Für Volvo ist der EX60 weit mehr als nur ein neues Modell. Er soll den schwedischen Hersteller zurück auf Wachstumskurs bringen – und schließt die Lücke im wichtigsten Elektrosegment des deutschen Marktes. Bislang fehlte den Schweden ein rein batterieelektrisches Modell in der Klasse der D-SUV. Der seit Jahren erfolgreiche XC60 war lediglich als Verbrenner oder Plug-in-Hybrid erhältlich.
„Der neue EX60 macht für uns die Elektrofamilie erst komplett. Das war das letzte Auto, das uns fehlte in dem für Deutschland sehr wichtigen Segment der D-SUV“, sagt Volvo-Deutschlandchef Herrik van der Gaag. „Für bestimmte Flotten, die nur noch reine Elektroautos bestellen, war Volvo bisher nicht attraktiv. Jetzt ist unsere Elektrofamilie mit dem EX30, EX40, EX60 und EX90 komplett.“

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Im ersten Halbjahr musste Volvo in Deutschland einen Absatzrückgang von 18 Prozent hinnehmen. Mit dem EX60 soll die Wende gelingen. Das Ziel ist ehrgeizig: Der Marktanteil soll von derzeit 1,8 auf rund zwei Prozent steigen. Rückenwind kommt aus dem Markt. Nach Angaben von van der Gaag haben inzwischen 80 bis 90 Prozent der Bestellungen einen Stecker, also einen Batterie- oder Plug-in-Hybridantrieb. „Nur noch zehn bis zwanzig Prozent sind reine Verbrenner“, sagt er.
Ein Volvo durch und durch
Wer den EX60 fährt, merkt schnell, dass Volvo seine traditionellen Tugenden nicht über Bord geworfen hat. Im Gegenteil. Der Elektro-SUV ist ein Volvo durch und durch. Schon nach den ersten Kilometern fällt auf, wie außergewöhnlich leise der Wagen unterwegs ist. Wind- und Abrollgeräusche dringen kaum in den Innenraum. Das serienmäßige Premium-Audiosystem kann zwar sogar aktiv Geräusche unterdrücken – notwendig wäre das allerdings kaum.
Das Fahrwerk ist konsequent auf Komfort ausgelegt. Unebenheiten werden souverän weggefiltert, der Wagen gleitet gelassen über schlechte Straßen. Sportliche Ambitionen stellt der EX60 nicht in den Vordergrund. Dafür überzeugt er mit hoher Langstreckentauglichkeit, entspannter Lenkung und einer Souveränität, die hervorragend zum Charakter der Marke passt.

Auch das Platzangebot gehört zu den Stärken. Weil der Elektroantrieb keinen Mitteltunnel benötigt, wirkt der Innenraum ungewöhnlich großzügig. Fahrer und Beifahrer sitzen luftig, im Fond profitieren auch Erwachsene von reichlich Beinfreiheit.
Laden mit bis zu 370 kW
Obwohl Volvo seit Jahren zum chinesischen Geely-Konzern gehört, wird die Marke in Europa weiterhin als schwedischer Hersteller wahrgenommen. Genau dieses Image ist einer der größten Wettbewerbsvorteile. „Volvo wird nach wie vor als schwedisches Auto gesehen. Der EX60 ist ein gutes Beispiel: entwickelt und produziert in Göteborg“, betont van der Gaag. Volvo investiere zudem weiter in seine europäischen Werke in Torslanda, Gent und künftig auch im slowakischen Košice. Ziel sei es, dort zu produzieren, wo die Fahrzeuge verkauft werden.
Gerade in einer Zeit, in der neue chinesische Marken wie Zeekr oder Lynk & Co. ihr Markenimage erst aufbauen müssen, profitiert Volvo von seinem Ruf als Hersteller sicherer, hochwertiger und familienfreundlicher Automobile.

Technisch gehört der EX60 zur neuen Generation der Elektroautos. Er basiert auf einer 800-Volt-Architektur und erreicht an geeigneten Schnellladesäulen bis zu 370 kW Ladeleistung. Damit soll sich die Batterie in lediglich 16 Minuten von zehn auf 80 Prozent laden lassen.
Reichweite von bis zu 810 Kilometer
Für van der Gaag ist ohnehin nicht die theoretische Reichweite entscheidend: „Am Ende des Tages geht es mehr darum, wie schnell ich meine letzten hundert oder zweihundert Kilometer nachladen kann – und nicht nur um die Reichweite.“ Zusätzlich beherrscht der EX60 bidirektionales Laden mit bis zu 22 kW.
Dass der EX60 Reichweiten von bis zu 810 Kilometern nach WLTP erreicht, liegt nicht allein an den großen Batterien. Die Entwickler haben jedes Detail auf Effizienz optimiert. „Wing-Grip“-Türgriffe, die wie kleine Flügel aussehen, reduzieren den Luftwiderstand so stark, dass sie nach Volvo-Angaben rund zehn Kilometer zusätzliche Reichweite ermöglichen. Kleine Luftleitbleche vor den Vorderrädern verbessern die Aerodynamik weiter. Mit einem cW-Wert von 0,26 gehört der EX60 zu den strömungsgünstigsten Fahrzeugen seiner Klasse.

Bei einer ersten Testfahrt pendelte sich der Verbrauch im Stadtverkehr bei lediglich 16 kWh pro 100 Kilometer ein – ein bemerkenswert niedriger Wert für ein Fahrzeug dieser Größe.
Auch elektronisch schlägt Volvo ein neues Kapitel auf: Die Softwarearchitektur basiert auf einer gemeinsam mit NVIDIA entwickelten Hochleistungsplattform. Anstelle zahlreicher einzelner Steuergeräte übernehmen zentrale Rechner die Kontrolle über nahezu sämtliche Fahrzeugfunktionen. Software-Updates kommen künftig „over the air“.
Akku-Kapazitäten zwischen 83 und 117 kWh
Als erster Volvo integriert der EX60 außerdem Google Gemini. Die neue KI soll Sprachsteuerung und Fahrzeugbedienung deutlich natürlicher machen als bisher. Als Schlüssel fungiert das eigene Smartphone mit entsprechender App. Im Cockpit dominieren ein 15-Zoll-Zentraldisplay und ein 11-Zoll-Fahrerdisplay. Das ungewöhnlich kleine, oben und unten abgeflachte Lenkrad erleichtert zwar den Blick auf die Instrumente, wirkt zunächst jedoch etwas gewöhnungsbedürftig.
Auch unter dem Blech setzt Volvo auf moderne Fertigungstechnologien. Erstmals verwendet der Hersteller im Rohbau sogenanntes Mega-Casting. Dabei wird ein großer Teil der hinteren Karosseriestruktur als einziges Aluminiumbauteil gegossen – ein Verfahren, das Tesla zuerst eingeführt hat. Das spart Gewicht, erhöht die Steifigkeit und reduziert Produktionskosten.

Hinzu kommt eine Cell-to-Body-Konstruktion, bei der der Akku als tragendes Strukturelement dient. Allein dadurch sinkt das Fahrzeuggewicht um weitere rund 70 Kilogramm. Die Lithium-Mangan-Chemie der Batterien bringt laut Volvo gegenüber vergleichbaren LFP-Akkus einen Gewichtsvorteil von bis zu 150 Kilogramm. Angeboten werden drei Batteriegrößen mit 83, 95 und 117 kWh. Je nach Version leisten die Elektromotoren 275, 375 oder 500 kW.
Die Preise beginnen bei knapp 63.000 Euro
Der EX60 eignet sich auch als Zugfahrzeug. Je nach Modell dürfen zwei bis 2,4 Tonnen an den Haken. Damit zählt der Volvo zu den stärkeren Zugfahrzeugen unter den Elektroautos. Die Preise beginnen bei 62.990 Euro und reichen bis 78.790 Euro.
Der EX60 dürfte für Volvo zu einem der wichtigsten Modelle der kommenden Jahre werden. Er besetzt endlich das Segment, in dem viele Familien und Dienstwagenfahrer unterwegs sind, verbindet die klassischen Markenwerte mit modernster Elektrotechnik und lädt in einer Geschwindigkeit, die Reichweitenangst zunehmend zur Nebensache macht.
Vor allem aber bleibt der EX60 das, was Kunden seit Jahrzehnten mit Volvo verbinden: ein komfortabler, hochwertiger, sicherer und ausgesprochen entspannter Reisebegleiter – jetzt eben elektrisch.