten an Bord, emissionsfrei und bei nur geringer Lärmbelastung
Neben Agrartransporten wird die Maschine bereits in anderen Realszenarien getestet, darunter bei der Belieferung von Offshore-Ölplattformen sowie in der Brandbekämpfung. Gleichzeitig arbeitet AutoFlight auch an Passagierdrohnen: Das Sechs-Sitzer-Modell „Prosperity“ (V2000EM) durchläuft derzeit die vierte Phase der Lufttüchtigkeitsprüfung bei der CAAC.
Der Blick nach Europa: Ein Drei-Milliarden-Euro-Kater
Der Erfolg von AutoFlight, einem Unternehmen, das ursprünglich mit einem dualen Hauptsitz im bayerischen Augsburg und in Shanghai an den Start ging, steht im scharfen Kontrast zur Entwicklung in Europa. Hier fokussierte man sich von Beginn an primär auf das margenstarke, aber regulatorisch extrem anspruchsvolle Segment der Passagierflüge („Lufttaxis“). Die Bilanz aus europäischer Sicht ist im Frühjahr 2026 ernüchternd: In Europa wurden mehr als drei Milliarden Euro für eVTOL-Prototypen ausgegeben, ohne dass jemals ein zahlender Fluggast transportiert wurde.

Entwickelt wurde die Transportdrohne „CallyAll“ von Ingenieuren aus Bayern, zum Einsatz kommt sie nun in China. Fotos: AutoFlight
Der einstige Hoffnungsträger Lilium, der über 1,5 Milliarden Euro an Kapital eingesammelt hatte, ist mittlerweile komplett geschlossen worden. Der Bruchsaler Pionier Volocopter konnte nur knapp überleben und steht mittlerweile unter chinesischer Kontrolle. Die Ausnahmen im europäischen Markt bilden aktuell vor allem kleinere Anbieter wie die deutsche Wingcopter GmbH. Das Unternehmen konzentrierte sich jedoch früh auf ein anderes Segment und baut klassische Lieferdrohnen für Last-Mile-Delivery, die Nutzlasten von etwa fünf bis sechs Kilogramm (wie beim Modell Wingcopter 198) transportieren.
Pragmatismus schlägt Vision
Der Teetransport von AutoFlight in Guizhou zeigt unmissverständlich, dass Pragmatismus bei der neuen Mobilität die Vision schlägt. Die Strategie, unbemannte Cargo-Drohnen zur Marktreife zu bringen und damit handfeste Use-Cases zu bedienen, erweist sich als wirtschaftlich robuster. Während der Traum vom Lufttaxi in Europa vorerst hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet ist, hat die Zukunft der autonomen Luftlogistik in den Bergen Chinas bereits Flughöhe erreicht.