Alles war haarklein geplant. Nach der Einzelzulassung sollten mit dem Prototypen auf öffentlichen Straßen noch schnell rund 1000 Kilometer zurückgelegt werden, um letzte Schwächen der Konstruktion zu erkennen und zu beseitigen. Die Typgenehmigung, so hofften sie, würde Ende November vorliegen, danach könnte die Vorserienproduktion von 15 Exemplaren bei einem Auftragsfertiger in China starten. Im März 2026 würden dann die ersten Exemplare des Xyte One an Kunden ausgeliefert, in Paris, Rom und Mailand, München, Madrid und Barcelona.
So weit der Plan von Wolfgang Ziebart und seinen Mitstreitern. Doch dann das: Beim Fototermin in der Werkstatt im oberbayerischen Oberhub setzt sich Cheftechniker Axel Deicke hinter den Lenker des Prototypen, um ihn die Rampe hinauf ans Tageslicht zu befördern. Ein sanfter Dreh am Gasgriff – und das Dreirad macht einen Satz nach vorne. Deikes packt sofort den Bremshebel. Aber weil er mit dem Ballen seiner rechten Hand gleichzeitig den Gasgriff weiter nach innen dreht, bewegt sich der Roller noch zwei, drei Meter mit quietschenden Reifen – ehe er mit voller Wucht und lautem Knall gegen einen Betonpfeiler prallt. Deike bleibt unverletzt, aber die gläserne Frontscheibe des Scooter hat einen langen Riss. Und einer der beiden Scheinwerfer ist komplett hinüber, zersprungen in Dutzende kleine Teile.

Die erste Ausfahrt endet mit einem kapitalen Crash. Schaden nimmt allerdings nur die Verkleidung. Struktur und Fahrer bleiben heil. Fotos: Amelie Niederbuchner
Einen Augenblick herrscht in der Werkstatt Totenstille. Dann jedoch beginnt das Team schon mit der Schadenanalyse. Der Rahmen und die Radaufhängung sind bei dem Unfall heil geblieben, „Gott sei Dank“. Aber die Kunststoffhaube muss neu gedruckt und aus Shanghai herbeigeschafft werden, auch ein neuer Scheinwerfer – eine Spezialanfertigung – ist fällig. Vor allem, konstatiert Deicke („Ich bin kein Motorradfahrer“), müsse die Motorsteuerung überarbeitet werden: So giftig, wie der Antrieb auf einen leichten Dreh am Handgriff reagiere, könne man das Gefährt niemandem in die Hand geben.
Ziebart braucht derweil noch einen Augenblick, um sich von dem Schrecken zu erholen. In Gedanken hat er schon einen ersten Kostenvoranschlag erstellt. Eine Summe mag er nicht nennen. Nur so viel: „Das wird teuer.“
„Ältestes Start-up Deutschlands“
Xyte heißt das Projekt, in das der 75-Jährige in den zurückliegenden drei Jahren bereits einen Millionenbetrag gesteckt hat. Im Firmennamen steckt das englische Wort für aufregend – „excite“. Aber diese Art von Aufregung würde er sich gerne ersparen. Früher, als er bei BMW noch die technische Entwicklung leitete, bei Continental die Fertigung von Brems- und Airbag-Systemen verantwortete und bei Jaguar in England das Elektroauto i-Pace aus der Taufe hob, wäre ein solcher Unfallschaden eine Lappalie gewesen und wären die Reparaturkosten aus der Konzernkasse beglichen worden. Nun aber, bei Xyte Mobility, geht alles auf die eigene Rechnung. Das schmerzt.

Der elektrische Dachroller ist das Spätwerk von Wolfgang Ziebart. Erfahrungen aus seiner Zeit bei BMW und Jaguar flossen darin ein.
Jetzt aufgeben? Das kommt weder für Ziebart, noch für seine Mitstreiter infrage. „Hier lebe ich“, sagt Klaus Gersmann, der im Xyte-Team für die Karosserieentwicklung verantwortlich ist. Der 78-Jährige hat wie Ziebart lange für den BMW-Konzern gearbeitet. Der BMW Z1 war sein „Baby“, die genialen Hubtüren des Roadster waren seine Erfindung. Zuletzt leitete er bei Rolls-Royce in England die Karosserieentwicklung, gab in der Funktion dem RR01, dem ersten Phantom unter BMW-Regie, seine imposante Form. In ein Fahrzeug des Typs baute er sogar schon 2012 zu Testzwecken den Elektromotor einer Straßenbahn ein: „Es gibt schließlich nichts Effizienteres als einen Elektroantrieb.“ Sein damaliger Chef sei aber für die Idee nicht zu begeistern gewesen.
Zum Führungskreis von Xyte Mobility gehören neben Gersmann, Gründer Ziebart und Deicke (73) noch eine Reihe anderer Herren im fortgeschrittenen Alter. Vertriebschef Gianfranco Pizzuto, 64, und Chefdesigner Erik Kristopher Goplen, 59, zählen da noch zu den Jüngeren. „Wir sind das älteste Start-up Deutschlands“, witzelt Ziebart.
Old-Boys-Network
Und es ist ein Old-Boys-Network: Gemeinsam ist allen entweder eine BMW-Vergangenheit oder ein Bezug zu Unternehmen, für die Ziebart früher einmal tätig war. Goplen gestaltete als Creative Director von BMW Designworks in Los Angeles bis 2022 die Zukunft der bayerischen Automarke, Pizzuto war Markenbotschafter von Jaguar LandRover in Italien – und 2007 einer der ersten Investoren in das Elektroauto-Start-up des früheren BMW-Designers Henrik Fisker.
Wie kriegt man all diese Hochkaräter dazu, im Alter noch einmal aktiv zu werden, um einen dreirädrigen Roller mit Elektroantrieb, Schutzhaube und Neigetechnik auf die Straße zu bringen? Denn unter Altersarmut leidet keiner von ihnen – Gersmann hat seine Anteile am Unternehmen deshalb schon an seine Kinder übertragen. Und große Gewinne, da macht sich keiner von ihnen Illusionen, wird Xyte Mobility nicht abwerfen – die Produktionskosten sind hoch, die Absatzziele bescheiden: Im ersten Jahr wird aktuell mit einem Verkauf von gerade einmal 2000 Exemplaren gerechnet.

Der einsitzige und dreirädrige Xyte One ist das erste Modell der neuen Marke. Weitere Fahrzeuge sollen schon bald folgen.
„Ich hatte eigentlich gehofft, das mir Investoren die Bude einrennen würden“, gibt Ziebart zu. „Aber die haben in den vergangenen Jahren mit Flugtaxis und Kick-Scootern viel Geld verbrannt. Und wenn ich die Investoren darauf hinwies, dass es kein vergleichbares Fahrzeug gebe, entgegneten die: Wenn es keinen Wettbewerb gibt, gibt es auch keinen Markt.“ Ein früher Mitstreiter warf daraufhin das Handtuch.
Motorradunfall als Schlüsselerlebnis
Warum die Übrigen trotzdem viel Zeit, Herzblut und auch noch Geld in den Elektroroller investieren? Neben den sonstigen Aktivitäten: Ziebart ist immerhin auch noch Vorsitzender des Gesellschafterausschusses beim Autozulieferer Hella und leitet zudem den Aufsichtsrat von Nordex, des Herstellers von Windkraftanlagen aus Hamburg. „Die einzige dauerhafte Form irdischer Glückseligkeit“, zitiert der Xyte-Gründer den Schriftsteller Carl Zuckmeyer, „liegt im Bewußtsein der Produktivität.“
Und er erzählt von einem Schlüsselerlebnis aus seiner Kindheit: Im Alter von drei Jahren verunglückte er schwer, als er mit seinem Vater eine Motorradtour unternahm. Dabei erlitt er einen Schädelbasisbruch, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Die Kindheitserinnerung kam wieder hoch, als er vor drei Jahren einen Motorradhersteller in Indien beriet und das gefährliche Zweirad-Gewusel in den Megacities des Subkontinents sah. Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang sind da bis heute an der Tagesordnung. In Europa ist die Unfallgefahr zwar bei Weitem nicht so hoch. Aber auch hier fährt bei Motorradfahrern ständig die Gefahr mit, bei einem Unfall Extremitäten oder das Leben zu verlieren: Allein im vergangenen Jahr starben allein in Deutschland 513 Fahrer von Leichtkrafträdern, Motorrollern und Motorrädern. Gleichzeitig werden die Verkehrs- und Umweltprobleme in den Städten wegen der hohen Zahl an Autos immer größer – da machte es bei Ziebart Klick.
BMW C1 als Vorbild
Ein Elektromobil, so wendig und platzsparend wie ein Motorrad, aber auch so sicher wie ein Auto, ging ihm auf dem Heimflug von Indien nach Deutschland durch den Kopf, könnte beide Probleme mit einem Schlag lösen. Auch ein Produkt hatte er gleich vor Augen: Den Dachroller C1, den die BMW Technik GmbH zu seiner Zeit als Technikvorstand von BMW mit einem Aufwand von angeblich 200 Millionen D-Mark entwickelt hatte. Vor 25 Jahren kam das „innovative Fahrzeugkonzept auf zwei Rädern“ auf den Markt, mit einer Sicherheitszelle aus Aluminium über dem Fahrersitz, mit Riemenantrieb und einem Einzylinder-Viertaktmotor mit 125 Kubikzentimetern Hubraum, der wahlweise 15 oder 18 PS Leistung brachte. Ein Dach schützte den Fahrer vor Wind und Wetter, der dank eines Sicherheitsgurtes und des Schutzbügels über seinem Kopf auf einen Helm verzichten konnte. Ein Erfolg wurde der Sonderling gleichwohl nicht: Nach nur drei Jahren und rund 34 000 Exemplaren wurde die Produktion des einsitzigen Kabinenrollers wieder eingestellt.

Als Studie für den urbanen Verkehr präsentierte BMW schon 2009 das elektrische Konzeptfahrzeug C1-e. Es blieb ein Unikat. Foto: BMW
War die Zeit für ein solches Konzept damals einfach noch nicht reif? Oder gab es andere Gründe für den Mißerfolg? Ziebarth setzt sich mit den ehemaligen Entwicklern des C1 an den Tisch und arbeitet die Schwachstrellen systematisch heraus. Die Räder waren mit 13 bzw. 12 Zoll zu klein dimensioniert, der Motor zu schwach, der Schwerpunkt zu hoch. „Bei niedrigen Geschwindigkeiten war die Stabilität deshalb zu gering“, ergibt die Analyse. Mancher C1 kippte deshalb bei einem Halt an der Verkehrsampel einfach um. Aber das Sicherheitskonzept war gut: „Mit dem C1 gab es keinen einzigen tödlichen Unfall. Den schwersten hatte ein Pfarrer in Paris. Aber auch der ist dabei mehr oder weniger unverletzt ausgestiegen.“
7,6 kWh großer Akku liefert Power für 130 Kilometer
Der Xyte One ist so gesehen konzeptionell die Weiterentwicklung des BMW C1. Die Mängelliste des Vorbilds ist hier Punkt für Punkt abgearbeitet. Die Räder sind nicht nur zwei Nummern größer, es gibt wie beim Piaggio MP3 und dem Peugeot Metropolis auch gleich drei davon: Zwei an der Vorderachse, eines an der Hinterachse. „Das hat gleich mehrere Vorteile“, erklärt der Xyte-Chef. „Es ist dank der Neigetechnik auf kurvigen Strecken viel dynamischer und sorgt für Stabilität bei Bremsvorgängen.“ Und wenn das Fahrzeug steht, kann es nicht umkippen – die Neigetechnik stellt den Roller automatisch senkrecht. Zudem sorgt der 7,6 Kilowattstunden fassende Lithium-Ionen-Akku unter den Füßen des Fahrers für einen niedrigen Schwerpunkt. Und der 19 Kilowatt starke Elektromotor für eine Dynamik, die dem C1 von BMW fremd war. In 2,5 Sekunden soll Tempo 50 erreicht sein. Und erst bei 100 km/h wird der Vorwärtsdrang mit Rücksicht auf die Reichweite abgeregelt: Mit einer Akkuladung sollen immerhin 130 Kilometer ohne Ladepause zurückgelegt werden können.

Wolfgang Ziebart kam die Idee zum Dachroller Xyte One bei einem Besuch in Indien. Daheim angekommen, skizzierte er das Grundkonzept zunächst auf Papier, um es dann später in ein CAD-System zu übertragen – nach einem Crash-Kurs am Computer.
Angeboten wird der Xyte One zu einem Einführungspreis von 12.900 Euro für die ersten 500 Exemplare der vollausgestatteten Launch-Edition. Später soll noch eine Version mit stärkerer und kompakterer E-Maschine angeboten werden. Ein ehemaliger Motorenentwickler von Jaguar arbeitet bereits daran. Die aktuelle Maschine kommt aus Italien, wird in ähnlicher Form im Microlino verbaut. Und angedacht ist bereits ein Modell darunter, etwas kleiner und preiswerter sowie mit Radnabenmotor.
BMW setzt mit Vision CE auf ein eigenes Fahrzeug
„Der Xyte One ist nicht der Endpunkt, sondern ein Anfang“, stellt Ziebart klar. Gerne hätte er deshalb auch den Dachroller zusammen mit BMW zur Serienreife gebracht, produziert und vertrieben. Markus Flasch, dem Chef von BMW Motorrad, hat er im vergangenen Jahr sein Konzept präsentiert und dem Konzern eine Beteiligung von 30 Prozent an Xyte Mobility angeboten. Doch nach vier Wochen Bedenkzeit ließ Flasch wissen, dass man etwas Vergleichbares selbst bauen werde. Auf der IAA Mobility in München präsentierte Flasch dann den Vision CE, ein einspuriges und einsitziges Elektro-Motorrad mit Balancierfunktion sowie einem Metallrohrverbund als eine Art Überrollbügel und als Lehne für den Fahrer. Ob der Vision CE nur ein Showstück bleibt oder als Vorbote einer Neuauflage des C1 gedacht ist, ließ BMW auf der Messe offen. Ebenso wie den Preis.

Auf der IAA Mobility in München präsentierte 2025 BMW den einspurigen Elektro-Scooter Vision CE. Vorausgegangen waren intensive Gespräche des Chefs der BMW-Motorrad-Sparte mit dem Team von Xyte Mobility über eine mögliche Kooperation. Foto: BMW
Ziebart hat sich den Vision CE auf der Messe natürlich genau angesehen und ist skeptisch. BMW habe im Grunde dem Elektroroller CE04 (Basispreis: 12 950 Euro) lediglich einen Rahmen verpasst. Bei der Fixkostenstruktur von BMW Motorrad laufe das auf einen Preis von 20.000 Euro hinaus – und da werde auch bei BMW die Luft dünn.
„Niemand fragte nach einer Verbrenner-Variante“
Da rechnet er sich für den Xyte One schon größere Marktchancen aus. Die Resonanz auf den eigenen Prototypen auf der Messe sei sehr positiv gewesen. Vor allem bei Frauen sei der Roller sehr gut angekommen. Auch wegen des Kofferraums hinter dem Fahrersitz. Ziebart: „Und interessanterweise hat niemand der Besucher unseres Stands nach einer Verbrenner-Variante gefragt.“ Der Elektroantrieb werde inzwischen offenbar als selbstverständlich erachtet.
Über das Internet seien inzwischen die ersten Vorbestellungen samt Anzahlungen in Höhe von 250 Euro eingetroffen. Sogar aus den USA hätten sich schon Interessenten gemeldet, die eine umweltfreundliche Transportalternative für den Pendelverkehr suchen. „In der Stadt hat ein Auto keinen sinnvollen Platz mehr“
Mit einem Wort: Eigentlich lässt es sich sehr gut an. Jetzt muss nur der Prototyp für die Einzelabnahme schleunigst wieder hergerichtet werden. Die Zeit drängt.