So etwas erleben selbst die Chinesen noch nicht alle Tage: Schon seit über einer Stunde surft das große SUV durch den Berufsverkehr von Peking, kämpft sich über die Ring Roads raus auf die Autobahn, sprintet an der Ampel, schwimmt entspannt durch den Stopp-And-Go-Verkehr und der Bordcomputer zeigt noch immer über 1.000 Kilometer Reichweite. Das kennen Langnasen genau wie den kräftigen Antritt in diesem Segment allenfalls von den seligen Sechszylinder-Dieseln, die statt mit Durst mit Drehmoment imponiert haben.

Doch das war am anderen Ende der Welt und vor allem in einer anderen Zeit. Hier dagegen nagelt nix. Sondern die meiste Zeit surrt der XC70 flüsterleise durch den dichten Verkehr und kommt trotzdem weiter als jedes Elektroauto. Denn der Volvo, der seit letztem Sommer durch China fährt, trägt zwar ein vertrautes Kürzel, geht aber einen neuen Weg – und wird für die Nordländer zum ersten „Extended Range“-Plug-in-Hybrid mit XL-Akku.

Naturfreund
Mit bis zu drei Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse ist der XC70 bestückt. Damit sollten Ausflüge ins Gelände kein Problem sein.
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Mit bis zu drei Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse ist der XC70 bestückt. Damit sollten Ausflüge ins Gelände kein Problem sein.

Während in Göteborg gerade der vollelektrische EX60 als neuer Hoffnungsträger für die Generation E aufgebaut wird, setzen die Schweden am anderen Ende der Welt – und 2027 auch bei uns – mit dem Volvo XC70 PHEV auf maximale Flexibilität. Elektrisch Fahren? Ja, bitte! Aber immer und immer wieder eine Ladesäule suchen? Nein, danke! Sondern laden, wenn‘s passt, und ansonsten einfach tanken und weiterfahren. So lautet das Prinzip, das sich ausgerechnet im elektrischen Musterland China wachsender Beliebtheit erfreut. Und das den Schweden bald auch bei uns neue Kunden zuführen soll.

39,6 kWh großer Akku für 180 Kilometer Reichweite

Der XC70 des Modelljahres 2026 hat nichts mit dem rustikalen Offroad-Kombi der Jahrtausendwende gemein. Im chinesischen Remake ist daraus ein schnörkelloses SUV geworden, das sich mit 4,82 Metern Länge und 2,90 Metern Radstand zwischen EX60 und EX90 positioniert, den bekannten nordisch-nüchternen Stil prägt und genügend Platz auf allen Plätzen sowie immerhin 420 Liter Kofferraum bietet. 

Doch was wirklich zählt, steckt ohnehin unter dem Blech. Auf der neuen SMA-Plattform des Geely-Konzerns kombiniert Volvo bis zu drei Elektromotoren mit einem 1,5-Liter-Turbobenziner. Bereits die Basis bietet 21,2 kWh Batteriekapazität und rund 100 Kilometer elektrische Reichweite nach europäischer Norm. Im Topmodell wächst der Akku auf 39,6 kWh. Das ist gut für bis zu 180 Kilometer im EU-Zyklus und damit etwa doppelt so viel Speicherkapazität wie bei den meisten europäischen Konkurrenten – den hauseigenen XC60 PHEV (elektrische Reichweite 79 Kilometer nach WLTP-Norm) eingeschlossen. 

China-Style 
Der Innenraum des neuen Volvo XC70 spiegelt mit großen Monitoren und zwei Ladeschalen in der Mittelkonsole die Vorlieben des chinesischen Publikums wieder, lässt sich aber auch gut als nordisch-nüchtern verkaufen.
China-Style
Der Innenraum des neuen Volvo XC70 spiegelt mit großen Monitoren und zwei Ladeschalen in der Mittelkonsole die Vorlieben des chinesischen Publikums wieder, lässt sich aber auch gut als nordisch-nüchtern verkaufen.

In der Praxis verändert das die Charakteristik des Autos deutlich. Im Stadtverkehr und auf Pendelstrecken fährt der XC70 über weite Strecken wie ein reines Elektroauto. Der Magnetläufer übernimmt die Führung, spontan, leise, souverän. Erst wenn die Energie zur Neige geht ist oder der rechte Fuß schwer auf dem Pedal lastet, mischt sich der 156 PS starke Vierzylinder ein, verbrennt die 60 Liter aus dem Benzintank und ermöglicht so im besten Fall rund 1200 Kilometer ohne Boxenstopp. 

PS-starke Brücke in die Zukunft

Schon das Basismodell kommt so auf eine Systemleistung von 234 kW oder 318 PS. Wenn in der Top-Version auch an der Hinterachse eine E-Maschine installiert ist, steht eine Systemleistung von bis zu 340 kW oder 462 PS bereit. Dann gelingt der Sprint auf Tempo 100 in 5,3 Sekunden – bemerkenswert für ein komfortorientiertes SUV dieser Größe. Nur bei 180 km/h wird, Volvo-typisch, abgeregelt.

Das Fahrwerk ist klar auf Komfort abgestimmt. In China passt das perfekt, auf deutschen Autobahnen dürfte man sich eine präzisere Lenkung und etwas mehr Straffheit wünschen. Auch der Klang des Vierzylinders wirkt unter Last präsenter, als es zum sonst so kultivierten Auftritt passt. Doch das sind Details, die sich für den europäischen Markt leicht nachjustieren lassen.

Kurze Rast 
Bis zu 1200 Kilometer kann der Volvo XC70 dank der Kombination eines 60-Liter-Benzintanks mit einer 39,6 kWh großen Antriebsbatterie ohne Pause zurücklegen. Der Fahrer dürfte auf Fernreisen wie unser Autor trotzdem eine Pause nötig haben.
Kurze Rast
Bis zu 1200 Kilometer kann der Volvo XC70 dank der Kombination eines 60-Liter-Benzintanks mit einer 39,6 kWh großen Antriebsbatterie ohne Pause zurücklegen. Der Fahrer dürfte auf Fernreisen wie unser Autor trotzdem eine Pause nötig haben.

Viel spannender ist die strategische Dimension. Während einige deutsche Hersteller angesichts schleppender Nachfrage nach Elektroautos bereits wieder in neue Verbrenner-Plattformen investieren und nochmal ihre Benziner überarbeiten, verkneift sich Volvo die Rolle rückwärts. Stattdessen bauen die Schweden mit dem in China produzierten eine Brücke in die Zukunft: Ein Plug-in-Hybrid mit so großer Batterie, dass er im Alltag tatsächlich überwiegend elektrisch bewegt werden kann.

Großer Akku erhöht den Ladereiz

Das ist auch eine Antwort auf die Kritik, die Plug-in-Hybride zuletzt erfahren haben. Jüngste Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts ISI zeigen, dass viele PHEV im realen Betrieb deutlich höhere Energieverbräuche aufweisen als es die offiziellen WLTP-Werte verheißen. Der reale CO₂-Ausstoß im Alltag liegt teils um ein Mehrfaches über den dem Prüfstand ermittelten Werten – auch weil viele Nutzer den Akku nur selten laden und den Teilzeitstromer überwiegend im Hybrid- oder Verbrennermodus fahren. Der elektrische Fahranteil bleibt häufig hinter den theoretischen Annahmen zurück. Das Ergebnis: Ein technisches Versprechen, das im Alltag nur selten eingelöst wird.

Allzeit bereit
Der Volvo XC70 lädt daheim den Strom mit maximal 7,7 kW, unterwegs am Schnelllader mit bis zu 87 kW. Das sollte reichen.
Allzeit bereit
Der Volvo XC70 lädt daheim den Strom mit maximal 7,7 kW, unterwegs am Schnelllader mit bis zu 87 kW. Das sollte reichen.

Auch Volvo ist nicht davor nicht gefeit, dass Autokäufer aus Bequemlichkeit das Ladekabel im Kofferraum vergessen. Doch je größer der Akku, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, dass dieser unter der Woche doch mal geladen wird. Zumal der XC70 PHEV aus dem fernöstlichen Taizhou an einer Schnellladesäule Gleichstrom mit bis zu 87 kW aufnehmen kann, an der Wallbox Wechselstrom zweiphasig mit 7,7 kW.

Zumindest mit den 180 Norm-Kilometern des Top-Modells lassen sich so tatsächlich nennenswerte Alltagsanteile ohne Benzin bewältigen – ohne dass der Weg in den Urlaub oder der viel beschworene Besuch bei der entfernten Verwandtschaft zum Stresstest werden. Und wer mit einem billigen Strom-Tarif oder besser noch der eigenen PV-Anlage daheim lädt, spart obendrein noch Geld.

Preise in China starten bei 51.000 Euro

Erst recht, weil der XC70 sicher billiger wird als der aktuelle EX60. In der Plug-in-Version startet der in Deutschland bei knapp 68.000 Euro. Selbst wenn Volvo den Grundpreis in China von umgerechnet etwa 51.000 Euro beim XC70 auf dem Weg in den Westen nicht ganz wird halten können, gibt es damit auf jeden Fall mehr Auto für deutlich weniger Geld. Und vor allem mehr Reichweite.

Ungleiche Brüder
Nur ein Zentimeter in der Länge trennt den XC70 PHEV vom vollelektrischen Schwestermodell EX60. Fotos: Volvo

Dass Volvo diesen Weg parallel zum EX60 einschlägt, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Ein Hersteller, der sich lautstark zur vollelektrischen Zukunft bekannt hat, bringt jetzt einen neuen Plug-in-Hybriden und macht damit einen Schritt zurück oder zumindest zur Seite. Doch möglicherweise ist genau das die realistischere Strategie. Die Transformation verläuft langsamer als politisch geplant, Ladeinfrastruktur und Kundenakzeptanz entwickeln sich unterschiedlich schnell. Ein reines Entweder-oder greift zu kurz.

So steht der XC70 weniger für einen Rückschritt als für eine Absicherung. Er adressiert jene Kunden, die sich mit dem Gedanken an ein reines Elektroauto noch schwertun, aber dennoch einen substanziellen elektrischen Anteil im Alltag wollen. Er ist kein Feigenblatt-Plugin, sondern ein ernst gemeinter Versuch, die Brücke zur Elektromobilität tragfähiger zu machen. Während andere über die Rückkehr des Verbrenners diskutieren, versucht Volvo, den Übergang intelligenter zu gestalten: Nicht ideologisch vorpreschen und nicht ängstlich zurückrudern, sondern alle Optionen offenhalten. Zum Vorbild taugt der XC70 damit vielleicht nicht, dafür aber womöglich zum Verkaufserfolg. Und das nicht nur in China.

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